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Interview mit Alexander Morozevich

 
Olivier Breisacher sprach mit GM Alexander Morozevich
unmittelbar nach dessen Sieg beim Bieler Großmeisterturnier 2006
ins Deutsche übersetzt von Gerald Appel
 
Name: Alexander Morozevich
Wohnort:
Beruf: Schachprofi
Verein:
 
(Interview by Olivier Breisacher)

Mit 7,5 Punkten aus 10 Partien gewann der 29 jährige Alexander Morosewitsch mit einem Erdrutschsieg zum dritten Mal in Folge das Bieler Großmeister-Turnier. Seine Gesamtleistung bei dieser Veranstaltung ist schon beeindruckend: Von 30 Partien 18 Siege, 10 Remis und nur 2 Verluste. In den vergangenen 39 Jahren erreichte kein anderer Großmeister je so ein Ergebnis. Überragend spielend gewann Alexander Morosewitsch eine Menge Selbstvertrauen und natürlich einen Haufen Elopunkte während seines Aufenthalts in Biel und überflügelte die beiden jungen Talente Magnus Carlsen und Temiour Radjabov. Der in Moskau geborene Großmeister spricht im Folgenden über seine Laufbahn, seine Auffassung vom Schach und über seine Gedanken über das, was die Zukunft für ihn und die Schachwelt bereit hält.

Alexander Morosewitsch, dies ist das dritte Mal, daß du in Biel spielst und zugleich ist es Dein dritter Sieg. Was ist Dein Geheimnis?


Alexander Morozevich
- Biel ist ein wichtiges Großmeister-Turnier und es hat Spaß gemacht es zu gewinnen. Ich fühle mich hier besonders wohl, mag die gelungene Atmosphäre und die Spielbedingungen. Trotzdem ist es jedes Mal schwerer für mich. Bei dem Turnier 2004 beispielsweise, war das Spielniveau ebenfalls sehr hoch, aber etliche meiner Gegner waren nicht in Form und spielten unter ihrer Leistung.



Vor dir hat nur Anatoli Karpov dreimal in Biel gewonnen...


Alexander Morozevich
Gut zu wissen! Wenn der Vergleich jetzt auch auf die Zahl der Weltmeistertitel übertragbar wäre, wäre ich begeistert!



In diesem Jahr lagst du am Ende wieder weit vor allen anderen...


Alexander Morozevich
Das war nicht so einfach, wie es sich anhört. Ich mußte bis zum Schluß kämpfen, machte einige Fehler und mein Spiel war bisweilen unharmonisch. Mein Sieg gegen Volokitin in der 8. Runde war sehr wichtig. Und am folgenden Tag geschah alles zu meinen Gunsten: Carlsen verlor, Radjabov konnte nicht gewinnen und ich fügte Pelletier eine Niederlage zu.



Du sprachst von einigen Fehlern...


Alexander Morozevich
Ja, besonders in meiner 2. Partie gegen Magnus Carlsen (27. Lg7??). Aber ich machte auch Fehler in anderen Partien, glücklicherweise hatte ich aber da bereits eine Gewinnstellung. Z.B. in den Partien gegen Bruzon (Runde 1) oder Radjabov (Runde 4).



Worin besteht der Unterschied zwischen einem 29-jährigen Großmeister und seinen viel jüngeren Rivalen?


Alexander Morozevich
Ich würde sagen, für mich spricht die größere Erfahrung und das bessere Spielverständnis. Dafür verfügen sie über mehr Energie, was ihnen ermöglicht ihre geistige Frische durch die ganze Partie aufrechtzuerhalten und so alle Varianten schnell durchzukalkulieren. Aber die Waagschalen mögen sich mal mehr der einen und mal mehr der anderen Seite gewogen zeigen.



Wie beurteilst du Magnus Carlsen, der Dich in Biel bezwang?


Alexander Morozevich
Ich begnete ihm zum ersten Mal in meiner Karriere. Er hat einen freien Geist: Er kalkuliert und spielt sehr schnell. Natürlich braucht er weitere Übung und manchmal zeigt er etwas Ungeduld. Aber das ist auch leicht zu verstehen, wenn man sein Alter berücksichtigt. Er scheint jedenfalls einen guten Trainer zu haben. Der Rest hängt von ihm ab - wenn er so weiter macht, kann er weit kommen, sehr weit!



Du bist alleine nach Biel gekommen. Wie hast du dich vorbereitet?


Alexander Morozevich
Ich hatte schon gute Unterstützung aus der Ferne. Ich analysierte die Partien dieses Turniers und machte die Vorbereitungen mit der Hilfe von ein paar Freunden unterschiedlicher Stärke.



Du giltst als einer der kreativsten und am schwersten zu antizipierenden Spieler. Du bringst kreatives Chaos aufs Brett...


Alexander Morozevich
Jeder beurteilt mich auf unterschiedliche Weise. Ich habe auf alle Fälle mehr Vertrauen in mein eigenes Spiel als in Bücher oder computer-gestützte Vorbereitungen. Das erlaubt mir manchmal neue Ideen zu finden. Aber mir fehlt Stabilität - ich kann eine gute oder schlechte Serie erhalten. Das ist meine Schwäche. Das ist einer der Unterschiede zu großen Spielern.



Wie meinst du das?


Alexander Morozevich
Die meisten Top-10 Spieler sind in ihrem Schachansatz viel professioneller. Sie widmen die meiste Zeit dem Schach. Anand, Leko oder Topalov spielen nicht notwendigerweise besser als ich, aber sie arbeiten viel ernsthafter daran, vor allem regelmäßiger. Ich kann jeden Spieler in einer Partie schlagen, ich kann in einem Turnier die Führung übernehmen, aber insgesamt überholen sich mich logischerweise. Ich betrachte mich teilweise als Amateur. Schach bleibt natürlich meine größte Leidenschaft, aber manchmal mache ich monatelang andere Sachen, bis ich wieder zum Schach zurückkehre. Ich habe auch andere Schwerpunkte, die mich interessieren und Freunde außerhalb der Schachwelt. Das ist mein Lebensweg und er gefällt mir.



Das ist nicht ausreichend, um beispielsweise einen Weltmeistertitel anzustreben?


Alexander Morozevich
Genau. Ich bin nicht der Mensch, der gerne große Ankündigungen macht und sagt er möchte Weltmeister werden. Ich bin auch nicht bereit, alles dieser Idee unterzuordnen. Unter diesem Blickwinkel gefällt mir auch der vierte Platz beim letzten Weltmeisterschaftskampf in San Luis 2005 in dem ich 50 Prozent der Punkte holte. Ich hatte mich erst drei Wochen zuvor ernsthaft darauf vorbereitet. Erst während des Turniers stießen Alexander Beljavsky and Vladimir Barsky (MI) dazu und halfen mir.



Wirst Du bei dieser Philosophie in Zukunft bleiben?


Alexander Morozevich
Es ist nicht einfach den eigenen Stil komplett zu ändern.



Du bist 29, welche Ziele steckst du dir?


Alexander Morozevich
Ich mag es, kreatives Schach zu spielen. Auf diese Weise will ich meine Karriere weiter verfolgen. Aber aus meiner jetzigen Sicht versuche ich nicht zu abhängig von den Ergebnissen zu werden, denn die können stark variieren.



Russland kam nur auf den 6. Platz bei der Olympiade in Turin im letzten Juni. Wie erklärst du ein solches Ergebnis?


Alexander Morozevich
Da gibt es viele Gründe, unter anderem den, daß es in Russlands Reihen an jungen Talenten mangelt. Unsere Trainer sollten sich daran bei den nächsten wichtigen Wettkämpfen erinnern. In Turin lag unser Altersdurchschnitt bei 30. Unter den Regeln der FIDE-Zeitkontrolle, waren die Jugend und Motivation unserer Gegner für uns nicht unbedingt von Vorteil. Der zweite Grund liegt darin, daß die meisten Spieler unseres Teams nicht in ihrer Bestform waren.



Was denkst du über den Wiedervereinigungskampf um den Weltmeistertitel zwischen Topalov und Kramnik?


Alexander Morozevich
Jedes Duell zweier so starker Spieler muß ein Plus für's Schach sein. Es besteht auch ein offensichtliches Interesse an diesem Kampf. Aber ich würde ungern irgendein schachpolitisches Urteil über den Ausgang des Duells abgeben. Ich habe dazu nichts zu sagen. Ich würde sicherlich nicht von einer "Wiedervereinigung" sprechen.



Interview copyright Biel International Chess Festival . No publication or diffusion on internet or in print media without explicit consent.
Übersetzung von: Gerald Appel Schachversand Freibauer-Nord

 
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