Guter Springer - schlechter
Läufer
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Manfred Herbold, Stauf
Ein weiterer typischer Kampf der
Leichtfiguren ist zwischen Springer und Läufer. Manchmal ist der Springer
stärker – manchmal der Läufer.
Der Läufer hat Vorteile in seiner
Schnelligkeit. Er kann das Brett in einem Zug durchschreiten und kann bis zu 13
Felder kontrollieren – ist allerdings dafür auf eine Farbe festgelegt.
Der Springer ist zwar langsam,
kontrolliert maximal nur 8 Felder, kann aber dafür durch Lavieren jedes Feld
erreichen.
Diese so verschiedenen
Eigenschaften halten sich in etwa die Waage.
Die reale Stärke dieser
Leichtfiguren ist aber – sogar in größerem Maße als bei anderen Figuren – von
der Bauernstruktur beeinflusst. Wie schwach ein schlechter Läufer im Kampf
gegen einen guten Läufer ist, haben wir bereits betrachtet. Auch gegen einen
gut postierten Springer ist er unterlegen.
Deshalb ist bei Abtäuschen von
Leichtfiguren nicht nur die Frage: „Welche der abzutauschenden Figuren ist
stärker?“, sondern vor allem die Frage: „Welche Leichtfiguren bleiben dann noch
auf dem Brett – und wie gut oder schlecht sind die?“ von Bedeutung!
Betrachten wir die Überlegenheit
des Springers.
Typisch hierfür ist der
zentralisierte Springer (oft durch einen Bauern gedeckt) der von keinem
feindlichen Bauer vertrieben werden kann. Auf der anderen Seite befindet sich
ein schlechter Läufer, dessen eigene Bauern auf der Läuferfarbe stehen. Dadurch
steht der Springer automatisch auch auf der Gegenfarbe des Läufers.
Mittelspiel
Im Bogo-Inder sind solche Motive
üblich.
In der Oberliga Südwest gelang mir
2005 ein ’Klassiker’ zu diesem Thema.
Berresheim – Herbold, Oberliga
Südwest Koblenz – Ludwigshafen 13.02.2005
1.d4, e6 2.c4, Sf6 3.Sf3, Lb4+ 4.Ld2, De7 5.g3, Sc6 6.Lg2, Lxd2+
7.Sbxd2, d6 8.0-0, a5 9.e4, e5 10.d5, Sb8 11.Se1, 0-0 12.Sd3, Lg4 13.f3, Ld7
14.b3, Sa6 15.a3, c6 16.f4, Sg4 17.De2, exf4 18.Txf4, Se5 19.Taf1, Tae8 20.h3,
Sg6! 21.T4f2, cxd5 22.cxd5, Lb5 23.Sc4, a4 24.Db2, Tc8 25.Tc1
Schwarz will die zwei
Leichtfigurenpaare am Damenflügel abtauschen, damit der gute Springer auf g6
(mit Ziel e5) gegen den schlechten Läufer g2 übrig bleibt.
25..., Sc5 26.Sxc5, Txc5 27.Tfc2, Lxc4 28.Txc4, Txc4 29.Txc4, axb3
30.Dxb3, Td8 (besser vielleicht 30..., Se5(!) 31.Tb4, Tb8 32.a4, Dc7
33.Tb5, Sd7 mit Ziel c5. Der leichte schwarze Vorteil liegt in der, bereits
erwähnten, besseren Leichtfigur und der solideren Königsstellung.)
31.Db6, h5 32.h4, Ta8 33.a4, Se5 Da ist er endlich der
unvertreibbare Zentralspringer – der Stolz der schwarzen Stellung.
34. Tb4 (34.Tc7, Df6 35.a5, Sg4 36.Tc1, Txa5!! 37.Dxa5, Df2+
38.Kh1, Dxg3 39.Tc8+, Kh7 40.Kg1, Df2+ 41.Kh1, Dxh4+ 42.Kg1, Df2+ 43.Kh1, h4!!
44.Dc3, Se3 -+)
34..., Tc8! 35.Tb1, Tc3 36.Dxb7, Df6 37.Tf1, Dg6 38.Db8+, Kh7 39.Db6,
Txg3 40.Df2, Sf3+ 41.Kh1, Sxh4 42.Tg1, Dg4! 43.Lf1 (43.a5, Sf3! -+) Dxe4+ 44.Lg2 (44.Kh2, Sf3+! 45.Kxg3,
Dg4#) 44..., Th3# (Mit 44..., Dg4?? konnte man die Partie
noch verlieren! 45.Dxg3!, Dxg3 46.Le4+, f5 47.Txg3, fxe4 48.a5 +-) 0:1
Man beachte wie stark der Springer
den Angriff mitgestaltete und wie hilflos dagegen der Läufer war!
Ähnlich verlief folgende Partie.
Schwarz tauscht die Leichtfiguren so, dass sein guter Springer gegen den
schlechten Läufer übrig bleibt.
Böringer – Herbold, Hagenbach –
Ludwigshafen 02.02.2003
1.e4, c5 2.Sf3, Sc6 3.d4, cxd4 4.Sxd4, g6 Beschleunigter Drachen 5.c4 Maroczy-Aufbau Lg7 6.Le3, Sf6 7.Sc3, d6 8.Le2, 0-0 9.0-0,
Ld7 10.Sxc6, Lxc6 11.f3, Sd7 12.Dd2, a5 13.Sd5, Sc5
Nun begeht Weiß einen positionellen
Fehler! Er spielt das naheliegende 14.Ld4?
Schwarz antwortet Lxd4+! 15.Dxd4, e5! 16.De3, Lxd5! 17.exd5,
f5
Nach dieser Abtäuschen entsteht die
folgende Position.
Übrig bleibt ein guter,
zentralisierter Springer gegen einen schlechten Läufer. Der Vorteil ist zwar
sehr minimal, aber lieber einen kleinen Vorteil als einen kleinen
Nachteil! J
Weiß ist nun bemüht den Springer
mit baldigem b4 zu vertreiben.
18.Tab1, Dh4 19.b3 (19.a3? wird standesgemäß mit a4! =+
beantwortet. Dann wäre der Standpunkt des Springers auf c5 dauerhaft
gefestigt.) 19..., Tfe8! Schwarz
will die e-Linie öffnen und postiert deshalb seinen Turm dort. 20.Ld3, Dd4! Mutig gespielt. Der nun
entstehende Freibauer auf der d-Linie hat Vor- und Nachteile. 21.Dxd4, exd4 22.Tbd1, Te3 23.Lb1, d3
24.Td2, Tae8 25. f4 (25.Tfd1, Te1+ 26.Kf2, T8e2+ 27.Txe2 (27.Kg3?, Txd1
28.Txd1, Kf7 29.Lxd3, Txa2 -+) 27..., Txd1 28.Te1, Td2+ 29.Kf1, Sa6 =+)
25..., Kf7 26.g3, Kf6 27.Kg2, h6 28.Tf3? Verliert forciert. Te2+ 29.Tf2, Txf2+ 30.Txf2, Te1 31.Tf1,
d2 32.Lc2, Se4 0:1 Gegen die Drohung Se4-c3 nebst d2-d1D ist
kein Kraut gewachsen.
In dieser Stellung machte Weiß in
der Partie Zochowski – Herbold, Frydek-Mistek 2005
eine positionelle Ungenauigkeit,
nach der Schwarz leicht ausgleicht und das leichtere Spiel bekommt.
Es spielte 18.f5?! Danach wird das Zentralfeld e5 geschwächt. Nach Abtausch
der schwarzfeldrigen Läufer kann sich dort der schwarze Springer unangreifbar
einnisten. Außerdem ist der weiße Lf3 schon recht schlecht.
Es folgte konsequenterweise: 18..., Tac8 19.Tc1, Lxd4 20.Dxd4, Dc5
21.Dd3, Sf6 22.Tfe1, Te8 23.Te3, Sd7 24.Le4, Se5
25.De2, f6 (Hier verzichtete ich auf den Bauernraub Sxg4?, da Weiß
nach 26.Tg3, Se5 27.Dd2 gute Angriffschancen erhält.) 26.fxg6, hxg6 27.Th3,
Kg7 28.Tg1, Th8 29.Txh8, Txh8 30.Tg3, b4 31.c4, Dd4 32.h3, a5 33.Kg2, a4
34.De3, Da1 35.Dd2, Ta8! 36.Kh2? (mit 36.Te3!, axb3 37.axb3, Ta2 38.Lc2, Db2 39.Te2 hätte Weiß
die Stellung noch zusammenhalten können.) 36...,
axb3 37.axb3, Ta2 38.Lc2, Db2 0:1
Nun fällt es nicht mehr schwer den
nächsten Zug von Fischer zu erraten.
Fischer – Bolbachan,
Stockholm 1962
19.Lxb6!, Dxb6 20.Sd5 Der Springer dominiert die Stellung. Kein
Wunder, dass Weiß bald gewinnt. 20..., Dd8
21.f4, exf4 22.Dxf4, Dd7 23.Df5, Tcd8 24.Ta3!, Da7 25.Tc3!, g6 26.Dg4, Dd7
27.Df3, De6 28.Tc7, Tde8 29.Sf4, De5 30.Td5, Dh8 31.a3, h6 32.gxh6, Dxh6 33.h5,
Lg5 34.hxg6, fxg6 (34..., Lxf4 35.gxf7+, Txf7 36.Txf7, Kxf7 37.Th5, Dg6
38.Dxf4+ +-) 35.Db3!, Txf4 (35...,
Kh8 36.Sxg6!, Dxg6 37.Txg5!, Tf1+ 38.Ka2, Dxg5 39.Dh3+, Kg8 40.Dxf1 +-) 36.Te5+, Kf8 37.Txe8+ 1:0
Endspiel
Auch in Endspielen kann der
Springer einem Läufer überlegen sein. Das Diagramm zeigt so eine typische
Stellung. Die gewünschten Merkmale sind erfüllt: Der weiße Springer ist zentral
postiert und kann nicht vertrieben werden. Die schwarzen Zentrumsbauern stehen
auf der Läuferfarbe. Nur die Überlegenheit des guten Springers gegen den
schlechten Läufer verbürgt hier den Sieg. Ohne Leichtfiguren wäre die Partie
für Weiß nicht zu gewinnen.
1.g5!, Kg7 2.Kf3, Kf7 3.Kg4, Le7 4.Kf5, Lf8 5.Sf6, h6 6.gxh6 (Auch
6.g6 gewinnt. Z.B. Ke7 7.Se4, Lg7 8.Sg3!, Lf8 9.Ke4, Kf6 10.Sf5 +-) 6..., Lxh6 7.Se4, Lf8 8.h6, Lxh6 (8...,
Le7 9.h7, Kg7 10.Ke6, Lf8 11.h8D+, Kxh8 12.Kf7, Lh6 13.Sxd6 +-) 9.Sxd6+, Ke7 10.Se4, Le3 11.d6+, Kd7
12.Kxe5 1:0
Zusammenfassend
kann man sagen, dass auch ein guter Springer gegenüber einem schlechten Läufer
im Mittelspiel, wie auch im Endspiel spielentscheidend sein kann. Deshalb ist
bei Abtäuschen von Leichtfiguren immer darauf zu achten, welche Leichtfiguren
auf dem Brett verbleiben.
Ein guter Springer
ist ein Springer der auf einem zentralen Feld unangreifbar gedeckt postiert
ist.