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Interview mit Weselin Topalow

 
Obowohl Weselin Topalow derzeit nicht an der Weltmeisterschaft teilnimmt, gelingt es ihm dieser Tage dennoch, Aufmerksamkeit zu erlangen.

Hanon W. Russell vom ChessCafé führte ein Interview mit ihm, welches freundlicherweise von Karolin Weiß übersetzt wurde.

Das Original-Interview in englischer Sprache kann hier nachgelesen werden: http://www.chesscafe.com/text/skittles310.pdf

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von Chesscafe.com
 
Name: Weselin Topalow
Wohnort: Spanien
Beruf: Schach-Profi
Verein:
 
Hallo, Weselin. Vielen, vielen Dank dafür, dass Du bei uns bist. Zuerst möchte ich ein paar allgemeine Dinge über Dich fragen. Wann und wo bist Du geboren?

Ich wurde am 15. März 1975 in Rousse, Bulgarien, geboren.

Erzähl uns bitte von Deiner Familie, Deinen Eltern, Deinen Geschwister, etc ...

Meine Mutter war Ärztin, Podologin, und mein Vater war Buchhalter. Sie sind beide verstorben, meine Mutter im Jahr 1994 und mein Vater 2003. Ich habe einen Bruder, Alexander, der zwei Jahre älter ist als ich und in Sofia wohnt.

Wie alt warst Du, als Du Schach gelernt hast und wer hat es Dir beigebracht?

Ich war ungefähr sechs Jahre alt, als mein Vater es mir zu hause beibrachte.

Welcher Spieler hat Dich während der Zeit, in der Du Schach gelernt hast, am meisten beeinflusst?

Mein erster Trainer Dimitar Sinabov hat mich sehr geprägt. Er war ein großer Verehrer von Bobby Fischer und mochte seinen Angriffsstil. Deshalb waren die ersten Eröffnungen, die ich gelernt habe, die Königsindische und die Sizilianische Verteidigung.

Was war das erste Schachbuch, an das Du Dich erinnern kannst, mit dem Du Dich lange und ernsthaft beschäftigt hast?

Ich mochte Kotows Buch über Aljechins beste Partien sehr gerne, aber im Grunde habe ich jedes Schachbuch verschlungen, an das ich rangekommen bin.

Wer waren Deine Trainer in Deiner Ausbildungszeit und wie haben sie Dir geholfen, Dich als Spieler zu entwickeln?

Nach dem Training mit Sinabov, da war ich 11, begann ich mit IM Petko Atanasov zu arbeiten. Mit seiner Hilfe wurde ich 1989 Juniorenweltmeister (U14) in Puerto Rico.

Wann hast Du den Internationalen Meistertitel erworben?

Mit 14 wurde ich Internationaler Meister.

Und wann bist du Internationaler Großmeister geworden?

Mit dem Großmeistertitel wurde ich im Alter von 17 Jahren ausgezeichnet. Meine erste Großmeisternorm erwarb ich 1991 in Vranjachka Banja in einem geschlossenen Turnier mit 15 Runden, und die zweite, entscheidende, ebenfalls 1991 in einem geschlossenen Turnier in Las Palmas.

Dein Manager Silvio Danailov scheint in deiner Schachkarriere eine entscheidende Rolle zu spielen. Bitte erzähle uns, wie du ihn getroffen hast und wie er in deine Schachkarriere verwickelt wurde.

Silvio war einer der stärksten Spieler Bulgariens und Spieler der bulgarischen Nationalmannschaft. Wir spielten erst einige Partien gegeneinander, bevor wir anfingen zusammen zu arbeiten. Eines Tages in der 2. Hälfte des Jahres 1991 traf ich ihn zufällig in Sofia und fragte ihn, ob er mir die Teilnahme an einigen Turnieren in Spanien, wo er viele Organisatoren kennt, arrangieren könnte.

Wie würdest Du Deinen Spielsstil charakterisieren?

Ich denke, ich habe einen angreifenden Stil, immer auf den Sieg aus. Aber als Profispieler versuche ich, vielseitig zu sein.

Wann hast Du Dich dazu entschieden ein Profispieler zu werden?

Ich glaube, nachdem ich Großmeister geworden war und in Spanien viel spielte. 1991 habe ich mich dann entschieden, professionell Schach zu Spielen.

Warst du dabei von Anfang an erfolgreich, oder gab es auch Zeiten, in denen es nicht so gut lief?

Im Großem und Ganzen war ich immer erfolgreich und ziemlich schnell stieg ich zur Schachelite auf und hatte dadurch Einladungen zu den Top Turnieren.

In manchen weniger wichtigen Turnieren, hast Du ein etwas eigentümliches Schach gespielt – die erste Hälfte des Turniers über lief es alles andere als gut, und in der zweiten Hälfte hast du geniales Schachspiel gezeigt. Wie erklärst Du Dir das?

Wenn ich eine Erklärung hätte, wäre ich vielleicht in der Lage gewesen, diese anfänglichen Niederlagen zu verhindern. Aber meine Karriere nahm auch einen exzellenten Start, wie zum Beispiel in Tripolis 2004, oder 2005 in San Luis.

Lass uns über das Weltmeisterschaftsmatch gegen Wladimir Kramnik sprechen. Nachdem Deine Vorbereitungen für das Match abgeschlossen waren, aber bevor es eigentlich begonnen hat, hast Du sicher eine Vorstellung vom möglichen Ausgang des Matches gehabt. Hast Du gedacht, Du würdest gewinnen und welchen Endstand konntest Du Dir vorstellen? Warum?

Natürlich habe ich ein hartes Match erwartet, aber durch meine letzten, hervorragenden Ergebnisse war ich sehr optimistisch. Ich hatte genug Zeit mich gut vorzubereiten. Mein Team und ich schauten uns vor allem Kramniks Partien gegen Kasparow und Leko an und analysierten sie. Es war unmöglich, den Endstand vorauszusehen, aber ich war von meinen besseren Chancen überzeugt, da wir festgestellt haben, dass Kramnik in Matches tatsächlich nicht so stark ist wie alle denken.

Nach der zweiten Partie lagst Du 0-2 zurück. Bitte beschreib uns Deine Gefühle und Deine Verfassung vor der dritten Partie.

Ich war der Meinung, das bessere Schach gespielt zu haben, musste aber meine Konzentration steigern, wenn ich besser stand. Außerdem hielt ich die Situation nach den zwei Partien für anders und es standen noch viele Partien an, die das Ergebnis des Turniers ändern konnten. Und wenn Kramnik vor der ersten Partie nichts zu verlieren hatte, so hatte er es jetzt.

Bestimmte Passagen des Buchs stellen die Anschuldigungen der Betrugsversuche fast als erwiesenen Fakt hin. Hältst Du das für fair und angemessen? Wie würdest Du Dich fühlen, wenn man Dir solch unbewiesene Vorwürfe machen würden?

Ich bin in dem Buch nur für die Einleitung und die angehängten Partien verantwortlich. Andererseits hat das Presidential Board in Tallin noch einmal bestätigt, dass die Entscheidung des Elista Match Appeals Committees die Toiletten zu schließen, korrekt war und den Regeln gerecht wurde. Sogar die FIDE hat diese Entscheidung von Anfang an unterstützt. Das zeigt auch, dass der Protest meines Teams ernstzunehmende Gründe hatte. Am ersten Tag der Streitigkeiten haben wir um die Videoaufnahmen gebeten, um sie in den Massenmedian ausstrahlen zu können, aber das Organisationskomitee hat sie nicht einmal der FIDE Ethik Kommission ausgehändigt. Ich frage mich, warum so eine große Geheimhaltung über der Sache liegt, wenn Kramniks Verhalten einwandfrei war. Bitte berücksichtigt, dass Kramniks Freunde Bareev und Dolmatov mir vor dem Match völlig unbegründete Betrugsvorwürfe machten. Dadurch weiß ich, wie es sich anfühlt, völlig ohne Grund einer Sache beschuldigt zu sein. Und ich möchte noch anmerken, dass der Protest, den mein Team vor Runde 5 verlauten ließ, nicht in Zusammenhang mit den anderen Anschuldigungen steht; sie sind das Ergebnis von langer und gründlicher Beobachtung vom Kramniks Verhalten während der vorangegangenen Spiele.

Im Buch heißt es, es gäbe Lücken im Überwachungsvideo von Kramniks Toilette und will damit sagen, dass das ein Beweis eines Betrugsversuchs ist. Gibt es vergleichbare Lücken in den Aufnahmen Deiner Toilette?

Soviel ich weiß, sind beide Aufnahmen unserer Toiletten zeitgleich gemacht worden. Das Appeals Committee hat nur Kramnik beobachtet, aber ich habe kein Problem damit, wenn auch die Videoaufnahmen meiner Toilette veröffentlich werden.

An einigen Punkten im Buch merkst Du an, dass Kramnik von der Toilette zurückgekommen und sofort seinen Zug ausgeführt hätte. Aber Kramnik machte auch schwerwiegende Fehler während der Partie, z.B. 31... Bxf8? im zweiten Spiel, was einen schnellen, erzwungenen Sieg ermöglicht. Das spricht eher dafür, dass er keine Computerhilfe genutzt hat. Kannst Du dich erinnern, wie viel Zeit Kramnik für diesen Zug gebraucht hat? War das einer Züge, die er nach seinem Toilettenbesuch machte?

In meinen Aussagen habe ich nur zu den Situationen etwas gesagt, an die ich mich genau erinnern konnte. So auch Kramniks Zug 31...Bxf8 in Spiel 2. Er hat es nach einer Reihe von mehr oder weniger erzwungenen Zügen schnell gespielt, und keiner von uns hat das Brett verlassen. Mein Gegner dachte ungefähr 10 Minuten über diesen Zug nach und war währenddessen die ganze Zeit am Brett. Deswegen kritisierte mein Team nur die Züge, die er nach seinen Toilettenbesuchen spielte und nicht die Züge, die er spielte, nachdem er vor den Zuschauern überlegt hatte.

Aufgrund Deiner Annahme, Kramnik würde die Toilette benutzen, um den Computer zu konsultieren, hast Du Dein Tempo in manchen Spielen angezogen, um ihm weniger Zeit zu lassen. Denkst Du, dass Du damit Deinem eigenen Spiel geschadet hast, weil diese überstürzten Züge eventuell nicht genug durchdacht waren?

Es stimmt, dass ich nach der 5. Partie begonnen habe schneller zu spielen, aber deswegen habe ich nicht das Turnier verloren. Eigentlich war die Qualität meiner Züge sehr gut, abgesehen von dem Fehlgriff in der 10. Partie. Ironischerweise spielte ich den Zug 24...f6?? Nicht schnell, sondern dachte 10 darüber nach.

Es wurde auch gemutmaßt, dass Kramniks häufige Toilettenbesuche einen psychologischen Trick darstellen sollten? Was meinst Du zu dieser Möglichkeit?

Das glaube ich nicht, vor allem nicht, was die ersten vier Spiele betrifft. Es ist für einen Profispieler besser, zu versuchen bessere Züge zu machen, als zu hoffen, seinen Gegner ablenken zu können.

Wie realistisch hast Du Deine Chancen in den Tie-break Spielen eingeschätzt? Findest Du, ein Weltmeistertitel sollte durch dieser Art von schnellen Spielen ausgemacht werden?

Zu diesem Zeitpunkt war ich einfach nur froh, dass das Turnier bald zu Ende war. Für die Tie-break Spiele wollte ich nur ruhig sein und spielen, ohne darüber nachzudenken welche Bedeutung diese Spiele hatten. Ich finde ein Tie-break mit schnellen Spielen ist besser als ein unentschiedenes Match, weil der Weltmeister zeigen muss, dass er besser als sein Gegner ist und nicht, dass er nicht schlechter ist, was alles war, was er früher zeigen musste.

Lass uns weitergehen. In dem Interview nach dem 12. Spiel hast Du etwas Interessantes über die Partie gesagt: "Eigentlich, wenn wir über den Tie-Break sprechen, würde ich eher ein Dame einstellen oder Matt in 1 werden, als in die Situation zu geraten, in der Leko 2004 war. Er verlor vor zwei Jahren zwar nicht, aber Leko is nun "nobody" und Kramnik Weltmeister." Sicherlich ist Leko heutzutage nicht wirklich "nobody", und Du, obwohl Du das Match verloren hast, charakterisierst unverändert einen der dynamischsten und kraftvollsten Großmeister in der Welt. Würdest Du bitte den Kommentar dieses Interviews erklären?

Was ich meinte, war dass Leko im Vergleich zu Kramnik "nobody" war. Denn obwohl er das Match nicht verlor, hatte er dennoch mit dem Kampf um dem Titel zu beginnen, während Kramnik beanspruchte gegen den Gewinner von Kazimdschanow - Kasparow zu spielen. Ich glaube Leko hat nicht weniger das Recht gegen mich in Elista zu spielen als Kramnik, weil er das Match "verlor", indem er einen unfairen Vertrag unterzeichnete. Er verlor nicht am Brett.

Wirst Du jetzt wo das Match vorbei ist von manchen Spielern anders behandelt als zuvor?

Natürlich, manche Spieler änderten ihr Verhalten nach dem Match. Nigel Short zum Beispiel, der ironischerweise in San Luis 2005 jeden Tag mit meinem Team Mittag gegessen hat und behauptete mir Glück zu bringen und mehr als ein Jahr später erinnert er sich plötzlich, während der Weltmeisterschaft damals "etwas finsteres" gesehen zu haben.

Aus dem Buch geht hervor, dass Du findest, dass das Material, was auf der ChessBase-Seite über das Turnier veröffentlich wurde, die öffentliche Meinung über das, was sich abspielte, beeinflusst hat. Kannst Du uns erklären, was da vor sich ging und warum?

Natürlich war es ChessBase sehr wichtig zu beweisen, dass Kramniks Verhalten in Ordnung war, weil sie einen Vetrag für ein Turnier mit ihm im November 2007 unterschrieben hatten. Und das ist verständlich, sie wollten den Sieger der Weltmeisterschaft und nicht den Verlierer des Turniers in Elista. Und deswegen haben sie alles Mögliche getan, um die öffentliche Meinung zu Kramniks Gunsten zu beeinflussen. Und vielleicht ist es kein Zufall, dass Short für ChessBase arbeitet.

Der Prozess, der zu einem Weltmeistertitel führt ist so was von undurchschaubar geworden. Siehst Du Dich noch einmal um den Titel spielen und wie, denkst Du, ginge das von Statten?

In Wahrheit wird ein stabiles System so schnell nicht durchgesetzt werden, weil die FIDE zu oft Veränderungen vornimmt. Momentan sollte ich noch einmal die Möglichkeit haben, ein weiteres Turnier um den Weltmeistertitel spielen, weil ich nächstes Jahr gegen den Gewinner des World Cups 2007 spielen werde und der Gewinner dieses Turniers wird den Weltmeister in einem Turnier herausfordern.

Es ist Tatsache, dass Computerprogramme heute in der Lage sind auf gleichem Niveau mit weltklasse Großmeistern zu spielen. Wie siehst Du die Zukunft des Schach von den Computern beeinflusst?

Computerprogramme haben das Schachspiel grundlegend verändert, nun ist es konkreter, mehr wie eine Wissenschaft. Aber Schach kann von den neuen Technologien wie dem Internet auch profitieren, oder Sponsoren in Hi-tech Firmen finden.

Weselin, vielen Dank dafür, dass Du Deine kostbare Zeit mit ChessCafe.com und unseren Lesern weltweit geteilt hast. Wir wünschen Dir den besten Erfolg, beruflich wie auch privat. Danke…

 
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