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Einen Springer, schnell!
 
    Steffen Hoffmann vom SK Fortuna Leipzig reflektiert interessant in seinen Kolumnen über das große und kleine Schach. "Einen Springer, schnell" hat er schachlinks.com zur Verfügung gestellt.

    In Siebenlehn war das, beim letzten Turnier. Nach der Partie stand ich auf, faltete den Zettel zusammen und ging – geradeaus zuerst, dann schräg – in den Analyseraum. Pedro, nein Leandro, der junge Spieler aus Paris, war auch schon fertig und ließ "Fritz" über seine Partie laufen. In der anderen Ecke steckten ein paar ältere Spieler um ein Brett herum die Köpfe zusammen. Und die Kinder spielten Tandem. Eins rief: "Einen Springer, los, schnell!", und streckte den Arm zur Seite aus. Schon legte ihm das andere, ohne dabei auch nur kurz aufzusehen, einen Springer auf die Hand.

    In Leipzig fahre ich Straßenbahn. Manchmal geht gerade die Sonne auf oder unter, während ich an der Haltestelle auf meine Bahn warte. Nein, die Sonne geht nicht auf und unter, sondern die Erde dreht sich vor ihr. Ebensowenig ist "meine" Linie 7, nachdem ich andere Linien vorbeifahren lassen habe, nun die richtige Bahn für mich, sondern ich bin der Richtige für diese Bahn. - Und ahmt der Schachspringer die natürliche Bewegung eines springenden, im Kampf jäh seine Laufrichtung ändernden Pferdes nach, wie Kinder und Erwachsene sich’s vorstellen? – Auch nicht.

    Dr. Maria Schetelich, die Leipziger Indologin und Schachforscherin, hat in ihrem Vortrag auf dem 8. Symposium der Initiativgruppe Königstein (der internationalen Gemeinschaft der Schachhistoriker), im Oktober 2005 die Frage, warum der Springer so zieht wie er zieht, oder besser, warum es der Springer ist, der so zieht wie er zieht, beantwortet. Sie beschreibt zunächst das altindische "Asvamedha" (Pferdeopfer)-Königsritual. Dabei "wird ein noch unberittener Hengst – begleitet von einer Schar junger Krieger – von der Grenze des Landes aus frei laufen gelassen, wohin er will." Kehrt er nach einem Jahr unversehrt heim, dann haben sich alle Könige, die es ungehindert durch ihr Gebiet ziehen ließen (oder ziehen lassen mussten) der Oberhoheit jenes Königs, der es loslaufen ließ, zu beugen und als Vasallen zu dienen. Weiter erklärt Schetelich eine kunstvolle Gattung der altindischen Literatur, wo als Silben in den Feldern eines Diagramms angeordnete Texte durch Sprünge "ein Feld gerade, eins schräg" gelesen werden und dadurch, dass mehrere solcher Touren möglich sind, vielfacher Sinn entsteht. Im Schach-Pferd ist ein Asvamedha-Pferd zu sehen, dem man die Idealbewegung des "Eins gerade, eins schräg" verlieh und damit den scheinbar natürlichen Rösselsprung erst künstlich schuf. Ein wahrhaft unaufhaltsames Asvamedha-Pferd ist der weiße Springer in der folgenden Partie. Der König räumt für ihn das Startfeld zur entscheidenten Tour.

    Nigel Short - Wladimir Tukmakow, Hastings 1982

    1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 Sc6 6.g3 Lg4 7.f3 Ld7 Denn 7.... Sxd4 wird mit 8.Dxd4 Lxf3 9.Lb5+ Sd7 10.Tf1 Lh5 11.Dd5 beantwortet. Aber nun verstellt der Läufer dem Sf6 das natürliche Feld d7. 8.Le3 e6 Nigel Davies, dessen Buch „Taming the Sicilian“ die Partie entnommen ist, sieht hier im Drachenaufbau mit 8.... g6 die Alternative. 9.Dd2 a6 10.g4 b5 11.g5 Sh5 12.0–0–0 Tc8 13.Sxc6 Txc6 14.Lh3 h6 15.gxh6 gxh6 16.Thg1 Lg7 17.Se2 De7


    18.Kb1! Gegen Sc1-d3-b4 kann Schwarz nun kaum etwas unternehmen. 18.... Kd8 19.Sc1 Kc8 20.Sd3 Td8 21.Da5 Kb7 22.Sb4 Tdc8 23.Sxc6 Txc6 24.a4 Df6 25.Ld4 Dxd4 26.Txd4 Lxd4 27.axb5 Tb6 28.bxa6+ Ka7 29.Dxh5 Txb2+ 30.Kc1 La4 31.Dxf7+ Kxa6 32.Lf1+ Kb6 33.Ld3 und Schwarz gab auf.

    Partie im Browser nachspielen

    Steffen Hoffmann, Leipzig
 
Autor: Steffen Hoffmann
 
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