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Vorschau auf die WM in Mexiko
 

    Quelle: faz.net
    Es ist gerade zwei Jahre her, als das denkwürdige WM-Turnier in San Luis (Argentinien) Wesselin Topalow zum Weltmeister kürte. Den Titel und die Startberechtigung zur diesjährigen Weltmeisterschaft hat der Bulgare im viel reflektierten Skandal-Match in Elista ein Jahr später an Wladimir Kramnik verloren, um nun als Weltranglisten-Zweiter nicht beim diesjährigen Mammutturnier um die Weltmeisterschaft in Mexiko-City (13. - 30. September 2007) teilzunehmen. Eigentlich war er nach dem ersten Entwurf zur Qualifikation für den WM-Zyklus natürlich vorberechtigt, da die Plätze 1-4 von San Luis (Topalow, Anand, Swidler, Morosewitsch) für die diesjährige WM reserviert waren. Die übrigen vier Plätze wurden nach über zehnjährigen Experimenten mit den Austragungsmodalitäten des WM-Modus in diesem Jahr in Kandidatenmatches ermittelt und damit das Feld für Mexiko komplettiert. Doch wer durfte die Kandidatenmatches eigentlich bestreiten? Die von 1997 - 2004 ausgetragene K.O.-Weltmeisterschaft wurde kurzerhand in den Weltcup umbenannt und erstmalig Ende 2005 in Chanty-Mansisjsk (Sibirien) ausgetragen. Die zehn besten Spieler dieses Marathons wurden ergänzt um fünf weitere Spieler, die von Januar 2004 bis Juli 2005 die höchste gemittelte ELO-Zahl aufwiesen. Der verbleibende 16. Spieler war Rustam Kasimdshanow, der letzte K.O.-Weltmeister von 2004. Der Modus zur Ermittlung des Weltmeisters bleibt auch nach der Bekanntgabe Ende Juni diesen Jahres weiterhin ein Holperweg: Topalow soll im nächsten Jahr wieder Berücksichtigung finden und ein Match gegen den Sieger des Weltcups bestreiten. Eventuell gleichzeitig spielt Kramnik gegen den Sieger des Mexiko-Turniers. Die Sieger dieser Duelle spielen dann gegeneinander. Sollte Kramnik aber das Turnier in Mexiko gewinnen, wird sofort ein Match gegen Topalow angesetzt! Die Regularien des WM-Zyklus 2007-2009 können hier nachgelesen werden.


    Die 8 Gladiatoren - Wer ist der Favorit?



    Quelle: coruschess.com

    Boris Gelfand (Israel)
    * 24.06.1968, 39 Jahre, ELO: 2733

    dürfte bei Buchmachern der Außenseiter schlechthin sein und sich damit eventuell in der Rolle Kasimdshanows von 2005 befinden. Aber der sympathische Dino hat sich gerade gegen selbigen bei den Kandidatenmatches durchgesetzt, um danach den Amerikaner Gata Kamsky das Ticket vor der Nase wegzuschnappen. Ohne Zweifel wird das anstehende Marathonturnier dem Turnierältesten sehr viel abverlangen. Wer seine Kämpfertugenden kennt, weiß, dass er ehrgeizig sein wird - das allein dürfte aber kaum ausreichend sein! Beim diesjährigen Sparkassen-Meeting in Dortmund konnte er nur gegen Anand ein Remis beisteuern und verlor gegen Leko und Kramnik. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass dies wohl die letzte Chance auf den WM-Titel für Gelfand sein wird, der selbigem seit Anfang der 90er kaum näher gewesen sein dürfte.


    Levon Aronian (Armenien)
    * 06.10.1982, 24 Jahre, ELO: 2750

    In den teilweise packenden Zweikämpfen der Kandidatenmatches hatte Aronian wohl die schwierigsten Aufgaben zu lösen, indem er zuerst Magnus Carlsen (Norwegen, derzeit Weltranglisten-17.) im Tiebreak (Blitz) und dann Alexej Schirow (Spanien, derzeit Weltranglisten-11.) auszuschalten hatte. Dennoch hatte man nicht unbedingt das Gefühl, dass er gegen die erlesene Konkurrenz schon an seine Grenzen gehen musste und keine Reserve-Prozente verfügbar sind. Im Frühjahr konnte er Wladimir Kramnik in Jerewan bei einem Schnellschach-Turnier mit 4:2 bezwingen, misst dem aber keine übermässige Bedeutung bei, sondern freut sich vielmehr insbesondere auf die Begegnungen mit Kramnik und Anand. Seine scheinbare (?) Lockerheit könnte ein großer Trumpf gegenüber der Konkurrenz sein und seine Siege in Linares 2006 und Wijk aan Zee 2007 (gemeinsam mit Topalow und Radjabow) beweisen, dass der Shooting-Star der vergangenen Jahre in der Weltelite mehr als mithalten kann. Mein persönlicher Geheimtipp!

    Quelle: chess-theory.com
    Quelle: dsu.dk
    Quelle: zugzwang.de


    Alexander Morosewitsch (Russland)
    * 18.07.1977, 30 Jahre, ELO: 2758

    Das als ewig-unberechenbare titulierte 'Genie' hat in diesem Jahr auch die 30-er-Marke erreicht! Prognosen bei ihm reichen oft von einem Totalausfall bis zum absoluten Spitzenplatz. Seine Fans - und diese sind zahlreich! - erwarten von ihm immer etwas spektakuläres, insbesondere bei der Behandlung von Eröffnungsstellungen ("I think there is no need to explain ho much 'fun' it is to prepare against Morozevich; you start guessing from the very first move..." [Sergei Movesesian]). Hier darf man gespannt sein, denn für "Moro" ist Schach nicht nur Wissenschaft, sondern auch Sport, d.h. dass nicht immer der beste Zug gewinnt, sondern derjenige, der dem Gegner mehr Probleme stellen kann als der andere zu lösen vermag! Für viele ein sympathischer Geheimfavorit!
    Viswanathan Anand (Indien)
    *11.12.1969, 37 Jahre, ELO: 2792

    Anand hat im Laufe seiner mittlerweile langen Schachkarriere alles gewonnen, was es zu gewinnen gab - aber die große Krone fehlt ihm noch, da der Sieg bei der K.O.-WM 2000 gegen Schirow im Vergleich zum Wettkampf Kasparow-Kramnik im selben Jahr mittlerweile schon fast in Vergessenheit geraten ist. Wer nun denkt, dass der indische "Tiger" inzwischen zahm geworden ist täuscht sich, denn der Weg zum Titel geht definitiv über Anand! 1995 in New York agierte er zu zahm gegen Kasparow und verlor das WM-Match aufgrund seiner nicht gelösten Probleme gegen Kasparows Sizilianisch-Repertoire. Zehn Jahre später fand er sich in San Luis in der schlechtesten Form des ganzen Jahres wieder und konnte nicht effektiv in den Kampf um die Krone eingreifen - aber aller guten Dinge sind bekanntlich drei und es gibt wohl kaum jemand, der ihm den Titel nicht gönnen würde.

    Alexander Grischuk (Russland)
    *31.10.1983, 23 Jahre, ELO: 2717
    Grischuk durfte noch nicht allzu oft auf derart hochkarätigen Turnieren, wo sich Anand & Co. regelmäßig tummeln, mitmischen, was aber nicht weiter überrascht, denn schließlich ist er mit Aronian der jüngste Teilnehmer des Turniers und einer aus der vielgelobten Nachwuchsgarde, welche schon seit Jahren an die Tür der Weltspitze klopft. Er ist für alle Teilnehmer kein einfach zu berechnender Gegner. Dass er vor Selbstvertrauen strotzen kann, hat er unter anderem auch dadurch bewiesen, dass er sich in den diesjährigen Kandidatenmatches zuerst gegen Wladimir Malachow (Russland) und danach gegen den Russischen Landesmeister von 2005 Sergej Rublewski durchsetzen konnte. Während er ersteren zumindest dem Resultat nach souverän bezwang, mußte er gegen Rublewski in den Tiebreak, welches aber deutlich unter seinen Zeichen stand. Grischuk wurde als Kind und Jugendlicher sehr gefördert und bestritt einige Schnellschachwettkämpfe, wie z.B. gegen Anand 2005 in Mainz (Ergebnis 5:3 für Anand). Seine größten Erfolge sind der Gewinn des Aeroflot-Open in Moskau (2002), Platz 2 in Linares (2001) und das Erreichen des Halbfinales der FIDE-WM in Neu-Delhi (2000). Poker oder Schach? Dieses Turnier könnte eine Zukunftsfrage für Alexander sein ...

    Quelle: wikipedia.de


    Quelle: bobby-fischer.net
    Peter Leko (Ungarn)
    *08.09.1979, 27 Jahre, ELO: 2738

    Peter Leko qualifizierte sich souverän über Gurewitsch (Türkei) und Barejew (Russland) durch nur 9 gespielte Partien in den Kandidatenspielen, womit er die wenigsten Partien zu absolvieren hatte und ungeschlagen blieb. An seinem Weiterkommen, dürfte aber auch kaum jemand gezweifelt haben, trug der Theoriegigant doch in beiden Matches die Favoritenrolle. Und auch in Mexiko zählt er zum erweiterten Favoritenkreis, da der Ungar ein Fleißarbeiter ist, der viel Kraft in die häusliche Vorbereitung steckt. Ein Beispiel gefällig? Gata Kamsky (USA) antwortete in einem Interview auf einen Nimzoinder in der Partie Gurewitsch - Leko, dass er "in dieser Variante einmal eine Partie gegen Kramnik verloren und sie daraufhin 'gut' analysiert habe. Mit 'gut' meint er: bis zum Ende!" Auch bei ihm gilt analog Anand, dass eventuell der dritte Anlauf den Titel bringen könnte, denn nach seinem Match-Unentschieden in Brissago 2004 (Kramnik blieb dadurch Weltmeister), hatte er binnen Jahresfrist in San Luis erneut die Chance. Dort verlor er auf eine für ihn typische Art die Auftaktpartie gegen Topalow: er ließ ihn in gewonnener Stellung durch einen K.O.-Schlag entwischen - Topalow wurde danach Weltmeister. Ist jetzt die Zeit reif für Leko? Eventuell alles eine Frage der Nerven!

    Quelle: rochadekuppenheim.de
    Quelle: stern.de

    Peter Swidler (Russland)
    *17.06.1976, 30 Jahre, ELO: 2735

    Peter Swidler war in den letzten Turnieren eher zahm und begnügte sich mit einer Vielzahl von Remis, was für den Kämpfer überrascht? Verbirgt er dahinter seine Vorbereitungen für das Weltmeisterschaftsturnier? Seine Bilanz für die russische Nationalmannschaft ist gigantisch: 5 x Olympiasieger, dazu Welt- und Europameister. Allein die russischen Meisterschaften konnte er vier mal gewinnen und auch der dritte Platz beim letzten WM-Turnier demonstrieren wozu der St. Petersburger fähig ist. Zuletzt gab es aber eher mittelmäßige Plazierungen, doch wenn ihm das Glück ein wenig zur Seite steht, er 'seine Stellungen' erhält, dann dürfte er seinen Bronze-Triumph von 2005 wiederholen - es sei denn, Peter hat sich in letzter Zeit zu sehr mit Cricket befasst ;)
    Wladimir Kramink (Russland)
    *25.06.1975, 31 Jahre, ELO:2769

    Mit stolz geschwellter Brust dürfte der amtierende Titelträger nach Mexiko fahren, denn er gewann zuletzt das renommierte Sparkassen-Meeting von Dortmund. Dabei stellte er einen einsamen Rekord auf, da er seit 1995 die Ruhrmetropole achtmal als Sieger verlassen hat. Aber auch in anderer Hinsicht kann man Dortmund eventuell als einen Fingerzeig deuten, da sich Kramnik nur gegen Boris Gelfand durchsetzen konnte und gegen Anand und Leko Unentschieden spielte. Das dürfte zu wenig sein, um im exklusiv besetzten Turnier von Mexiko-City die Krone zu verteidigen - aber warten wir es ab!

    Über 'Gerechtigkeit'

    Schauen wir noch einmal kurz zwei Jahre zurück nach San Luis, wo Topalow mit seiner kämpferischen Vorstellung sowohl Fachpresse als auch Fans begeistern konnte und von vielen Seiten als würdiger Nachfolger Kasparows deklariert wurde. Bis zum Zweikampf mit Kramnik im Herbst 2006 erspielte er sich durch Last-Minute-Turniersiege und die Präsentation von Kampfschach weitere Sympathien und vielerorts wurde erhofft, dass Kramnik den Zweikampf nicht gewinnen würde. Doch dann schaltete sich letztlich der von Topalow beauftragte Manager Sylvio Danailov ein und Betrugsvorwürfe zwischen beiden Beteiligten waren an der Tagesordnung, bis dass Match kurz vor dem Abbruch stand. Bis zum Ende des Matches verargumentierte das Team des Bulgaren viele Sympathien und hat dabei nicht nur sich geschadet. Für Kramnik war die WM auf jeden Fall eine gelungene Reputation seines Images. Leider hat er die Chance nicht genutzt dies auszubauen und hockt weiter auf seinen Vorrechten im Kampf um die Weltmeisterschaft. Kramnik erhält - unabhängig vom Ausgang des Turniers in Mexiko - zwei Chancen die Krone zu verteidigen! Selbst sein Manager Carsten Hensel räumt in einem Interview im Juni diesen Jahres ein: "Mit Sicherheit ist in dieser Angelegenheit noch nicht das letzte Wort gesprochen. Ich gehe davon aus, dass alle Top-Großmeister inklusive Peter Leko gegen dieses Vorrecht protestieren werden...". Stil hätte es gehabt und ein großes Zeichen hätte er meines Erachtens gesetzt, wenn er sich dafür stark gemacht hätte, dass Topalow seinen Platz von Mexiko erhalten hätte. Auf das darauffolgende Match hätte Kramnik wohl so oder so nicht verzichtet ...

    Einer hat in dem kompletten Zyklus keine Chance erhalten: Wassily Iwantschuk. Seit der ELO-Liste vom 01.07.2007 befindet er sich auf Platz 4 und ist außerdem in blendender Verfassung, da sich der 38 (!) -jährige sowohl in Foros, als auch in Odessa (Schnellschach) und Montreal auf dem Siegertreppchen ganz oben wieder finden konnte und somit einige weitere ELO-Punkte einheimste. Damit dürfte er in der Septemberliste auf Rang 2 stehen und wird demzufolge von seinen Fans schmerzlichst vermisst. Sein Fehlen ist damit schon vor Start der WM ein Wermutstropfen und lässt Spielraum für Spekulationen offen, zeigt aber auch, dass es bei permanenten Wechsel der Weltmeisterschaftsbedingungen keine ausgeglichenen Qualifikationskriterien entstehen können.

    Elista 2006 wird wohl allzeit mit dem Toilettenskandal und der Slawischen Verteidigung in Verbindung gebracht werden - wie ist man in Mexiko diesbezüglich gerüstet? Beim Sparkassen-Meeting vermied man unlautere Absichten und programmierte die Übertragungssoftware diesbezüglich um, sodass die Partiezüge und Bedenkzeit zeitversetzt ins Internet übertragen wurden, um Spekulationen vorzubeugen. Eine Empfehlung für Mexiko? Das Eröffnungsrepertoire dürfte sich schon alleine aufgrund der Anzahl der Teilnehmer einfallsreicher gestalten, dennoch dürften Sizilianisch und Spanisch, sowie vielleicht Grünfeld und Slawisch einen hohen Anteil ausmachen ...

    Der Countdown läuft!

    (C) 2007, Frank Große
    redaktion@schachlinks.com
 
Autor: Frank Große
 
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