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Interview mit Arno Nickel
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Wir sprachen mit dem Berliner Fernschach-Großmeister und Verleger Arno Nickel.
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| Name: |
Arno Nickel |
| Wohnort: |
Berlin |
| Beruf: |
Schachverleger, Fernschach-Großmeister |
| Verein: |
z.Zt. inaktiv |
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Herr Nickel, Sie liegen derzeit mit einer Fernschach-
Elo von 2590 auf Platz 97 der Weltrangliste und sind seit
2001 Fernschach-Großmeister. Welches waren Ihre wichtigsten
Stationen auf diesem Weg?
Mein größter und wichtigster Erfolg ist zweifellos die Qualifikation zum Finale der 21. Fernschach-Weltmeisterschaft, das gerade begonnen hat. Von einem solchen Ziel wagt man, wenn man seine ersten Turniere in der Meisterklasse bestreitet, kaum zu träumen, und doch ist es für viele der geheime Traum, von dem man weiß, daß es zwischen zehn und zwanzig Jahren dauern kann, wenn denn überhaupt... Ich spielte in einem ziemlich starken Kandidatenturnier, unter anderem mit dem schwedischen FIDE-GM Ralf Akesson, der nach langen Jahren mal wieder den Drang verspürte, sich mit Fernschachtraining für das Nahschach zu "dopen". Es hat Spaß gemacht, sich während der Partie ein wenig näher zu kommen. Ralf hat die Gelegenheit genutzt, sein Deutsch aufzupolieren, und ich habe mich mit ihm über einige schachliche Fragen ausgetauscht.Solche Dinge bleiben einem oft als wertvoller in Erinnerung als die schnöde Statistik der Punkte, die man erzielt hat. Ich wollte mit Weiß gegen den früheren Junioren-Europameister, der Anfang der 80er Jahre ein echtes Talent war, gewinnen, aber Ralf Akesson hat sich in seine Partien voll reingekniet, da war kaum etwas zu machen. Er hat die Pfade jenseits der Herrschaft der Computer gesucht - und gefunden! Immerhin hat es mich nach unserem voll ausgekämpften Remis (in einem Damengambit) gefreut, daß er sich die ganze Zeit über nicht wohl gefühlt hat in unserer Partie. Und es hat mich auch gefreut, daß er das Kandidatenturnier gewonnen hat, wenn auch punktgleich mit dem Russen Alexander Pankratov, der dort etwas glücklich landete, weil der Schiedsrichter einem seiner Gegner (in Remisstellung!) wegen dauernden Querulantentums die "rote Karte" zeigte und diesen nullte. Dr. Joachim Hofstetter, der mit ihm auf Kriegsfuß stand, wird dieses Turnier sicherlich nicht in allerbester Erinnerung behalten...Doch zurück zu Ihrer Frage: Ich gewann 1991 das dreistufige Jubiläums-Meisterklassenturnier aus Anlaß des 40jährigen Bestehens des Deutschen Fernschachbundes (BdF). Das ist meines Erachtens vergleichbar mit einer Deutschen Meisterschaft. An einigen solchen habe ich danach auch recht erfolgreich teilgenommen, wenn auch der ganz große Wurf ausblieb. Immerhin wurde ich bei der 30.DFM-Endrunde Zweiter hinter dem Thüringer Frank Gerhard, der sich auch schon seit einigen Jahren jenseits der 2600er Elo-Marge hält.Im Fernschach stößt man bei Erfolgen ziemlich schnell auf ein Zeitproblem. So habe ich mich vor Jahren für eine Europameisterschafts-Endrunde qualifiziert, aber vorerst keine Zeit, dort mitzuspielen. Etwa um das Jahr 2000 habe ich ein russisches Einladungsturnier zum Gedenken an Carl Friedrich Jänisch mit großem Vorsprung gewonnen. Das haben mir die Russen nicht so gern gegönnt und mich gleich wieder eingeladen, zum Botwinnik-Gedenkturnier. Ich habe zugesagt, obwohl ich zu wenig Zeit hatte. Das Turnier wurde schließlich völlig zerfahren, weil zwei starke Spieler aus berechtigtem Protest gegen den Turnierleiter mittendrin zurücktraten. Auch so etwas gibt es im Fernschach. Ich landete irgendwo im Mittelfeld, was mich nicht störte. Aber die Tatsache, daß der Turniersieger seine letzten Punkte per Abschätzung durch ein Schiedsgericht einsammeln ließ, wobei er diese Partien selbst verschleppt hatte, fand ich dann doch ein wenig krass. Botwinnik hätte sich im Grabe umgedreht, wenn er von diesem "Gedenkturnier" erfahren hätte.
Wer ist ihrer Ansicht nach der Favorit beim 21.WM-Finale?
Ganz ohne Frage Joop van Oosterom, der kürzlich schon das gut besetzte 18.WM-Finale (vor Elwert, Schön, Soltau u.a.) souverän gewonnen hat und mit einer Fernschach-Elo von 2777 derzeit die Weltrangliste anführt. Es scheint, daß er einen Weltrekord in Sachen WM-Titel ansteuert, denn anders kann ich mir seine neuerliche Teilnahme kaum erklären. Er könnte als bedeutendster Schachmäzen ja auch andere - noch interessantere - Fernturniere ins Leben rufen, wie er es schon verschiedentlich getan hat, und dort mitspielen. Neben van Oosterom sind einige der "üblichen Verdächtigen", also +2600er, stark zu beachten, so der bereits erwähnte und sehr erfahrene Achim Soltau, der als pensionierter Richter jetzt genügend Zeit hat, sich in seine Partien hineinzuknien, aber wohl auch ziemlich viel spielt, wenn mich mein Eindruck nicht trügt. Dann die beiden Newcomer Hector Walsh aus Argentinien und der Russe Semen Pinkovetsky, die sehr hohe Elo-Zahlen haben, aber meines Erachtens noch nicht gegen soviele starke Gegner gespielt haben wie manch andere in diesem Turnier. Seine erste Fernschach-WM spielt hier übrigens Stephan Busemann, der seit langem ebenfalls zur 2600er Kaste zählt, aber beruflich bedingt eher weniger spielt. Ihn erwarte ich in jedem Fall auch auf einem der vorderen Plätze. Der FIDE-IM Alois Lanc und der bekannte Skandinavisch-Theoretiker FM László Jakobetz fallen elomäßig deutlich ab, aber schlagen muß man sie auch erst einmal, und so etwas kann leicht nach hinten losgehen. Schließlich kommen noch einige Greenhorns in dem 15 Mann-Feld, zu denen ich mich, was das absolute Spitzen-Fernschach anbelangt, ebenfalls zähle.
Welches ist der bevorzugte Kommunikationsweg in so einem hochkarätigen Fernschach-Wettkampf. Gibt es tatsächlich noch eine konservative „Postkarten-Fraktion“ Welche Art der Zugübermittlung bevorzugen Sie selbst?
Um mit der letzten Frage zu beginnen: Ich bevorzuge das Spiel auf einem Server, was meines Erachtens auch für eine WM-Endrunde angemessen wäre. Laut Befragung hätten 13 der 15 Finalisten dem Spiel auf dem ICCF-Server zugestimmt, offenbar zwei zu wenig, um dies in die Tat umzusetzen. Der Weltfernschachverband tut sich mit seiner Modernisierung noch etwas schwer und schleppt veraltete Turnierregularien mit sich herum. Ich denke aber, man wird dies in naher Zukunft ändern und sich den Herausforderungen der Zeit endlich voll stellen. Es gibt tatsächlich noch Anhänger des Postkartenschachs, und zwar gar nicht einmal so wenige, obwohl die Portokosten heutzutage alles andere als einladend sind. In Spitzenturnieren haben Postkarten aber meines Erachtens heute nichts mehr zu suchen. E-mail, wie es bei den meisten Turnieren läuft, ist dagegen akzeptabel, u.a. auch um die Turniere in einem erträglichen zeitlichen Rahmen austragen zu können. Viel besser ist allerdings in technischer Hinsicht (weniger Arbeitsaufwand und bessere Kontrolle) der Server, mit dem die Partien außerdem endlich auch öffentlich mit einer leichten Zeitverzögerung gezeigt werden können. Das schafft einerseits für die Teilnehmer selbst mehr Turnieratmosphäre und ist andererseits auch eine gute Werbung nach außen, da jedermann die Partien verfolgen kann. Gerade das wollen aber einige wenige Gegner des Serverschachs nicht so recht. Sie möchten Ihre "Neuerungen" und ihr aktuelles Eröffnungsrepertoire lieber für sich behalten.
Wie viele Partien bestreiten Sie derzeit ?
Mit dem neuen Turnier sind es 36, wobei aber gut ein Dutzend am auslaufen sind. Ich hätte mir natürlich gern gewünscht, daß ich für die WM nur diese 14 Partien zu laufen habe, aber man kann es sich nicht immer so einrichten, wie man es gern haben möchte. Parallel zu den Einzelturnieren läuft seit 2002 international die Champions League, wo ich in der obersten Klasse als Manschaftskapitän einer starkes Team betreue und selbst mitspiele. Das sind pro Saison 10 Partien. Mit in unserer Viererbande, die sich Safer Sacs Berlin nennt, sind GM Heinrich Burger, IM Rainer Albrecht und FIDE-FM Ralf-Axel Simon.
Außerdem spiele ich seit einigen Jahren intensiv auf dem hervorragenden Fernschachserver Chessfriend.com, der 2003 eine eigene hochkarätige WM-Serie ins Leben gerufen hat, wenn diese auch erst seit 2005 offiziell als "WM" deklariert wurde. Der Server wirbt mit attraktiven Geldpreisen, und ich finde das auch richtig so. Hochwertiges Fernschach ist harte Arbeit und verlangt eine Reihe eigener Qualitäten, über die selbst Nahschach-GMs nicht automatisch verfügen, denn es geht eher in Richtung wissenschaftliches Arbeiten. Daher sind viele Partien in puncto Genauigkeit auf sehr hohem Niveau, höher als es im Nahschach je möglich wäre. Derzeit ist Exweltmeister Michail Umansky eine der markantesten Fernschachpersönlichkeiten auf dem Chessfriend-Server.
Zur großen Freude der Schachgemeinde haben Sie sich in jüngerer Vergangenheit auf Duelle mit verschiedenen Schach-Engines eingelassen. Sie spielten zunächst gegen Hobbyschachspieler mit schneller Hardware, die jeweils ein Schachprogramm betreuten (Fritz, Shredder, Hiarcs, Junior, ChessTiger und The King) und später gegen die bärenstarke Hydra. Beide Wettkämpfe verliefen im Ergebnis recht unterschiedlich. Welche Gründe gibt es dafür und lassen sich beide Duelle überhaupt vergleichen ?
Sie sprechen ein sehr komplexes Thema an, zu dem ich eine Reihe von Beiträgen geschrieben habe. Im Grunde habe ich versucht, zwei verschiedene Bereiche, man kann fast sagen: Lager, zu einem ständigen Dialog zusammenzuführen, nämlich die Fernschachspieler und Schachanalytiker auf der einen und die Computerschachspieler bzw. -experten auf der anderen Seite. Ich habe mir vorgestellt, daß beide Seiten ein wenig von ihrem hohen Roß herunterkommen, also bereiter sind als bisher, voneinander zu lernen und im Idealfall an einem gemeinsamen Strang zu ziehen, der meines Erachtens durch das von Garri Kasparow angeregte Modell des Advanced Chess recht gut symbolisiert wird. Die Fernschachspieler sollten sich offener als bisher zur zentralen Rolle der Computer bei ihrer Analysearbeit bekennen und dies auch differenziert reflektieren, während die Computerschächer die hohe Qualität menschlichen Schachwissens und menschlicher Schachfähigkeiten stärker in Betracht ziehen und auch diesbezügliche Studien unterstützen sollten. Ein bißchen ist diese Vision im Laufe der Jahre Realität geworden, aber viel weniger, als ich es erhofft hatte. Tatsächlich sind auf der öffentlichen Bühne immer die Schreihälse und Besserwisser am stärksten präsent und heizen sich gegenseitig auf, wie ich in vielen Forumsdiskussionen immer wieder feststellen mußte. Manche Leute haben sich an meinem Simultanmatch gegen sechs anonym spielende Spitzen-Engines, das sogenannte Planetenmatch (da die Gegner Venus, Mars, Jupiter, Saturn, Neptun und Pluto hießen), so hochgezogen wie an einem Boxkampf, das heißt absolut ergebnisorientiert und ohne sonderliches Interesse an differenzierten Fragestellungen, die sich auf den Inhalt und das Geschehen der Partien beziehen. Ich selbst habe versucht, alles Mögliche unter einen Hut zu bringen und startete in das Match eher mit einer Haltung wie: Hoffentlich machen sie es mir nicht zu leicht, indem sie zu schwache Buchzüge spielen oder frühzeitig auf positionellen Abwegen wandeln. Da schwang – teilweise wider besseren Wissens – eine gehörige Portion Unterschätzung mit, weshalb ich statt eines erwarteten Matchsieges in Höhe von etwa 4,5 : 1,5 (oder 4 : 2) eine knappe Niederlage von 2,5 : 3,5 quittieren mußte.In dem Zusammenhang spielten allerdings auch die in sich widersprüchlichen und nicht ausreichend klaren Regeln zur Rolle der Bediener eine gewisse Rolle. Letztlich wurde das Ganze zu einem Lehrstück, aus dem alle Beteiligten etwas lernen konnten, wobei die eigentliche Forschungsarbeit, nämlich das Auswerten der Logfiles und meiner eigenen Schachanalysen, immer noch aussteht. Ich hoffe, daß ich dazu irgendwann mal komme, denn sonst wäre das ganze Projekt etwas überdimensioniert gewesen. Mein Match gegen Hydra Chimera, also die ältere, 16-Cluster Version, stand dann ganz im Zeichen einer Erfolgsstrategie, bei der ich ständig versuchte, Risiken zu minimieren oder wenigstens unter wachsamer Kontrolle zu halten. Mein 2 : 0 Sieg ist letztlich etwas glücklich ausgefallen, genauso glücklich wie Hydras übertrieben hoher Sieg gegen Michael Adams, der bekanntlich nur ein Remis aus sechs Partien erzielte. Interessant sind nun meine Fernpartien 3 und 4 gegen die neue Hydra Scylla, die auf 32 Parallelrechnern läuft und schachlich deutlich zugelegt hat, nicht zuletzt aufgrund der intensiven Mitarbeit von Christopher Lutz. Zur Zeit läuft die 3. Partie, in der ich mit Schwarz die Russische Verteidigung gewählt habe und mich im 20. Zug ziemlich auf der sicheren Seite fühle. Erst nach dieser Partie will das Hydra Team, das hier eine hervorragende Gelegenheit zum Testen sieht, die 4. Partie in Angriff nehmen.
Mit Ihrem klaren Sieg gegen Hydra haben Sie bestätigt, was derzeit noch unstrittig ist. Im Fernschach sind die Schachprogramme den Großmeistern unterlegen. Doch muss man keine hellseherische Begabung haben, um auch für das Fernschach das Ende der menschlichen Dominanz zu prognostizieren. Mittelmäßige Fernschachfreunde in den unterklassigen Fernschachwettkämpfen wähnen sich bereits heute in einem Wettkampf der Schachprogramme und der Datenbanken. Welche Auswege aus diesem Dilemma gibt es für die Fernschachszene ? Oder gibt es das von uns beschriebene Problem gar nicht?
Eine sehr schwierige und komplexe Frage, denn sie betrifft die gesamte Zukunft des Fernschachs und eigentlich darüber hinaus auch die des Schachs überhaupt, denn der Computer spielt ja auch im Nahschach eine immer größere Rolle als Analyseinstrument und Trainingswerkzeug ebenso wie in Gestalt von Datenbanken.
Ich bewerte meinen 2 : 0 Sieg gegen Hydra nicht als Sieg des Menschen über die Maschine, denn ich habe ja selbst auch intensiven Gebrauch von Programmen wie Fritz und Shredder gemacht. Worum es meines Erachtens vielmehr geht, ist der sinnvolle Gebrauch des Computers durch den Menschen. Ich möchte eigentlich aufzeigen, daß der Mensch - so banal es klingt - die Kontrolle über den Computer behalten und seinem eigenen kritischen Verstand vertrauen soll. Über den Wert des menschlichen Schachwissens und Schachverständnisses wird nicht in Mensch-Maschine-Duellen entschieden (wie zuletzt beim Massaker Hydra-Adams in London 2005), sondern - wenn überhaupt - dann auf schachanalytischem Gebiet. Fernschach ist eine permanente Schachanalyse und insofern ein nahezu ideales Versuchsfeld für diese Fragestellung. Nur wird darüber aus unterschiedlichen Gründen kaum etwas veröffentlicht. Die meisten Fernschachspieler haben nur ihren sportlichen Erfolg und ihre persönlichen Interessen im Vordergrund. Sie begreifen sich leider nicht als Mitglieder einer zukunftsorientierten Community, die das Schachspiel und die Rolle von Schachprogrammen erforschen will bzw. sollte. Vermutlich gehen auch die meisten Fernschachspieler nicht sehr systematisch mit dem Computer um, sondern beuten ihn schlicht nach ihren momentanen opportunen Bedürfnissen aus. Ich meine dagegen, daß man das moderne Fernschach ganz bewußt als die fortgeschrittenste Form des Advanced Chess propagieren und sich keineswegs wegen des Computergebrauchs verstecken sollte. Ganz im Gegenteil: Wer moderne Schachpartien auf höchstem Niveau studieren will, der kommt gar nicht ums Fernschach herum. Jeder FIDE-GM kann einen Fernschach-GM eigentlich nur beneiden um manche seiner guten Partien, denn solche glasklaren Perlen werden ihm kaum in seinem Leben am Brett gelingen, sei es weil er selbst oder weil der Gegner patzt. Wir sind durch den Computer imstande, uns der Formel von Dr. Eduard Dyckhoff zu nähern, der bereits in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit der Losung "Fernschach ist Idealschach" warb.
Etwas anderes ist es, wenn wir nach dem Anteil des Menschen beim computergestützten Schach fragen. Zunächst trifft die einfache Feststellung des 16. Fernschachweltmeisters Tunc Hamarat zu: In der Regel wird der bessere Schachspieler auch den besseren Gebrauch vom Computer machen, also mehr von ihm profitieren. Wer die Realität des modernen Fernschachs kennt, weiß, daß der Mensch kaum weniger Arbeit als früher hat, sondern die Arbeit sich vielmehr auf andere Aspekte verlagert. Statt viel Zeit in das präzise Durchrechnen und Systematisieren irgendwelcher nebensächlicher taktischer Varianten zu investieren (was früher zum täglichen Brot gehörte und eigentlich sehr lästig war), kann ich mich heute mehr auf strategische Fragen konzentrieren. Wie entwickeln sich in einzelnen Abspielen die Bauernstrukturen? Welche Linien und Felder spielen eine zentrale Rolle, welche können vernachlässigt werden? Welche Endspieltypen kann ich herbeiführen, welche sollte ich vermeiden? Welche Richtung kann der Gegner dem Spiel geben, welche Möglichkeiten kann ich ausschließen? Natürlich hat eine heutige Fernpartie nicht mehr den kreativen individuellen Charme wie früher, aber sie ist auch nicht mehr ein "Märchen aus Tausendundeiner Nacht", sondern kommt der schachlichen Wahrheit näher.
Im Prinzip haben auch weniger geübte Schachspieler und Einsteiger durch den Computer eine sehr gute Möglichkeit, Fernschach gewinnbringend zu betreiben. Niemand zwingt sie, blind Computerempfehlungen zu folgen, sondern sie können und sollen alles hinterfragen, was ihnen unverständlich erscheint und sich schließlich für die Spielweisen entscheiden, die ihnen nach Überprüfen am meisten zusagen.
Schließlich würde ich auch nicht ganz die Hoffnung aufgeben, daß man solche Fernturniere organisieren kann, in denen erklärtermaßen in Form eines Ehrenkodex auf den Gebrauch von Computern verzichtet wird. Die Gleichgesinnten dafür werden sich schon finden, und ich glaube nicht, daß das eine oder andere schwarze Schaf, das sich da hineinmogeln will, die Sache an sich in Frage stellt. Man sollte auch einmal prüfen, ob man nicht ähnlich wie bei Blitzpartien auf einem Server ebenfalls für das computerfreie Fernschach eine Art Raster entwerfen kann, das anhand der gespielten Züge anzeigt, ob ein Spieler wahrscheinlich oder eher unwahrscheinlich Computerhilfe in Anspruch nimmt. Natürlich ist das sehr viel weniger zuverlässig und viel problematischer als die erwähnten Methoden von Schachservern (wo der Zeitverbrauch und der Spielrhythmus eine entscheidende Rolle spielen), aber man müßte ein solches Raster ja auch nicht so rigide einsetzen. Es reicht, wenn es durch seine bloße Existenz eine abschreckende Wirkung auf Schummler hätte. Sicherlich gibt es Partien, wo ein Spieler (in forcierten Varianten) durchweg Züge spielen muß, die auch ein Computer vorrangig spielt, aber solche Partien sind meines Erachtens die Ausnahme. Was der Regelfall sein sollte, kann man feststellen, wenn man 1000 bis 10.000 Fernpartien aus der Vor-Computerzeit durchforstet und mit einigen Programmen eingehend untersucht. Da läge meines Erachtens der Schlüssel für ein probates Anti-Computer-Fernschach-Raster, das ich der Einfachheit halber nach der Abkürzung ACFR nenne. Es würde anzeigen, wieviele Nicht-Computerzüge durchschnittlich in computerfreien Fernpartien auf welchem Spielniveau vorkommen sollten. Vielleicht greift irgendjemand mal diese Idee auf?
Im Internet gibt es derzeit eine ganze Reihe von Fernschach-Servern mit teilweise erstaunlichem Komfort und sehr ausgereiften Bedieneroberflächen. Der Fernschachfreund hat hier die Qual der Wahl und die Gemeinde teilt sich. Worauf sollte man Ihrer Ansicht nach bei der Wahl des Fernschach-Servers achten ?
Da ich nur den Chessfriend.com-Server kenne und mit diesem sehr zufrieden bin, kann ich zu dieser Frage nicht allzuviel sagen. Es kommt sicherlich auch darauf an, welche individuellen Anforderungen gestellt werden. Für mich ist die Möglichkeit, auf starke Gegner zu treffen und einen anständigen Preis zu gewinnen, sehr wichtig. Abgesehen davon ist Chessfriend.com sehr innovativ und professionell. Es macht Spaß, dort zu spielen und ich schätze den Betreiber Reimund Lutzenberger als sehr kompetenten und zuverlässigen Partner.
Der von Ihnen 1983 aus der Taufe gehobene Schach-Kalender gilt heute als echtes Qualitätsprodukt und erscheint seither jährlich. Im Schach-Kalender haben Sie eine ungeheure Menge an Infos, Interviews, Anekdoten, Analysen, Kurzbiographien, Kombinationsaufgaben und vieles mehr zusammen getragen. Für 10,- bis 11,50 Euro pro Exemplar machen Sie sich ungeheuer viel Arbeit. Darf man fragen, wie viel Stück Sie davon verkaufen und ob sich das Ganze auch für Sie rechnet ?
Beim Schach-Taschenkalender stand von Anfang an eine gehörige Portion Idealismus Pate. Ohne den wäre es nicht gegangen. Wahrscheinlich wäre das Produkt noch wesentlich erfolgreicher geworden, wenn ich nicht dem Leichtsinn nachgegeben hätte, auch andere zeit-, arbeit- und kapitalintensive Schachbücher und Schachzeitschriften wie z.B. das mit Alexander Koblenz 1991-1994 herausgegebene Schach-Journal zu verlegen und obendrein noch einen Schachladen zu eröffnen. Diese Aktivitäten fanden zu einem Zeitpunkt statt, als die wirtschaftlichen Bedingungen sich auf dem Schachmarkt allmählich zu verschlechtern begannen. Von den Auflagen in den 80er und zu Beginn der 90er Jahre kann man seit langem nur noch träumen. Seit der PC sich durchgesetzt hat und in Deutschland eine nachhaltige Wirtschaftskrise aufs Portmonnaie drückt, haben sich die Marktbedingungen für Schachverlage gründlich verändert und überwiegend auch verschlechtert. Dem widerspricht nicht, daß heute mehr gute Bücher denn je verlegt werden und eine bestimmte Sorte Ramsch, wie sie in den 80er Jahren den Markt überschwemmte, keine Chancen mehr hat. Dafür sind die Bücher allerdings auch deutlich teurer geworden. Vom Schach-Kalender wurden jährlich ein paar Tausend Exemplare verlauft, aber die ursprünglich und mittelfristig angepeilte Auflage von 10.000 Stück haben wir nie erreicht. Durch chronisch verspätetes Erscheinen ist sogar der sichere Sockel von einigen Tausend fraglich geworden. In einer Zeit, wo auch die Vertriebsstrukturen im Buchhandel immer unfreundlicher für kleinere Verlage werden, kann soetwas schon an die Substanz gehen... Wir müssen wieder deutlich zulegen, indem der Schach-Kalender spätestens Anfang Oktober erscheint. Außerdem soll er baldmöglichst durch eine in Vorbereitung befindliche attraktive Website flankiert werden. Auf der sind dann natürlich alle Verlagsprodukte aus unserer Edition Marco zu finden sowie manches andere zum Thema Schach und Fernschach.
Welche Bücher, die von Ihrem Verlag herausgegeben wurden, möchten Sie den Schachfreunden ans Herz legen und welche Werke haben Sie in der Pipeline ?
Ohne unbescheiden erscheinen zu wollen, ist meine spontane Antwort: ALLE! Es kommt natürlich immer darauf an: für wen? Robert Hübners 400 Seiten starke Twenty-five Annotated Games sind nicht für jeden geeignet, auch wenn manche dieses in Leinen gebundene Buch sicherlich an bevorzugter Stelle in ihrem Bücherregal aufbewahren. Ebenso teilen manche Leser vielleicht nicht den Humor des Philosophieprofessors Josef Krejcik, der 1925 das Büchlein Artige und Unartige Kinder der Schachmuse vorlegte. Ich kann den interessierten Lesern dieses Interviews, so sie unser Programm noch nicht kennen, nur empfehlen, demnächst mal auf unsere, wie bereits gesagt, in Vorbereitung befindliche Website (zum Beispiel: www.edition-marco.de oder www.schach-kalender.de) zu gehen und sich dort näher umzuschauen. Im Schach-Kalender selbst steht natürlich auch unser Programm, aber nicht so ausführlich und nicht bebildert. Von unseren seit längerem angekündigten Titeln wird wohl der Klassiker Schach für Tiger von Simon Webb noch in diesem Jahr endlich in einer aktualisierten und erweiterten Neuausgabe erscheinen. Das als Manuskript vorliegende Turnierbuch über das Kandidatenturnier Budapest 1950 müssen wir dagegen noch einmal auf das kommende Jahr (hoffentlich Frühjahr!) verschieben. Es sind weitere Werke in Vorbereitung wie zum Beispiel eines zum Thema Schachanalyse und Computer, aber dazu läßt sich derzeit noch nichts Konkretes sagen.
Als Schachbuchhändler und Verleger besitzen Sie in Berlin Tiergarten in der Wilhemshavener Strasse einen Schachladen Namens „ LASKER`s“. Welche Artikel sind dort im Sortiment ? Stehen Sie höchstpersönlich als Verkäufer in Ihrem Geschäft?
Man kann mich dort häufig antreffen, aber ich muß korrigieren, denn nicht ich bin der Inhaber, sondern ein naher Verwandter, Herr Wolfgang Reh, der sich einmal für gewisse Zeit nebenbei im Schachgeschäft engagieren wollte. Allerdings laufen Laden und Versand zur Zeit eher ein wenig auf Sparflamme, das heißt routinemäßig, da niemand die Zeit und den Elan aufbringt, mehr daraus zu machen. Man muß heute mehr denn je in diesem Geschäft Wrbung betreiben und zum Kunden hingehen, um ihn zu interessieren. Das hieße zum Beispiel, in Berlin und im Umland in die Vereine und in die freien Schachgruppen zu gehen bzw. mit ihnen ständig in Kontakt zu stehen und konkret zu sehen, welcher Bedarf besteht, welche günstigen Angebote sich machen lassen und so weiter... Also eigentlich eine Aufgabe für einen dynamischen Jungunternehmer, der bereits ist, sich voll in die Aufgabe hineinzustürzen, und der einigermaßen ungebunden ist. Das muß natürlich kein Mann sein, sondern könnte auch eine Frau sein, nur gibt es derer nicht so wahnsinnig viele im Schachbereich. Wenn so jemand bei uns anklopft und sich geschäftlich engagieren will, dann würden wir uns das sicherlich gern anhören und auch verhandlungsbereit sein, ob er den Laden zu einem fairen Preis übernimmt. Immerhin ist Berlin kein schlechter Standort und Lasker's ein eingeführter Name. Daraus ließe sich bei entsprechendem Engagement einiges machen. Aber mein Schwerpunkt ist eindeutig ein ganz anderer und es fehlt mir absolut die Zeit, um einen guten Schachhändler abzugeben.
Nicht nur der Name Ihres Schachladens verrät, das Sie bekennender Lasker-Fan sind. Sie sind ebenso Mitglied der Emanuel Lasker Gesellschaft. Welche Ziele verfolgt diese Gesellschaft und was verbinden Sie mit dem Namen Lasker?
Der Laden ist etwa zwei Jahre älter als die Lasker-Gesellschaft, ansonsten hätten wir wohl kaum die Frivolität besessen, ihn nach Lasker zu benennen. Wir fanden 1999, daß es an der Zeit sei, sich wieder mehr mit Lasker, der ja lange Zeit auch in Berlin wirkte, zu beschäftigen, und wir wollten auch eine Anlaufstelle schaffen, wo sich Gleichgesinnte treffen können. Das hat dann in viel stärkerem Maße und auf bessere Weise, als wir es vermocht hätten, die Lasker-Gesellschaft in Angriff genommen, worüber ich sehr glücklich bin. An Emamuel Lasker hat mich von Anfang an seine philosophisch orientierte Betrachtungsweise zum Schachspiel fasziniert, wie sie schon in seinem Lehrbuch des Schachspiels zum Ausdruck kommt. Dazu muß man gar nicht erst seine philosophischen Schriften bemühen. Meines Erachtens ist er eine wichtige Säule der Schachkultur des 20. Jahrhunderts, und zwar um so mehr, als wir eine gewisse Verflachung des Schachbetriebs unter dem Werbebanner "Schachsport" beklagen müssen. Es war meines Erachtens ein schwerer Fehler, daß der Deutsche Schachbund und der Weltschachbund FIDE in den letzten Jahrzehnten zu einseitig auf das sportliche Image des Schachs gesetzt und das kulturelle Image vernachlässigt haben. Man korrigiert zwar jetzt seit einigen Jahren, weil man gemerkt hat, daß Schach ohne Kultur fade wird, aber das läuft eher parallel, der Schachsport selbst hat an kulturellem Gehalt beträchtlich eingebüßt, wie sich an solchen globalen Verirrungen wie der sogenannten Knockout-Weltmeisterschaft der FIDE zeigt. Es wird Zeit, daß die Schachwelt auch in der Frage der Weltmeisterschaft zu ihren traditionellen unverwechselbaren Werten zurückgekehrt. Dann wird man dem Schach auch auf Seiten der Medien wieder stärkere Beachtung schenken.>
Schachlinks.com bedankt sich für das Gespräch
©2005 Arno Nickel
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