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Interview mit Matthias Wahls
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Wir sprachen mit dem mehrfachen deutschen Meister GM Matthias Wahls.
Homepage von Matthias Wahls
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| Name: |
Matthias Wahls |
| Wohnort: |
Hamburg |
| Beruf: |
Autor und Schachlehrer |
| Verein: |
HSK von 1830 e.V. |
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Herr Wahls,
seit Sie als 9 jähriger Bube 1977 in den Schachverein "Union Elmsbüttel" eingetreten sind, haben Sie als Schachspieler eine Menge erreicht. Es würde vom Platzangebot her unseren Rahmen sprengen, wollten wir hier all Ihre sportlichen Erfolge aufzählen. Dennoch entschieden Sie 1997 , sich als spielender Schachprofi zurückzuziehen. Inzwischen betätigen Sie sich als Schachtrainer, Kommentator und Schachbuchautor. Ihr Buch "Modernes Skandinavisch" gilt nicht nur in der deutschsprachigen Schachwelt inzwischen als eine Art Standardwerk. Sie geben außerdem kostenlose Lektionen auf dem Schachserver von Chessbase und spielen in der 1. Bundesliga beim HSK. Zu welchem Schluss kommen Sie nun ? Hat sich rückblickend betrachtet Ihre mutige Entscheidung von 1997 als richtig herausgestellt ?
Die Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten, da ich nicht weiß, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich spielender Profi geblieben wäre. Damit sind wir übrigens bei einem Vorteil des Schachs gegenüber dem „richtigen Leben“ angelangt. Hege ich Zweifel ob der Qualität eines Zuges, so kann ich in der nächsten Partie eine Alternative ausprobieren, also einen anderen „Lebensentwurf“ in die Praxis umsetzen. Im richtigen Leben lässt sich die Zeit natürlich nicht zurück drehen. So viel kann ich aber sagen: meine damalige Entscheidung erscheint mir immer noch sehr plausibel zu sein. Ich hatte damals auf die Durchbrechung der 2600er - Schallmauer hingearbeitet, was mir auch gelang. Parallel dazu konnte ich zweimal hintereinander den Titel des Deutschen Meisters erlangen. Ich befand mich auf dem Höhepunkt meiner Schachkarriere und ging davon aus, Einladungen zu starken Turnieren zu erhalten. Leider sollte sich das als Irrtum erweisen. Es änderte sich kaum etwas an meiner finanziellen Situation. Ernüchtert von der Einsicht einer Illusion gefolgt zu sein, sah ich mich nach Alternativen um. Damals gab ich meine ersten Schachseminare, was mir sehr gefiel. Ferner interessierte ich mich sehr für den Kapitalmarkt. Im Bekanntenkreis ergab sich die Möglichkeit einer AG-Gründung und ich zögerte nicht lange dort mitzumachen. Gesellschaftszweck war die Etablierung eines Immobilienportals im Internet. Im Zentrum stand dabei der Verkauf von Werbefläche an Immobilienmakler im Zusammenhang mit einer großen Datenbank und Suchmaschine. Unser Konzept war schlüssig und so fand sich bald eine große deutsche Beteiligungsgesellschaft als Partner. Leider geriet der Kapitalmarkt dann in große Turbulenzen und unser Finanzier in Schwierigkeiten. Als Folge wurde der Geldhahn zugedreht, was für uns, die wir uns noch in der Aufbauphase befanden, die Insolvenz bedeutete. Nach diesem Fehlschlag zog ich Plan B aus der Schublade und das war der Ausbau der Schachseminare. Schachseminare zu geben ist schwieriger als „einfach nur“ gut Schach zu spielen, denn es bedarf mehrerer Fähigkeiten. Zum einen muss man sich durch gutes Spielen im Vorfeld einen gewissen Ruf aufgebaut haben, sonst bleiben die Teilnehmer zu Hause. Dann braucht es didaktische Fähigkeiten. Viele Schachspieler spielen erfolgreich, können ihr Erfolgsgeheimnis aber nicht weiter geben. Man muss Schach von der Meta-Ebene aus betrachten, um darüber sprechen zu können. Ferner ist es nicht jedem gegeben vor einem Auditorium frei und dann auch noch möglichst unterhaltsam zu sprechen. Last but not least ist da noch der Komplex Verwaltung/Marketing zu bewältigen, mit Sicherheit nicht jedermanns Geschmack. In der Quintessenz ist die Seminartätigkeit eine hoch spezialisierte Beschäftigung, die nicht jeder ausüben kann, nur weil er gut Schach zu spielen versteht. Ich hatte also meine Nische gefunden. Seit acht Monaten habe ich mir übrigens ein weiteres Standbein aufgebaut, was für die meisten Leser wahrscheinlich recht exotisch klingen mag. Neben den Seminaren verdiene ich ziemlich gutes Geld mit Online-Pokern. Beim Pokern kommen mir meine Fähigkeiten zu Gute, die ich über Jahrzehnte durchs Schachspielen entwickelt habe. Wer wissen möchte, warum Pokern kein Glücksspiel ist und wie man systematisch damit Erfolg haben kann, der findet dazu Ausführungen auf meiner Webseite.
Ihrer Homepage lässt sich entnehmen, das Sie derzeit 15 Seminare im Repertoire haben. Diese dauern etliche Stunden und gehen in der Regel über 2 Tage. Wenn nun einigen Schachfreunden ein Schauer über den Rücken läuft, weil sie sich an dunkle Stunden in der Schulzeit zurück erinnern- was sagen Sie denen ? Wie genau muss man sich ein solches Seminar vorstellen und mit welchen Mitteln gelingt es Ihnen, sich die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu sichern.
Der Unterschied zwischen Schachseminaren und Schulunterricht ist vor allem folgender: meine Teilnehmer kommen freiwillig und sind hoch motiviert. Sie versprechen sich durch die Teilnahme vor allem eine Steigerung der Spielstärke. Wie man auf meiner Feedback-Seite sehen kann, ist diese bei einigen Teilnehmern auch eingetreten. Das Format „Wochenendseminar“ hat sich bewährt und ist nicht durch ein anderes zu ersetzen. Zumindest ich bin nicht in der Lage, hoch komplexe Themen – und so ist nun mal das Wesen des Schachs- in einer kürzeren Zeit zu behandeln. Im übrigen versuche ich stets mit etwas Humor die ernsten schachlichen Themen ein wenig aufzulockern. Langeweile kommt da hoffentlich selten auf.
Welche Visionen haben Sie für Zukunft, was die Gestaltung Ihrer Seminare betrifft ?
Mittlerweile bin ich neun Jahre im Geschäft und habe meinen Stil gefunden. Einen Quantensprung in der Darbietungsweise gab es letztes Jahr durch den Einsatz eines Videoprojektors. Ich werde definitiv nie wieder ein Seminar mit Demobrett abhalten! So gewaltig ist der Unterschied in Hinsicht auf Geschwindigkeit, optische Qualität und die Möglichkeit auf Nachfragen an jede beliebige Stelle in der Partie zu springen. So wie es jetzt ist, kann es bleiben.
Angenommen, ein Verein aus Klein-Kleckersdorf plant ein Schachevent und möchte Sie für eine Simultanveranstaltung gewinnen. Wie sollte die Organisation und Vorbereitung im Idealfalle aus Ihrer Sicht ablaufen und was kostet das Ganze ?
Für Simultanveranstaltungen stehe ich nicht mehr zur Verfügung.
Welche konkreten Schwierigkeiten gibt es bei der Fertigstellung des lang erwarteten Buches "Modernes Skandinavisch II"?
Die Schwierigkeiten lagen in der Vergangenheit. Es war eine Mischung aus mangelnder Motivation und tatsächlich wenig Zeit. Durch die Unterstützung von Karsten Müller und Hannes Langrock sollte das Buch nun in wenigen Monaten erscheinen.
Die meisten unserer User sind Schachfreunde, die einfach nur Spaß haben wollen am Schachspiel. Die große Schachpolitik interessiert da meistens kaum noch jemanden. Zu abgehoben scheint da so mancher Großmeister und deren Sorgen sind Probleme aus einer fernen Welt. Eine Ausnahme scheint uns da der jüngst erklärte Rücktritt von Garry Kasparov aus dem Profi-Schachzirkus. Dieser wurde weithin diskutiert und zuweilen gab es so etwas wie ein Verlustgefühl. Was ist der Schachwelt mit dem Rücktritt von K. verloren gegangen ? Muss man nun möglicherweise fürchten, das es der Schachwelt zukünftig an Aufmerksamkeit mangelt bspw. in den Medien ?
Von schachpolitischen Dingen verstehe ich nichts. Aber ich könnte mir vorstellen, das Kasparov „von außen“ auch einiges für die Schachwelt tun kann.
Herr Kasparov begründete seinen Rücktritt u.a mit der schlechten Situation in der Schachwelt und machte dafür die FIDE maßgeblich verantwortlich. Was ist aus Ihrer Sicht denn so beklagenswert an der Politik der FIDE ? Angenommen, Sie selbst wären Chef der FIDE, welche Sofortmaßnahmen würden Sie einleiten ?
Nach meiner Wahrnehmung waren viele der führenden Fide-Funktionäre in der Vergangenheit zu sehr auf ihr eigenes Wohl bedacht. Einige haben ihr Amt sicherlich mißbraucht. Von der Fide erwarte ich nicht viel.
Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Leistung in der grade abgelaufenen Bundesliga –Saison ? Bei welchen Turnieren wird man Sie in der Sommerpause sehen können ?
Nachdem ich 1997 meine Schachprofikarriere beendete, habe ich so gut wie keine Turniere mehr gespielt. Dementsprechend schlecht ist meine Turnierhärte. Der Anfang der diesjährigen Bundesligasaison war ziemlich verkorkst, weil ich ziemlich häufig in Zeitnot kam. Kein Wunder, die letzte Übung hatte ich ja durch die Abschlusspartie der Vorgängersaison. Ein Schachturnier werde ich in diesem Jahr garantiert nicht spielen, aber ein Pokerturnier würde mich schon reizen.
In jedem unserer Interviews wollen wir den Gesprächspartnern auch Gelegenheit geben, über den eigenen Verein zu sprechen. Ihr Verein, der HSK feiert in diesem Jahr sein 175 jähriges Bestehen. Sind Sie selbst bei den Feierlichkeiten in irgend einer Form eingebunden ? Welche Veranstaltungen gibt es und sind Sie möglicherweise auch beim
Hamburger Schachfestival als Spieler dabei ?
Meine ehrenamtliche Tätigkeit im HSK beschränkt sich auf die Bereitstellung gelegentlicher Seminarfreiplätze und Sonderkonditionen für Klubmitglieder. Anläßlich unseres Jubiläums werde ich beim Schachfestival unentgeltlich als Kommentator zugegen sein.
Bleibt bei all Ihren vielen Schachaktivitäten auch Zeit für die Familie?
Ich bin unverheiratet. Zeit fürs Privatleben ist vorhanden. Glücklicherweise bin ich kein Top-Manager.
Wir bedanken uns für das Gespräch schachlinks.com
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