
Klaus Jörg Lais
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2008 - Start ins Rekordjahr
Am Ende waren es 309 Schachfreunde, die in die erste Runde
des ZMD-Opens 2008 des Schachfestivalvereins starteten, doch bis dahin war es
ein ungewohnt langer Weg. Standen noch 320 Schachfreunde in der
Voranmeldeliste, so tauchten doch zum Meldeschluss zunächst "nur" 290
Punktesammler auf und so kurz vor der Auslosung waren noch ausreichend Plätze
frei für Nachrücker. Und sie rückten nach. Allerdings nicht so, wie es sich das
auslosende Schiedsrichterteam wünschte. In zähem 5-Minuten-Takt kamen kleine
verspätete Gruppen an, bis schließlich die "magische" 300
überschritten war und es war schon nach Vier, als die Marke bei 309 stehen
blieb. Das freute ja alle, nur nicht die wartenden 290 Schachfreunde und die
entnervten Ausloser, die sich an den Zeitplan hielten und so geschah erstmals,
was sicher auch letztmals passierte: Das Turnier startete mit unangenehmer
Verspätung, aber schon am gleichen Abend wurden wirksame Pläne zur Vermeidung
einer Wiederholungstat 2009 geschmiedet. Letztendlich entschädigt uns die sehr
ordentliche Teilnehmerzahl mit über 300 Schachfreunden und bei der großen
Anzahl an Titelträgern ist es umso spannender, wie sich das Feld im
"Swiss-K.O." verhält- denn von den 309 Spielern gewinnt nur einer -
nämlich der, der sich in allen neun Runden durchsetzt. 54 Schachfreunde finden
sich schon heute am Sonntag im Schweizer System wieder und machen sich auf die
Jagd nach Plätzen und Punkten ab Rang Zwei, 54 kommen als "Lucky
Loser" noch ins K.O-System weiter. Der Turniermodus gewinnt offensichtlich
weiter an Beliebtheit.
Das Phantom des Opens
Eine Riesenüberraschung, die keine sein sollte - sozusagen
das "Phantom des Opens", lieferte der Setzlistenerste Murtas
Kazhgaleyev aus Kasachstan. Nämlich einfach dadurch, nicht anwesend zu sein.
Als einer der Favoriten des Turniers stand er auf allen Listen. Sowohl bei der
Voranmeldung, als auch in der Reservierung des Hotels, als registrierter Gast
und schließlich auf der persönlichen Meldeliste. Bis zuletzt blieb unklar, wie
er es als Phantom bis an Brett Eins geschafft hat, Tatsache ist: Er ist nicht
hier. Es gibt sicher Schlimmeres als kampflos zu gewinnen oder zu verlieren.
Zum Beispiel schon in der ersten Runde als Favorit nur Remis zu spielen, aber
es kommt gerade bei großen Open immer wieder vor. Einer der gewonnen hat, ist
Gerald Hertneck (Bild). Der Münchner spielt seit vier Jahren wieder ein Open
mit, wie er selbst berichtete. Andere traf es härter. Den Polen Tomasz
Markowski - gesetzt an 6 - beispielsweise, der gegen Heiko Franke vom Tus
Coswig nur ein Remis erreichte. Die 700 Punkte ELO-Unterschied machten sich
nicht bemerkbar. Ganz im Gegenteil. In einer ohnehin schlechten Stellung fand
der Pole einen fragwürdigen Zug nach dem nächsten, bis die Spieler sich in dem
Moment auf ein Remis einigten, in dem Franke laut Rechner eine Stellung mit
"Matt in 10" erreicht hatte. Weniger überraschend war dann, dass der
Großmeister sich im Tiebreak durchsetzte.
Munter Favoriten schrecken
Die nächste Überraschung war dann das Remis zwischen Jesper
Morch Lauridsen (2262) gegen Alexander Donchenko (1832). Auch der
Öffentlichkeitarbeitsreferent der Deutschen Schachjugend, Falco Nogatz,
erreichte ein überraschendes Remis gegen winen viel stärkeren Gegner. Weitere
folgten. Olena Kosovska, Setzranglistenplatz 251, schaffte gar einen Weißsieg,
ebensoo wie Jascha Fiebich (275) und Merlin Jannes Thamm (285).
SWISS-K.O. auch im Schnellschach
Der vierte olympische Schnellschach-Grand-Prix endete mit
einem Sieg des für Cottbus spielberechtigten Karsten Schulz. Das änderte aber
nichts mehr an der Gesamtwertung, in der Cliff Wichmann nahezu uneinholbar
führte. Zu gewinnen gab es reihenweise Eintrittskarten, Preisgeld und
Hotelgutscheine. Einige Tickets für die Schacholympiade wurden aus dem
Siegerpokal des Gewinners ausgelost und so freute sich doch eine ganze Reihe an
Teilnehmern, im November hautnah dabei zu sein. Auch der olympische
Schnellschach-Grand-Prix wird konsequenterweise im Swiss-K.O-Modus gespielt,
ebenso wie das Open. Noch immer gibt es Nachfragen, wieso die ein oder andere
Paarung möglich ist: Durch den K.O.-Modus muss zunächst eine Anzahl in
Zweierpotenz gefunden werden, um die restlichen Spieltage zu bestehen - hier
also 256. Das bedeutet, etwas mehr als 100 Spieler erhielten eine
"Wildcard" für den K.O.-Modus, obwohl sie in Runde 1 verloren. Da es
aber für den K.O.-Modus unerheblich ist, wie man in Runde Zwei kam (zum
Beispiel auch durch Tiebreak nach Remis) haben alle heute einen Punkt, bis auf
die an 310 Teilnehmern aufgerechnete Spieleranzahl, die gestern verlor und
keine Wildcard erhielt. Von nun an halbiert sich die Führungsgruppe gnadenlos,
bis zum Schluss das Finale steht.
Filiz, das Glück
und ein Wink des Schicksals
Nein, Glück war es nicht das der Glücklichen heute den vollen Punkt gegen den
Aserbeidschaner GM Farhad Tahirov einbrachte, sondern konzentriertes Spiel von
Anfang an und eine glänzende Leistung in einem vorteilhaften, aber nicht
einfachen Endspiel. Mehr als 40 Kiebitze standen über eine Distanz von mehr als
ein bis zwei Stunden rund um das Brett der Zwölfjährigen, als sich die
Sensation abzeichnete. An den Gesichtern der Kiebitze war abzulesen, dass
Uneinigkeit über den Gewinnweg der späteren Siegerin herrschte und doch war man
wie gefesselt, als Filiz überraschend stark kalkulierte Züge Richtung Ziel
fand. Die meisten der Kiebitze dürften andere Pläne entworfen haben, wie den
bewundernden Reaktionen zu entnehmen war. Von all dem ließ sich die Spielerin
des USV TU Dresden nicht eine Sekunde beeindrucken. Nicht von der Zeit, die
insgesamt drei Mal gegen Null tickte, einmal sogar mit nur einer Restsekunde
bis ihr der Uhrendruck wieder 30 Sekunden mehr aufspielte. Nicht vom
Remisangebot des Großmeisters, als der bei weitem noch nicht so hoffnungslos
wie zum Ende stand. Auch die zweimaligen Mattdrohungen, die Tahirov in schwieriger
Stellung aufbaute, entgingen ihr trotz beidseitiger Zeitnot nicht. Die Krönung
war jedoch die fantastische Königswanderung von e6 bis tief ins weiße Lager
nach f2, von dort aus wieder zurück nach g6, um dann den gewinnbringenden
Anlauf bis nach e2 zu nehmen.
Mit dem Sieg gegen den Schachgroßmeister Farhad Tahirov aus Aserbeidschan
erspielte sie sich ihren aller ersten Sieg gegen einen internationalen
Titelträger. Es wird nicht ihr letzter Sieg gegen einen Meister gewesen sein,
aber es ist trotzdem für alle hier - insbesondere für ihren anwesenden Trainer
Davit Lobzhanidze ein großer Moment; vor den Augen ihres übeglücklichen Vaters.
Die Schülerin des Sportgymnasiums Dresden gewann nach einer nimzoindischen
Eröffnung im Mittelspiel geschickt einen Bauern und später eine Qualität.
Gerade erst vor drei Tagen wurde Filiz dafür geehrt, doppelte deutsche
Meisterin zu sein, denn sie errang 2008 zum zweiten Mal gleichzeitig den Titel
der Mädchen und Jungen. Damit ist die Nachwuchshoffnung zur Zeit erfolgreicher,
als es die deutsche Nummer Eins der Frauen, Elisabeth Pähtz im gleichen Alter
war. Ironie des Schicksals?! Elisabeth Pähtz ist die Freundin Farhad Tahirovs.
Weitere Informationen unter http://www.schachfestival.de/