|
|
Interview - Anzeigen
|
| |
Interview mit Egon Brestian
|
| |
Wir sprachen mit dem in Wien lebenden Schachlehrer und Internationalen Meister Egon Brestian
|
| |
 |
| Name: |
Egon Brestian |
| Wohnort: |
Wien |
| Beruf: |
Schachtrainer,Kolumnist |
| Verein: |
Favoriten, Gamlitz |
|
|
| |
Herr Brestian,
Sie sind seit 1988 Internationaler Meister, mehrfacher Staatsmeister und Mannschaftsstaatsmeister. Könnten Sie für unsere Leser vielleicht einmal kurz Ihre Schachlaufbahn skizzieren?
Egon Brestian
Ich habe als Zwölfjähriger mit Schach begonnen und dann einfach viel gespielt, denn professionelles Training hat es in Österreich damals nicht gegeben. Irgendwann nach dem Abitur ist mir klar geworden, dass ich beruflich etwas machen möchte, was mir wirklich Spass macht und das war bei Schach der Fall. Am Anfang hat es in meiner Umgebung viel Skepsis gegeben, aber ich habe gespielt, unterrichtet, veranstaltet, geschrieben und noch einiges mehr. Heute stehen für mich eher Turniere im Vordergrund, wo sich Schach und Freizeit verbinden läßt, wie zum Beispiel beim Liechtenstein Open, ein Turnier, das ich wirklich weiter empfehlen kann
In den Aufstellungen für die kommende Saison in der 1. Bundesliga Österreichs haben wir Ihren Namen gar nicht mehr gefunden.
Egon Brestian
Das ist nicht ungewöhnlich. Manchmal spiele ich Bundesliga, manchmal nicht. Letztes Jahr habe ich bei Styria Graz gespielt und wir sind sogar Meister geworden.
Wie muß man sich die Woche eines Internationalen Meisters
mit staatlichem Trainerzeugnis denn vorstellen?
Egon Brestian
Eine Menge vielschichtiger und breit gestreuter Aufgaben schneien täglich herein. Das "keep things going" hat ein stärkeres Gewicht als irgendwelche Schemata. Ich halte es da mit Dürrenmatts "Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen."
Was steckt genau hinter der innovativen Idee „SCHACHTRAINING UM 1 EURO“
Egon Brestian
Die Idee kam mir, als ich um einen Euro im Flugzeug saß. Ich habe mir gedacht, dass man damit Spieler und Spielerinnen ansprechen könnte, die sonst nie zu einem Training kommen würden. Das ist Überzeugungsarbeit an der Basis, denn die Mehrheit der Spieler und Spielerinnen glaubt ohne professionelles Training auskommen zu können. Jeder Hobbyläufer trainiert unabhängig vom Leistungsvermögen monatelang intensiv vor seinem ersten Marathon. Was in anderen Sportarten verinnerlicht ist, sollte auch im Schach zum fixen Methodeninventar werden. Dass die Sache aber so erfolgreich wird, hat mich ein bißchen überrascht.
In Ihren regelmäßigen Schachkolumnen für die Tageszeitung „die Presse“ (auch hier zu sehen auf Schachlinks.com) verzichten Sie in der Partienanalyse auf die gängigen Partienbewertungssymbole „±; =;+“u.s.w. Welchen Grund gibt es dafür ?
Egon Brestian
Der Musikrezensent auf der Kulturseite verwendet weder Noten noch Violinschlüssel. Bei mir ist es genauso. Einige meiner Leser würden die Zeichen nicht verstehen und ich möchte ein möglichst breites Publikum ansprechen. Es gibt Schätzungen, dass in Österreich rund 200.000 Leute mit einem Schachdiagramm etwas anfangen können und diese Gruppe ist naturgemäß für eine Tageszeitung interessant.
Sind Sie mit Ausnahme der bereits genannten Kolumne darüber hinaus noch publizistisch tätig?
Egon Brestian
Gelegentlich für das österreichische Magazin Schach-Aktiv und hie und da auch woanders.
Kann man von dem Beruf des Schachtrainers in Österreich leben? Oder haben Sie auch schon über das Pokern nachgedacht?
Egon Brestian
Also reich wird man sicherlich nicht, dafür tut man aber etwas, was man wirklich gern macht. Ich halte das in der heutigen Berufswelt für ein großes Privileg. Pokern habe ich noch nie versucht. Das ist wie beim Boxen. Auf jeden Erfolgreichen kommen viele Verlierer, um die sich keiner kümmert. Ich glaube auch, dass es in Zukunft für alle schwieriger werden könnte, denn der Boom führt unweigerlich zum Bankrott einzelner Spieler und Spielerinnen, die ständig ersetzt werden müssen, um das System am Laufen zu halten. Irgendwie erinnert mich das Ganze ein wenig an ein Pyramidenspiel.
Zum ersten Mal in der österreichischen Schachgeschichte gewann mit der Kärntnerin Eva Moser eine Frau die sogenannte Allgemeine Klasse der österreichischen Staatsmeisterschaft und ließ damit die gesamte Herrenkonkurrenz zurück. Das mediale Echo in Ihrem Land war danach sehr groß. Wie kommentieren Sie den Ausgang des Turniers?
Egon Brestian
Ich freue mich sehr, dass sie gewonnen hat.
Wie stark hat nach Ihrer Ansicht die hohe Remisquote von 73% den ersten Erfolg einer Frau begünstigt?
Gleich 3 Spieler blieben ohne Niederlage, jedoch dem 10-fachen Serienstaatsmeister und Titelverteidiger Nikolaus Stanec (ebenfalls ohne Niederlage) gelang nur ein einziger Sieg. Hätten Sie sich mehr Mut und mehr Kampfmoral bei diesem Turnier gewünscht ?
Egon Brestian
Die Frage unterstellt, dass Frauen bei höheren Remisquoten erfolgreicher sind. Das glaube ich nicht. Ich habe Eva einige Male bei Jugendweltmeisterschaften betreut und bin der Meinung, dass sie ein sehr hohes Potential hat. Ich könnte mir vorstellen, dass sie sogar in die TopTen der Welt kommt. Ich würde mir wünschen, dass erkannt wird, was das für ein Rückenwind für die nationale Schachszene wäre.
Hätten Sie sich mehr Mut und mehr Kampfmoral bei dem erwähnten Turnier gewünscht ?
Egon Brestian
ja
In Deutschland wurde und wird diskutiert, ob es sinnvoll sei, die Anzahl der ausländischen Spieler je Bundesligamannschaft auf eine Variable „X“ zu begrenzen. Welche Regularien gibt es dazu in Österreich?
Egon Brestian
Bisher gab es ein Gentleman´s Agreement unter den Bundesligavereinen, dass pro Mannschaft die Hälfte, also drei Ausländer spielen dürfen, was wohl nicht mehr lange halten wird. Nun wird eine heftige Diskussion geführt mit der Forderung nach möglichst restriktiven Maßnahmen auf der einen und völliger Freigabe auf der anderen Seite.
Die Schacholympiade in Turin wurde für die Österreicher schon vorab zu einem Desaster. So war es dem ÖSB nicht gelungen, eine attraktive Mannschaft zustande zu bringen. Nach Elo-Wertung der nationalen Rangliste hatte man die Spieler mit den Positionen 6,19,20,28,51 und 85 im Aufgebot.
Warum war man Ihrer Ansicht nach in Österreich nicht dazu in der Lage, eine – bezogen insbesondere auf Ihre Nachbarstaaten - vergleichbar starke Mannschaft nach Turin zu schicken? Von Ihnen, als der damaligen 22 der nationalen Rangliste hieß es, Sie erfüllten die Kriterien des ÖSB nicht. Wie sinnvoll können solche Kriterien denn eigentlich sein, wenn 12 der 30 TOP-Spieler Österreichs diese vorab nicht zu erfüllen vermochten. ?
Egon Brestian
Das Grundproblem, dass Österreich bei internationalen Wettkämpfen keineswegs in stärkster Besetzung antritt, gibt es schon seit vielen Jahren. Die Gründe dafür sind sehr komplex. Diesmal ist es mit Absagen in letzter Minute auch unglücklich gelaufen. Der Österreichische Schachbund hat aber reagiert. Ich bin neuerdings seit August dieses Jahres Bundestrainer und hoffe, dass wir da gemeinsam mit den Spieler und Spielerinnen zu einer Lösung kommen.
Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft werfen. In Deutschland immer populärer wird das sogenannte “Fischer Random Chess“
Egon Brestian
Das halte ich für extrem unwahrscheinlich. Die Grundstellung der Figuren beim klassischen Schach ist einfach zu harmonisch. Außerdem: Gewänne Fischer Random Chess an Bedeutung, gäbe es auch bald Theorie dazu. Ein Schachlehrer würde hier wohl das klassische Zitat bemühen: "Die Drohung ist gefährlicher als ihre Ausführung."
Inzwischen gab es das lang ersehnte Duell zwischen Kramnik und Topalov
Ihr Kommentar dazu ?
Egon Brestian
Es hat sich eingebürgert, dass die psychologischen Scharmützel irgendwie dazu gehören, sie sind diesmal aber eindeutig zu intensiv ausgefallen. Das Problemhandling bei den verantwortlichen Funktionären war wohl ebenfalls nicht optimal. Was das Schach betrifft, hat es mir ganz exzellent gefallen.
Wir danken für das Gespräch !
|
|
| |
|
|
|
|
|