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Interview mit Dr. Eisengräber - Pabst

 
Anläßlich der Premiere unseres neuen Schachportals Schachlinks.com sprachen wir mit unserem Forums-Schiedsrichter Dr. Axel Eisengräber-Pabst
 
Name: Axel Eisengräber-Pabst
Wohnort: Sonsbeck
Beruf: Diplom-Chemiker
Verein: SK Xanten seit Juli 2003
 
Axel, Du bist in Schachangelegenheiten sozusagen auf verschiedenen Gleisen unterwegs. Da gibt es den Schachspieler einerseits und den Schiedsrichter andererseits. Du bist Vereinsspieler, Schiedsrichter, Mitglied bei den Chess-Tigers, Mitglied im deutschen E-Mail Schachclub und sogar als Buchübersetzer hast du Dich schon bestätigt. Bist Du ein Süchtiger - also so eine Art Schach-Junkie?

Jungs, da habt Ihr aber kräftig gewühlt, alle Achtung! Schach-Junkie ist sicherlich das falsche Wort. Aber Schach-Begeisterter trifft die Sache wohl eher. Vereinsspieler bin ich jetzt in der 20. Saison, den Großteil davon bei der SG Filder, nach meinem Umzug dann beim SK Xanten. Schachspielen macht mir Spaß, aber auch das Drumherum, d.h. ein nettes Vereinsleben und ähnliche Sachen gehören auch dazu. Wichtig für mich ist, dass sich die Leute wohlfühlen. Dazu muss man eben eine entsprechende Atmosphäre schaffen und darf nicht alles nur dem Gewinnen unterordnen, so schön dieses auch ist. Leider bin ich im DESC nicht mehr aktiv, dazu fehlt mir doch die Zeit. Es täte meiner Spielstärke aber sicherlich gut, wenn ich mich auch da wieder intensiver mit befassen würde. Die Zeit, die ich auf Schach aufwenden kann, verwende ich deshalb auf das freitagabendliche Zocken und die Schiedsrichterei. Die Chess-Tiger sind ein sehr motivierter Verein und haben sich der Förderung des Schachspiels verschrieben. Insbesondere das Schach960 halte ich für eine sehr interessante und fördernswerte Idee, zumal die ganze Theoriebüffelei entfällt. Es war immer wieder interessant, bei den Chess Classic abends auf der einen Seite die Schnellschachpartie und auf der anderen Seite die Schach960-Partie zu sehen. Beim Schach960 zeigt sich einfach, wer mehr Schachverständnis hat! Neben Schach960 wurde auch eine Internet-Schachakademie ins Leben gerufen. Auch die Homepage www.chesstigers.de ist mehr als lohnend, was Informationen zu internationalen Turnieren oder auch nur die Schachcomics von Frank Stiefel angeht. Die Übersetzung war eher ein Zufallstreffer. In der News Group las ich, dass ein Schachspieler mit guten Englischkenntnissen (oder ein schachspielender Übersetzer) gesucht wird und da habe ich mich gemeldet. Zusammen mit Holger Möller habe ich dann das Buch >Chess for Dummies< übersetzt. Es war eine sehr interessante Erfahrung und hat sehr viel Spaß gemacht.

Bevor wir etwas näher auf verschiedene Dinge eingehen, sag uns doch bitte vorweg etwas über deinen Heimatverein. Deine Schach-Kameraden würden es Dir sicher übel nehmen, wenn Du dies bei dieser Gelegenheit unterlassen würdest.

Beim SK Xanten bin ich seit Juli 2003, seitdem ich aus beruflichen Gründen nach Sonsbeck gezogen bin. Es ist ein sehr junger Verein, das Durchschnittsalter würde ich auf etwa 25 schätzen. Wir haben mit Jürgen Bock und Ingo Thomas zwei sehr gute Trainer, die sich um unsere Spielstärke (bei mir leider vergebens) kümmern. Schön ist vor allem unsere Homepage www.sk-xanten.de, auf der unser Verein näher vorgestellt wird. Aber ein Besuch bei uns am Spielabend ist noch viel besser. Ich selbst spiele in der zweiten Mannschaft in der Bezirksliga an Brett 2. Um die Erste habe ich mich noch drücken können, die haben noch mehr Termine als die Zweite (und schon da konnte ich nicht mehr alle Termine wahrnehmen). Kennzeichnend für unseren Verein dürfte wohl der ab ca. 22.30 Uhr erschallende Ruf „Wann gehen wir zum Döner?“ sein, in meinem vorherigen Verein hatten wir Getränke und Süßwaren selbst im Schrank. Das führte dann dazu, dass die Leute öfter um ein „Viertele“ spielten, mit den bekannten Folgen für die Spielstärke…

Verschiedene Deiner Schachaktivitäten haben wir bereits angesprochen. Dennoch kann man wahrscheinlich behaupten, dass Du mit besonderer Leidenschaft Schach-Schiri bist

Angefangen habe ich mit einer Ausbildung zum Turnierleiter (die unterste Stufe), da ich mal die Regeln richtig kennen lernen wollte. Dann fragte mich Sven Noppes aus Deizisau, ob ich nicht ein Schnellschachturnier bei ihm schiedsen wolle. Tja, das Schnellschachturnier war nur einmal, stattdessen bin ich dieses Jahr zum 6. Mal beim Neckar-Open in Deizisau dabei und ich hoffe, dass auch dieses Jahr wieder der TN-Rekord fällt (letztes Jahr waren es 608 in den drei Open, die Senioren und Kinder nicht gezählt). Bei dem Open habe ich auch Hans-Walter Schmitt kennen gelernt, der mich dann einlud, bei den Chess Classic in Mainz zu schiedsen, was ich jetzt zweimal getan habe.

Was macht deiner Ansicht nach ein guten Schach-Schiri aus?

Wichtig ist, dass ein Schiedsrichter absolut neutral ist und seine Regeln kennen sollte. Das Schöne beim Schach ist, dass man nicht wie beim Fußball Tatsachenentscheidungen treffen muß, sondern sich mal kurz entspannt zurücklehnen kann und eine Bestandsaufnahme machen kann. Weiterhin sollte der Schiedsrichter auch bedenken, dass er nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen hat, sondern ebenso fehlbar ist. Deswegen darf er auch ruhig mal in seine FIDE-Regeln schauen, wenn er sich nicht sicher ist (das mache ich nur allzu oft). Und der Schiedsrichter sollte eine Portion gesunden Menschenverstandes mitbringen sowie haufenweise Ruhe, wenn es mal hektisch wird. Für einen Schiedsrichter ist es nicht wichtig, welche Stufe man hat. Ich selbst habe die Regionale Schiedsrichterlizenz, eins über dem Turnierleiter, danach kommt dann der Nationale SR und dann der Internationale SR. Beim letzten Neckar-Open 2004 waren insgesamt 4 SR, Sven Noppes als Turnierorganisator hat selbst die nationale Lizenz, Andreas Warsitz ebenfalls und dann war noch GM Emil Anka dabei, der die internationale Lizenz anstrebte.

Was kann man als Schiri verdienen?

Interessante Frage, die ich nicht beantworten kann. Bei Bundes- oder Oberligaeinsätzen gibt es ein Tagegeld und etwas km-Geld, bei den Open hängt das auch vom Veranstalter ab. Auf alle Fälle reicht es nicht zum Leben!

Kannst Du Dich an kuriose oder komplizierte Streitfälle erinnern, an deren Lösung Du beteiligt warst?

Ein Beispielfall ist ja bereits im Forum diskutiert worden. Ansonsten hält sich die Kuriosität eher in Grenzen. Ärgerlich sind auf alle Fälle immer Betrugsversuche. Es kommt vor, dass Trainer ihre Schützlinge während der Partie coachen und das finde ich im höchsten Maße unfair. Weniger als Streitfall, sondern mehr als Anekdote gedacht ist der Fall, dass man den Turniersieger im örtlichen Burger King auffand, während die Siegerehrung im Gange war. Amüsant war auch der Kommentar eines Teilnehmers nach der Auslosung der ersten Runde in Deizisau 2003 (Herr Schiedsrichter, ich glaube die Auslosung ist falsch! – Wieso? – Ich spiele an Brett 96! – Ja, und? – Ich habe 2250 ELO! – Dann gibt es eben 95, die besser sind als Sie. – Was, so viele?). Mir persönlich macht es auch Spaß, mögliche Fälle zu diskutieren. Die FIDE-Regeln sind nicht fest gefügt, sondern ermöglichen durchaus unterschiedliche Ansichten. Diskussionen darüber erweitern das Regelverständnis doch ziemlich (da gab es schöne Threads in der deutschen Schachnewsgroup), doch man darf das dann nicht zu ernst nehmen.

Der normale Vereinsspieler und „Schachpatzer“ hat gelegentlich den Eindruck, dass Schachspieler ab einer bestimmten Spielstärke in höheren Sphären schweben und von dort kaum mehr auf die Erde zurück zu bringen sind. Du hast ja nun so einige IM und GM kennen gelernt. Was gibt es da so für Eigentümlichkeiten und Macken, auf die Du dich einzustellen hattest?

Nun, prinzipiell gilt es zu sagen, dass das alles normale Menschen sind, mit denen man ganz normal umgehen kann. Ich habe noch kaum einen erlebt, der einen totalen Schuss hatte. Macken hat jeder, das ist ganz klar. Ich denke, dass der normale „Schachpatzer“ glaubt, aufgrund der höheren Spielstärke muss der IM/GM jemand Außergewöhnliches sein. Dem ist aber gar nicht so. Auf soviel Macken hat man sich eigentlich nicht einzustellen. Am wichtigsten ist den meisten Spielern, dass sie ungestört spielen können und sich die Zuschauer dementsprechend benehmen. Das bedeutet z.B., dass man als Schiri dafür auch Sorge tragen muss, dass die Zuschauer den Spielern vor allem bei spannenden Partiephasen noch Luft zum Atmen lassen. In Deizisau kommt es durchaus vor, dass sich auf der Bühne um eine Partie 40 und mehr Personen drängen. Jeder will etwas sehen, dann drückt und schiebt man und schwuppdiwupp sitzt einer dem Spieler im Nacken und der nächste bei ihm auf dem Schoß. Das ist nicht wirklich angenehm.

Bist Du in deinem Leben einem Schachspieler begegnet, der Dich nachhaltig positiv beeindruckt hat?

Das ist schwer zu beantworten. Eine besonders erwähnenswerte Leistung erbringen für mich blinde Schachpieler. Es ist beeindruckend, auf welchem Niveau diese spielen können. Ich habe selbst schon die ein oder andere Blindpartie gespielt, jedoch ist dies ziemlich schwierig und vor allem dann könnte ich dies nicht unter Turnierbedingungen.

Angenommen, man würde Dich morgen damit beauftragen, die FIDE Schach-Regeln in Deinem Sinne umzugestalten. Was würdest Du sofort ändern?

Sofort würde ich nichts ändern. Wenn wir uns die Änderungen der letzten paar FIDE-Kongresse anschauen, dann sind diese meistens kosmetischer Natur. Ich denke, dass das Regelwerk so ziemlich rund und stimmig ist. Ein Streitpunkt ist immer der Artikel 10.2 (da geht es um den Remisantrag, wenn man glaubt, dass der Gegner nur über Zeit gewinnen will). Ansonsten habe ich als Schiedsrichter meinen Gummiparagraphen 12.1, da steht drin, dass der Schachspieler alles unterlässt, was dem Ansehen des Schachspiels abträglich ist. Und das darf der Schiri auslegen! Mit anderen Worten, ich bestimme Sockenfarbe, Frisur, und was mir sonst noch einfällt…

Weißt Du, weshalb man Frauen und Männerschach voneinander unterscheidet?

Nein. Es gibt ja da den kleinen aber allgemein bekannten Unterschied, aber der sollte sich beim Schachspielen nicht auswirken. Zwar scheint es, dass Frauen deutlich schlechter Schach spielen, doch das würde ich eher darin begründet sehen, dass Frauen deutlich weniger Interesse an Schach haben und damit die Masse fehlt, aus der die Klasse dann kommt. Hätten wir eine 50:50-Verteilung, dann sollte die Weltspitze auch so aussehen, würde ich vermuten.

Zum Schluss verrate uns doch bitte noch, auf welchem Gebiet Du promoviert hast.

Ich habe Chemie studiert in Stuttgart und Cincinnati und in Textilchemie in Denkendorf promoviert. Zur Zeit arbeite ich bei der Sachtleben Chemie GmbH in Duisburg. Wir stellen Titandioxid her, das zur Mattierung von Kunstfasern wie Polyester oder Polyamid eingesetzt wird. Aufgrund unserer Marktstellung liegt die Vermutung nahe, dass ein jeder, der dies hier liest, das ein oder andere Körnchen von uns am Leib trägt. Und da gibt es noch haufenweise andere Einsatzmöglichkeiten für unsere Produkte, z.B. in Sonnencremes oder Smarties (wie ich erst neulich gelernt habe).

Wir bedanken uns für das Gespräch schachlinks.com
 
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