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Die Krise des Schach ist die Krise der sportlichen Ethik bei Spielern und Funktionären ...
 

    Seit einiger Zeit läuft in der Zeitschrift "Schach" eine Diskussion über die Krise des Schach. In Nr. 1/07 wurde der folgende Beitrag von Till Schelz-Brandenburg veröffentlicht:

    Die Krise des Schach ist die Krise der sportlichen Ethik bei Spielern und Funktionären ...

    Man stelle sich vor:
    • Im Fußball-Bundesliga-Spitzenspiel zwischen Werder Bremen und Bayern München verlassen in der 13. Minute Werder Stürmer Miro Klose und Bayern-Verteidiger Lucio den Platz. Den erstaunten Reportern in der Mixed- Zone erklären beide unisono, sie hätten zweifelsfrei festgestellt, daß sie sich komplett neutralisieren würden, ein Weiterspielen also keinen Sinn mache. Kurz darauf verabschieden sich auch Mertesacker und Makaay mit gleicher Begründung. Ab der 60. Minute stehen nur noch die Torhüter Tim Wiese und Oliver Kahn auf dem Platz.
    • In der letzten Runde kommt es zum Duell zwischen dem Tabellendritten Schalke 04 und den knapp führenden Bayern aus München. Die nur mit 10 Mann angetretenen Schalker erleben ein Debakel und unterliegen 2:6. Schalke-Präsident W. Kunz und der Chef des Gelsenkirchener Hauptsponsors, W. Gaspromowitsch, teilen nach dem Spiel gemeinsam mit, sie seien fest von einer Mitwirkung Ronaldinhos ausgegangen, der es aber für sie alle überraschend vorgezogen habe, am gleichen Tag für den FC Barcelona zu spielen. Dies sei absprachewidrig gewesen, Ronaldinho werde hiermit für alle Zeiten aus dem Schalker Kader gestrichen.
    • Bei der WM 2010 in Südafrika kommt es im Finale zur Begegnung Brasilien gegen Deutschland. Nach nur 10 Minuten führen die Brasilianer mit 2:0. Auf einer Blitz-Pressekonferenz noch während der ersten Halbzeit erklärt Teammanager Oliver Bierhoff, die Brasilianer seien offenkundig gedopt, denn man habe beobachtet, daß die komplette Mannschaft noch kurz vor dem Spiel auf die Toilette gegangen sei. Das sofort zusammentretende, strikt neutrale Schiedsgericht, bestehend aus Jürgen Klinsmann, Jogi Löw und Dieter Eilts, reagiert und läßt für die Halbzeitpause die Toilette in der basilianischen Umkleidekabine zu sperren. Benutzt werden könnten allerdings die Urinale im deutschen Kabinentrakt. Die Südamerikaner beschließen daraufhin, zur zweiten Halbzeit nicht mehr anzutreten. FIFA-Präsident Blatter, zu der Zeit wegen des Verkaufs des Weltfußballs an den halbstaatlichen russischen Energiekonzern Sibneft zu Verhandlungen mit Putin in Moskau, gelingt es per Videokonferenz, die Brasilianer zum Weitermachen zu überreden. Wegen der von ihnen zu verantwortenden Verzögerung wird der deutschen Mannschaft aber das Anschlußtor zum 1:2 zugesprochen. Trotzdem wird Brasilien am Ende nach 8:7 in der Verlängerung Weltmeister. Bierhoff beharrt allerdings weiter auf seinem Vorwurf des Dopings und erklärt, man habe durch aufwendige Spezialuntersuchungen herausgefunden, daß rund 80% der brasilianischen Spielzüge dem Computer-Spiel "FIFA WM 2010" entsprächen.
    • Die UEFA legt fest, die Championsleague als zentrales Turnier auf den Salzwiesen vor Nessmersiel auszutragen. Die eh nur inoffiziell und wenig nachdrücklich vorgetragene Kritik einiger Spieler kontert Generalsekretär Mitzeng auf dem Abschlußbankett mit dem Hinweis, es müsse doch für jeden Fußballer ein besonderes Erlebnis sein, die ostfriesische Folklore einmal unverfälscht kennenzulernen.

    All diese Beispiele sind im Sport unmöglich, im Schach aber teilweise gängige Praxis. Das hohe Roß, auf dem zahlreiche Spieler wie Funktionäre einherreiten, Schach sei nun mal kein Massensport, weil es zu schwierig, zu intellektuell etc. sei, erweist sich bei genauerem Hinsehen als müder Klepper, dem aus Schwäche, mangelnder Ausbildung und Selbstzufriedenheit die Fähigkeit abgeht, sich wirklich sportlich zu verhalten. Dies wird noch weiter deutlich an üblichen Verhaltensweisen, die sich zumindest für meine beschränkte Phantasie der Transposition in die Fußballsphäre entziehen. So ließ sich beim ECC in Fügen jeden Tag beobachten, wie Weltklassespieler einer Mannschaft in gemütlicher Zweier- oder Dreierberatung während ihrer laufenden Partien außerhalb des Turniersaals versammelt waren - sie unterhielten sich natürlich nur übers Wetter. Und als Luke McShane jüngst in Hamburg zwar seinen Zug ausführte und auch die Uhr drückte, aber nur so, daß sie trotzdem weiterlief und ihn mit Zeitüberschreitung zurückließ - gibt es überhaupt einen Kenner der Schachszene, der auch nur davon träumt, Gegner oder Schiedsrichter hätten den Briten aktuell auf sein Mißgeschick aufmerksam gemacht?

    Der gerade für Jugendliche so hohe Stellenwert von Sport, der - spielerisch - Fairness, Akzeptanz auch ungeschriebener moralischer Regeln, Teamwork und Mannschaftsgeist fördert, scheint sich beim Schachsport zu verflüchtigen: Das edle Schachspiel wird gerade im Spitzenbereich organisiert und ausgeübt von Funktionären und Akteuren, die zunehmend schieren Egoismus, die Bereitschaft, alle Mittel inklusive der moralischen Desavouierung des Gegners einzusetzen respektive sich a priori mit oder ohne pekuniäre Beimischung zu einigen, Regeln unablässig zu ändern, praktizieren - also gerade der tendenziellen Aufhebung aller Elemente sportlicher Ethik Vorschub leisten. Und das scheint mir eine eben auch mittel- und langfristig wirkende Hauptursache der Krise des Schachs zu sein.

    Till Schelz-Brandenburg

 
Autor: Till Schelz-Brandenburg
 
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