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Interview mit Artur Jussupow

 
Frank Große sprach am Rande der Euro2007 mit GM Artur Jussupow
 
Name: Artur Jussupow
Wohnort:
Beruf:
Verein:
 
Gerade eben grübelten Sie noch über das Remis nach, haben Sie eventuell eine Möglichkeit ausgelassen?


Artur Jussupow
Ich bin mir nicht sicher, hoffte die Partie zu gewinnen, mußte dann aber in das Dauerschach wegen Mattdrohung einwilligen.



Sie sind mit einem Sieg in die erste Runde (Partie des Tages) gestartet und haben eine Reihe von Remisen folgen lassen. Sie sind mit 2 Siegen und 8 Remis ungeschlagen, wie werten Sie ihre bisherige Leistung?


Artur Jussupow
Das Turnier ist sehr schwer zu spielen, da sehr viele junge und gut vorbereitete Spieler dabei sind. Das bereitete mir Schwierigkeiten, ich hatte zwar auch einige Chancen, wie zum Beispiel in der heutigen Partie, aber man benötigt eventuell auch ein wenig Glück, um die hier notwendigen +3 oder +4 zu erringen. Das ist nicht einfach und ich habe auch nicht mehr so viel Kraft wie früher um so einen starken Widerstand zu brechen.



Glück ist ein gutes Stichwort, wie uns bereits gestern Frank Holzke beantwortete. Welchen Anteil hat der Glücksfaktor im Schach, dass die erhofften Stellungstypen aufs Brett gelangen, etc.?


Artur Jussupow
: Ja, Glück spielt eine gewisse Rolle im Schach, allerdings nicht so viel wie zum Beispiel beim Poker. Können ist beim Schach schon wichtiger. Es gibt aber so Momente in einem Turnier. Hat man dieses ein wenig Glück, dann würde ein anderer Verlauf zustande kommen. Aber das ist klar, in jeder Sportart braucht man Glück und auf hohem Niveau ist dies manchmal gerade der Unterschied zwischen Sieg und Niederlage.



Haben Sie sich speziell auf Dresden vorbereitet?


Artur Jussupow
Leider nicht, weswegen ich auch keine moralische Probleme damit habe, mich nicht für den Weltcup zu qualifizieren. Ich bin jetzt kein aktiver Spieler mehr, spiele hier in Dresden weil mir das Ambiente und die Stadt gefällt. Die Europäische Meisterschaft ist reizend, aber ich hatte leider keiner Möglichkeit mich selbst vorzubereiten, da ich jetzt mehr als Trainer beschäftigt bin, was sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Ich war ja bereits früher in Dresden und die Stadt entwickelt sich in rasantem Tempo, was mir mit jedem Besuch besser gefällt. Den freien Tag habe ich genutzt um mir die bekannten Sehenswürdigkeiten anzusehen, wie z.B. die Frauenkirche, was mir einige Schachspieler gleichgetan haben.



Wie gefällt Ihnen die Organisation der Europameisterschaft?


Artur Jussupow
Alles ist sehr professionell, was keine Überraschung für mich darstellt. Es ist zwar nicht so leicht so ein großes Turnier zu veranstalten und vielleicht gibt es immer ein paar Kleinigkeiten, welche nicht ganz stimmig sind. Allgemein denke ich, dass sich Dresden sehr gut gezeigt hat und die Olympiade 2008 wird gelingen, da bin ich mir 100 % sicher.



Ist die Olympiade 2008 für Sie ein Thema?


Artur Jussupow
Nein, das ist für mich leider kein Thema, auch nicht bei dieser reizenden Stadt. Die Belastung wäre für mich zu groß und wenn man für Deutschland spielt muß man topfit sein. Ich sehe keine Möglichkeit meine andere Arbeit auf die Seite zu schieben, um mich dann auf die Olympiade vorzubereiten. Wer weiß ob ich in meinem Alter eine derartige Steigerung schaffen würde. Der Bundestrainer setzt zu recht auf jüngere Spieler, damit diese sich entwickeln können. Ich hoffe, dass diese das bis zur Olympiade schaffen werden. Wir haben wirklich einige sehr gute junge Talente, welche dann entweder in der Jugendmannschaft oder vielleicht sogar ersten Mannschaft zum Einsatz kommen werden. Junge Spieler entwickeln sich sehr schnell und ich drücke die Daumen!



Deutschland ist nach dem Raubüberfall 1991 in Moskau ihre zweite Heimat geworden. Sie leben nun über 15 Jahre hier. Ihr Resümee?


Artur Jussupow
Die Entwicklung war sehr positiv: meine zwei Kinder sind hier geboren, wir fühlen uns als Familie hier unglaublich wohl und ich sehe das als richtigen Schritt, obwohl es uns nicht leicht gefallen ist. Wegen des damaligen Überfalls sehe ich meine Zeit hier als zweites Leben. Es ist für mich faszinierend diese Kultur und großen Traditionen kennen zu lernen, sodass sich das Heimweh in Grenzen hält. Ich entdecke Deutschland jedes Mal: neue Sprache und neue Welt und ich bin sehr glücklich, dass uns der Schritt gelungen ist.



Wie sehen Sie von hier aus die politische Entwicklung in Russland?


Artur Jussupow
Es ist von meinem geographischen Standpunkt vielleicht unfair die Entwicklung zu kritisieren. Da ist es besser, wenn man dies wie Kasparow, welcher dort lebt aus dem Inneren des Landes probiert. Ich glaube, dass Russland noch etwas Zeit braucht, bevor wir über größere politische Änderungen sprechen.



Finden Sie Kasparows Entscheidung gut?


Artur Jussupow
Das ist seine Entscheidung und man muß diese akzeptieren . Im Grunde kann man dies nur bewundern, wenn sein Gewissen ihn dazu drängt. Natürlich ist es für die Schachwelt sehr schade, gar ein großer Verlust.



Ihre Kinder spielen auch Schach. Wie ist der Vater Jussupow für ihre Entwicklung verantwortlich?


Artur Jussupow
Ich trainiere sie wenig. Meine Frau ist auch Schachspielerin und trainiert diese. Sie entwickeln sich gut, Ekaterina hat zum Beispiel im letzten Jahr die Bayrische Meisterschaft der Frauen gewonnen. Aber dennoch muß die Schule am ersten Platz stehen! Schach ist ein wunderschönes Hobby und als intellektueller Sport etwas wo die Kinder sich beweisen können.



Sie selbst sind Profi. Würden Sie Ihren Kindern heutzutage ebenfalls den Schritt für eine Profikarriere empfehlen?


Artur Jussupow
Auf gar keinen Fall! Leider ist die Entwicklung des Schach derzeit sehr negativ. Zu meiner Zeit war die Perspektive eines Profispielers viel besser als jetzt. Leider muß ich sagen, dass unser Problem der Weltverband ist. Zum einen gibt es keinen vernünftigen Zyklus zur Ermittlung des Weltmeisters und ich habe auch viele andere Kritik. Wir verlieren im Wettbewerb zu anderen Sportarten Boden, aber auch zu anderen Beschäftigungen wie zum Beispiel Computerspielen. Es gibt wenige Länder in denen sich Schach positiv entwickelt, aber auf der Ebene des Weltverbandes sehe ich wenig Perspektive. Ich weiß nicht wie man die derzeitigen Probleme gelöst bekommen soll. Der Weltverband trägt seine Probleme jetzt bereits zehn Jahre zur Schau, ich kann mir nicht vorstellen, dass es plötzlich anders werden soll. Es sind die selben Leute in verantwortungsvollen Positionen, sodass ich skeptisch bin. Ich war im letzten Jahr öffentlich für die Kandidatur von Bessel Kok und leider hat er verloren. Es ist nicht persönlich gegen Il., aber seine Führungsweise ist nicht demokratisch und das empfinde ich negativ. In Deutschland geniesse ich Demokratie und deswegen blutet mein Herz wenn ich sehe, dass die FIDE-Strukturen eigentlich ziemlich weit entfernt von demokratischen Idealen stehen.



Sie haben mit Anand zusammengearbeitet. Welchen Einfluss hatte das auf Sie?


Artur Jussupow
Anand ist eine sehr angenehme Persönlichkeit und ein fantastischer Spieler, welcher einen tiefen Eindruck hinterlassen hat. Er hatte mich eingeladen und ich habe praktisch mit dieser Arbeit meine Trainertätigkeit begonnen. Mittlerweile habe ich die Schachakademie, dann viel Unterricht mit Fernkursen. Ich habe sehr viele Projekte, welche ich auch teilweise mit meiner Frau zusammen durchführen kann. Unsere Flexibilität ist unsere Stärke. Ich habe sehr viel versucht, auch Schachturniere organisiert. Mittlerweile schreibe ich wieder Bücher.



Was konkret? Gibt es eine Neuauflage der Russisch-Monographie?


Artur Jussupow
Das ist nicht geplant. Vom Fernkursprogramm ist eine Buchreihe geplant, aber das muss noch verbessert werden, da ich das Feedback das ich bekomme, einarbeiten möchte. Neues ist momentan nicht geplant aber zum Wettkampf "Jung gegen Alt" habe ich eine Einladung und freue mich auf diese Begegnung mit jungen Spielern. Ich habe praktischerweise hier ein Vorbereitungsturnier gemacht, da ich nur gegen Jugendliche gespielt habe. Ich habe in einem Turnier in Moskau für eine junge Mannschaft gespielt, wo ich unter anderem gegen Bronstein und andere erfahrene Leute gespielt habe.



Russland und Schach - gibt es eine Krise?


Artur Jussupow
Russland ist immer unheimlich stark und wenn man sieht wieviel starke russische GM hier bei diesem Turnier teilnehmen, sehe ich für die Zukunft überhaupt keine Probleme. Das die russische Mannschaft derzeit keine großen Erfolge feiert wundert mich, da mit diesem Potential alles möglich sein sollte. Ich denke, dass ist eher Zufall, da ich das russische Schach wie Brasilien im Fußball vergleich. Das russische Schach hat immer gute Talente und könnte fünf Mannschaften aufstellen, welche Chancen auf die Goldmedaille hätte.



Frank Große: Vielen Dank!

Artur Jussupow: Gern geschehen.
 
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