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Großmeisterliche Scheingefechte !
 
    Bei großmeisterlichen Schachturnieren gibt es immer wieder Leerlauf und Langweile. Jüngster Beleg dafür ist das grade erst zu Ende gegangene Super-Turnier in Linares. Dabei ist nicht so sehr die Remisquote maßgeblich, vielmehr ist es der frühe Zeitpunkt, zu dem man häufig beschloss, sämtliche Gewinnbemühungen einzustellen. Es schien gelegentlich so, als würden 2 hoch bezahlte Profis sich stillschweigend darin einig sein, das es besser sei, sich heute mal einen Tag frei zu nehmen. Gar zu offensichtlich soll das Ganze aber nicht sein, weshalb man sich wenigstens zum Schein ins Gefecht stürzt. Dazu werden ein paar Theoriezüge gemacht, um dann festzustellen, dass der Gegner die Theorie auch beherrscht.
    (Karikatur: Frank Stiefel)


    Eine andere Form des Scheingefechtes ist es, die Partie abzubrechen, wenn alle glauben, es ginge nun ans sprichwörtliche „ Eingemachte“. Wenn 2 sich treffen, die eben aus diesem Holz geschnitzt sind, ist Schluß mit dem Schach.


    Ich kenne niemanden, der sich daran begeistert und wundere mich darüber, dass die Veranstalter diesem Ritual nicht endlich ein Ende setzen. Die Erkenntnis, dass dies möglich ist, verdanken wir ausgerechnet dem gleichermaßen umstrittenen wie einfallsreichen Topalov-Manager Danailov, der seinerzeit als Organisator der „M-Tel Masters“ erstmalig in der neueren Turniergeschichte eine Remisvereinbarung zwischen den Teilnehmern verbot. Remis war demnach erst dann, wenn der Schiedsrichter dies zuließ, oder aber wenn theoretisch nichts anderes mehr ging. Endlich bekamen die Zuschauer was geboten, denn gleich mehrfach wurde gekämpft bis zum nackten König. Wegen der sehr viel längeren Partien wurden auch konditionelle Schwächen offenbar und einige grausame Patzer kamen zu Stande, die uns heute meist vorenthalten bleiben, weil viele Partien einfach nicht mehr gespielt werden. Nur warum nicht ? Warum dürfen sich Schachprofis weigern zu tun, wozu sie eigentlich verpflichtet sind?


    Ganz offensichtlich fehlt es einigen Großmeistern an Mut zum Risiko. Wenn bspw. Kramnik im Interview mit dem russischen „Sport Express“ (hier die Deutsche Übersetzung auf Chessbase) einräumt, die von ihm auf 1. e4 häufig gewählte Russische Verteidigung sei „zu sehr auf Wettkampf ausgerichtet“, so gibt das Anlaß zum Nachdenken, denn dies bedeutet nichts anderes als den weitgehenden Verzicht auf jedweden Gewinnversuch mit den schwarzen Steinen. Es geht lediglich um Solidität und um die Zerstörung der Absichten des Weißen. Erst wenn dieser es übertreibt, bekommt er was aufs Dach. Da wundert es schon gar nicht mehr, das grade Kramnik im gleichen Interview zugibt, er habe beim Corus-Turnier in Wijk wenig Energie besessen und sich nicht besonders angestrengt. Eine solche Ignoranz den Schachfans gegenüber hat mich sehr erstaunt. Inzwischen wissen wir längst, dass es noch schlimmer geht, denn auch mit den weißen Farben spielen längst nicht alle Großmeister so, als wollten sie gewinnen.


    Nachdenken sollte man nun endlich über eine andere Punktevergabe. Wenn ein Sieg unter Supergroßmeistern so unendlich viel schwieriger ist, als ein schnelles Remis, so sollte sich das auch in der Bepunktung widerspiegeln. Erhielte bspw. der Sieger 2 Punkte, statt wie bisher nur einen, würde dies die risikofreudigen Spieler wie Morozevich, Topalov, Radjabow oder Carlson begünstigen. Diese Spieler sind ja grade wegen ihrer wenig schablonenhaften, kreativen und deshalb auch riskanteren Spielweise so populär.


    Die schachinteressierten Zuschauer haben ohnehin kein Interesse an diesen friedfertigen Remisveranstaltungen. Kein Wunder, denn man stelle sich einmal vor, es ginge in anderen Sportarten bspw. im Boxen so zu. Beide Gegner sehen einander an, erkennen, dass der andere auch Muskeln hat und beschließen wegen der vermeintlichen Gleichheit der Waffen, dass es besser sei, sich kein blaues Auge zu holen. Oder bei einem Formel 1Rennen; alle Fahrzeuge drehen eine Aufwärmrunde und verschwinden in der Box aus Furcht vor einem Blechschaden. Undenkbar ! Nicht so im Schach, denn hier wird der Zuschauer anscheinend völlig ausgeblendet. Keiner der Stars muss sich vor seinen Fans verantworten, wenn er nichts geleistet hat, denn bei einer ELO Zahl jenseits der 2700 verbietet sich offenbar jede Kritik. Dabei ist es doch im Schach nicht anders als in anderen Sportarten. Es geht um die Gefühle nach tragischen Fehlern und großartigen Siegen. Es geht auch um die friedliche Ruhe nach einem erkämpften Remis; doch zuvor hätten wir alle gern ein klein wenig Sturm.
 
Autor: Heiko Seiling
 
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