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Interview mit Nigel Short

 
Das Internet-Schachmagazin "Chess Chronicle" sprach mit Großmeister Nigel Short
ins Deutsche übersetzt von Jörg Elter
 
Name: Nigel Short
Wohnort:
Beruf: Autor,Kolumnist
Verein:
 
Chess Chronicle:
Herr Großmeister, Sie wie wahrscheinlich kein anderer, können die Vorzüge und Nachteile des Qualifizierungssystem der Weltmeisterschaft beurteilen. 1993 gewannen sie eine Reihe von Kandidaten-Matches um im Endspiel auf Kasparov zu treffen. Welches ist Ihrer Meinung nach das objektivste Auswahlsystem für den besten Spieler – Matches oder Turniere ?


Nigel Short:
Bei weitem die schlechteste Methode um den Weltmeister zu bestimmen,war das Mini-Match-K.O-System von Kirsan Ilyumzhinov kurz nach seiner Amtsübernahme.Die glücksspielähnliche Natur der Veranstaltung verdarb den Titelkampf so sehr, das selbst die unsensiblen und ignoranten FIDE-Offiziellen zu verstehen begannen, das etwas nicht stimmte. Kirsan missachtete eine Kardinalregel : „Wenn etwas nicht kaputt ist, repariere es nicht !“ Von allen Schachveranstaltungen erhielt das altmodische Weltmeisterschaftsfinale beides, großen Respekt und gewaltige Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit – oder zumindest war das so seit 1972 (und auch oft vorher in der Geschichte).1999 in Las Vegas, wie auch immer, waren die meisten anwesenden Leute im Caesar´s Palace sich nicht bewusst, dass dieses wichtige Schachereignis der Welt in einem Hotel stattfand. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, 2004 in Tripolis wurde die durchschnittliche Zahl der Zuschauer auf 2 Schiedsrichter und einen Hund reduziert.Es war schwer möglich, noch tiefer sinken und selbst die FIDE hatte den Verstand diese Farce nicht weiter zu verdecken. Das neue System, das in San Louis benutzt wurde, ist sicherlich besser, aber noch immer dem in den Mittneunzigern gebräuchlichen unterlegen.



Chess Chronicle:
Ich habe bemerkt, dass Sie im Match gegen Kasparov -mit Weiß spielend - mehrfach die Gelegenheit bekamen, einfach zu gewinnen doch jedes Mal konnten Sie Ihre Vorteile nicht nutzen.Trotz alledem scheint es mir, das die Qualität dieser Spiele, ihr kreativer Inhalt, viel größer war, als die Spiele der letzten Weltmeisterschaften in Argentinien. Können Sie dem zustimmen ? Wenn ja, wie erklären Sie sich ihre Fehler im Match gegen Kasparov ?


Nigel Short:
Ich kann zur Qualität meiner Spiele gegen Kasparov nichts sagen. Das haben andere zu beurteilen. Wie auch immer, ich kann Ihnen sagen, das es keine leichte Aufgabe ist,Garry Kimovich zu schlagen.Was außenstehende Beobachter nicht realisieren,ist das Mass an Widerstandskraft, das wirklich bedeutende Spieler entgegensetzten können.Man ist zu einem Lauf auf einem Drahtseil gezwungen, Schritt für Schritt, um einen Sieg nach Hause bringen zu können.Die "einfachen" Siegchancen auf die Sie sich beziehen,ergaben sich normalerweise erst, nach dem ich 15-20 sehr genaue Züge gespielt hatte,wonach sowohl der Zeitfaktor wie auch die schlechten Nerven ihren Tribut forderten.Es ist sehr leicht für Sie, gemütlich ohne Spannung oder Stress zu Hause zu sitzen, die Hände in spöttischer Angst zu heben und zu sagen: „Was für ein schrecklicher Fehler!“ Wir alle sind große Experten, wenn wir entspannt sind. Es ist nicht so einfach, wenn Sie im Brennpunkt des Geschehens stehen.



Chess Chronicle:
Kasparov sorgte dafür, dass sich Schach in den letzten 15 Jahren immens weiterentwickelt hat. Meiner Meinung nach ist Kasparov immer noch viel stärker als Topalov heutzutage ( oder selbst vor 15 Jahren ). Wie können wir da vom Fortschritt im Schach reden?


Nigel Short:
Ich stimme Kasparovs Ansicht zu: Schach hat sich bedeutend verbessert, primär durch die Stärke und Allgegenwart der Computer. Ich stimme ihrer Meinung absolut nicht zu, dass Kasparov viel stärker als Topalov ist. Das letzte Spiel endete mit einem Sieg für den Jüngeren falls Sie das vergessen haben. Kasparov, wie auch immer, war stärker als Topalov; aber noch mal, er ist ein seltenes Genie und vielleicht der Größte aller Zeiten.



Chess Chronicle:
Denken Sie, dass die Entscheidung die FIDE zu verlassen und unter der Schirmherrschaft der „Times“ gegen Kasparov zu spielen nur ein Zeichen des Protestes war, oder war es eine gut geplante Verschwörung Kasparovs, um die FIDE und das System der Weltmeisterschaft zu spalten?


Nigel Short:
Zuerst lassen Sie mich ein wichtiges Detail korrigieren: wenn es eine Verschwörung war, dann wurde sie durch mich und nicht durch Kasparov initiiert. Ich war derjenige, der Kontakt zu Kasparov aufnahm und vorschlug ein Match außerhalb der FIDE zu spielen.Das war zu dieser Zeit sehr gut dokumentiert (siehe unter anderem „ The Inner Game“ von Dominic Lawson) ,aber die Leute behaupten stetig das Gegenteil – vermutlich weil es zu ihren Vorurteilen passt.Die Spaltung wurde durch die eklatante Missachtung ihrer eigenen Regeln von der FIDE verursacht. Für Jahrzehnte war es der Fall, dass 3 Parteien – der Weltmeister, der Herausforderer und die FIDE über den Austragungsort entschieden.Wie dem auch sei, schaffte 1993 Campomanes unsere Stimmerechte in einem Anfall schamloser Selbstherrschaft ab. Das war eine Kriegserklärung.Auf Ihm lastet die Schuld an der Spaltung der heutigen Schachwelt. Picture © Frits Agterdenbos



Nebenbei bemerkt finde ich es unvorstellbar, dass Campomanes, der 2003 durch ein philipinisches Gericht wegen Veruntreuung zu 22 Monaten Haft verurteilt wurde, weiterhin Ehrenpräsident der FIDE sein soll.



Chess Chronicle:
Welche Unterstützung erhielten Sie durch Ihren Schachverband in Ihren früheren Bemühungen Weltmeister zu werden?


Nigel Short:
Betrachtet man, daß die Britische Schachvereinigung nicht einmal Notiz von meinen Match gegen Kasparov genommen hat, würde ich sagen, nicht viel. Ich wurde privat durch die Eagle Star Assurance Company, der ich sehr dankbar bin, gesponsert.



Chess Chronicle:
Was ist Ihr Beitrag, falls es einen gibt, um die angeblich steigende Anzal der verabredeten Spiele zu verringern ?


Nigel Short:
Ich habe die Erfahrung gemacht, daß die meisten Remis nicht vorher verabredet waren. Sie werden meist aufgrund gegenseitiger Angst vereinbart, wenn es die Turniersituation einen aufzwingt.Ich denke, dass die Organisatoren die größte Verantwortung für die Einladung langweiliger Spieler tragen. Wenn sie nicht so besessen von den ELO-Rankings wären, ohne auf den Kampfgeist zu achten, sollten sie sich nicht darüber beschweren, was sie bekommen.



Chess Chronicle:
Ihr „San Luis Tagebuch“ war sehr vergnüglich zu lesen. Werden sie eines Tages daraus ein Buch machen, mit noch mehr Details?


Nigel Short:
Es hat mir Spaß gemacht es zu schreiben. ChessBase erhielt hunderte von Emails, die besagten wie gut mein Tagebuch sei- was bei weitem die beste Reaktion auf alles was ich geschrieben habe war. Ich denke, die Leute mochten die Spontanität.



Chess Chronicle:
Alex Baburin berichtete in der Ausgage 1831 von Chess Today, daß ein „unbekannter Teilnehmer der Weltmeisterschaft in San Luis“ Veselin Topalev beschuldigt hat, Hilfe von außen benutzt zu haben, um zu gewinnen. Cheparinov erstellte Computeranalysen des Spiels und gab sie an den zukünftigen Champion für den nächsten Zug weiter . Irgendein Kommentar ?


Nigel Short:
Nein. Ich bin mir der Anschuldigungen voll bewusst. Ich habe nichts zu sagen ,solange kein formeller Protest eingelegt wurde.



Chess Chronicle:
Die Schachweltmeisterschaft, wie denken Sie über das K.O.-System gegenüber 8 Spielern in der Endrunde. (Mehrere starke Spieler fehlten)?


Nigel Short:
Ich denke San Louis war repräsentativ genug.



Chess Chronicle:
Denken Sie, dass alte System war gut ?


Ich habe diese Frage bereits beantwortet.



Chess Chronicle:
Was geschah mit der Prager Vereinbarung ? War dies ein weiteres Versagen der FIDE ?


Nigel Short:
Ich glaube Bessel Kok – der Architek der Prager Vereinbarung machte gewaltige Anstrengungen, um die Schachwelt wieder zu vereinigen. Er verdient Applaus dafür. Es gibt keinen Zweifel daran, dass er der beste Mann ist, um der nächste FIDE-Präsident zu werden. Er besitzt beides, Integrität und Geschäftserfahrung – Qualitäten an denen es der derzeitigen Führung mangelt.


Chess Chronicle:
Jeder weiß, dass die FIDE Privilegien an Kasparov (wie Weltmeisterschaft-Matches gegen Ruslan und Kasimjanov obwohl er gegen Kramnik verloren hatte) vergeben hat, haben Sie einen Kommentar dazu ?


Nigel Short:
Nein


Chess Chronicle:
Bessel Kok kandidiert für die FIDE-Präsidentschaft. Was sagen Sie dazu ? Glauben Sie, das es Zeit für Veränderungen ist ?


Nigel Short:
Die Zeit für Veränderungen ist lange überfällig.


Chess Chronicle:
Wen halten Sie für den wahren Weltmeister ? Topalov oder Kramnik ?


Nigel Short:
Topalov.



Chess Chronicle:
Befürworten Sie ein Wiedervereinigungs-Match Topalov gegen Kramnik ?


Nigel Short:
Nicht unbedingt.


Chess Chronicle:
Wenn Sie Weltmeister wären, würden Sie ein Wiedervereinigungs-Match (gegen Kramnik) spielen ? Wenn ja, unter welchen Bedingungen ?


Nigel Short:
Ja, wenn ich die Mega-Kohle bezahlt bekäme.



Chess Chronicle:
Irgendein Kommentar zu Kramniks Leistung ?


Nigel Short:
Er ist ein großartiger Spieler und netter Kerl. Wie dem auch sei, sein Titel ist nur etwas wert, wenn er von der Öffentlichkeit anerkannt wird. Ich würde sagen, sein Kapital, das seit 2000 stark gesunken ist, schwindet von Tag zu Tag. Kramnik muss gegen Topalov spielen. Topalov hat es nicht nötig gegen Kramnik zu spielen.



Chess Chronicle:
Kasporovs Rücktritt, ein Kommentar ?


Nigel Short:
Viel Glück Garry. Such dir vertrauenswürdige Leibwächter!



Chess Chronicle:
Wird er wie Kamsky zurückkehren ?


Nigel Short:
Ich denke nicht.



Chess Chronicle:
Können Sie ihn sich als russischen Präsident vorstellen ?


Nigel Short:
Nein.



Chess Chronicle:
Haben sie politische Ambitionen wie Kasparov ?


Nigel Short:
Hatte ich, aber die sind vor langer Zeit verschwunden.



Chess Chronicle:
Was halten Sie vom Internet-Schach, verglichen mit dem Spiel am Brett ?


Nigel Short:
Es ist ein guter Nährboden zum schummeln.



Chess Chronicle:
Griechenland ist gegenwärtig das Land in Europa mit der stärksten Entwicklung im Schach, in beiden sowohl im Männer- als auch im Frauen-Wettbewerb. Sind Sie ein Teil dieses Booms ?


Nigel Short:
Nein



Chess Chronicle:
Zu Ihrer Zeit schüchterten Sie jeden ein, wenn Sie mit Weiß spielten ? Sind die Varianten die Sie damals spielten noch immer so tödlich ?


Nigel Short:
Schach steht nicht still. Das Evans-Gambit war die beliebteste Eröffnung des 19. Jahrhunderts.



Chess Chronicle:
Wann sollte ein professioneller Schachspieler aufhören aktiv Schach zu spielen ?


Nigel Short:
Wenn er genug hat, nicht weil er davon nicht leben kann, wie es heutzutage normalerweise der Fall ist.



Chess Chronicle:
Was macht den wahren Unterschied der Schachstärke zwischen einem IM (Internationaler Meister) und einen GM (Großmeister) aus ?


Nigel Short:
Größeres Verständnis.



Chess Chronicle:
Sollte der GM (IM) Titel für immer verleihen werden ,obwohl die Spieler dazu neigen ihr ELO-Rating und ihre Gesamtspielstärke zu verlieren ? Der neueste FIDE-Trainer-Titel muß alle 2 Jahre erneuert werden.


Nigel Short:
Diese Titel bedeuten schon lange nichts mehr.In einer jüngst stattgefunden Unterhaltung mit einer ukrainischen Internationalen Meisterin erwähnte sie, dass sie nur eine Freundin kenne, die ihren Titel legal erworben hätte, jeder andere hätte ihn gekauft.


Chess Chronicle:
Wenn sie selber signieren (Bücher, Anm. des Übersetzer), setzen sie selten "Großmeister" vor ihren Namen. Warum ?


Nigel Short:
Weil es mehr als 1000 Großmeister gibt und ich nicht zu diesem Gesindel gehöre.



Chess Chronicle:
Gibt’s es ein Buch, dass sie jedem Schachspieler empfehlen würden zu lesen?


Nigel Short:
„Schuld und Sühne“ von Dostoevsky


Chess Chronicle:
Wer ist ihr Lieblingsspieler der Vergangenheit und der Gegenwart ?


Nigel Short:
Paul Morphy. Maria Manakova.



Chess Chronicle:
Haben sie Ratschläge für die künftige Schachjugend?


Nigel Short:
Buchhalterjobs werden besser bezahlt?



Chess Chronicle:
Haben sie Grüße an die Leser von Chess Chronicles?


Nigel Short:
Frohes Neues Jahr!



Chess Chronicle:
Gibt es noch etwas zu sagen, dass wir noch nicht gefragt haben ?


Nigel Short:
Sie haben bereits zu viel gefragt.



Chess Chronicle:
Vielen Dank GM für die Beantwortung unserer Fragen

The Chess Chronicle is an interesting and ambitious project, which describes itself as follows: It contains theoretical analysis, opening surveys, chess novelties, and well-annotated games, as well as instructive theoretical material from Grandmasters and International Masters. They even have Ivanchuk writing for them. A well respected publication, in both PDF and PGN format.

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