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Quo vadis Wassyl?
 
    Ein Großer im Schatten der Großen? So oder so ähnlich muss sich Wassyl Iwantschuk vorkommen, wenn er einen Blick auf die aktuelle FIDE-ELO-Rangliste wirft: Platz 30! Dabei wirkte der mittlerweile 40-jährige (18. März 1969) in den vergangenen beiden Jahren wie ein doppelter Frühling. Er eilte (insbesondere 2007 und in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres) von Sieg zu Sieg bei den Turnieren und rückte in der Weltrangliste bis auf Platz zwei vor und hielt sich zumeist in den Top Fünf auf. Der Absturz (im April-Ranking lag bereits auf Platz 12, gefallen von zuletzt Platz 3) auf Platz 30 kommt wie einem überraschenden Erdrutsch gleich, da er seit Januar 2000 niemals schlechter als Platz Fünfzehn war und sich die meiste Zeit in der Top Ten der Weltrangliste befand. Kratzte er in den vergangenen 18 Monaten immer wieder an der 2800-er-Marke ohne sie zu überschreiten, muss er derzeit bangen, nicht unter 2700 ELO zu rutschen.

    Quelle: fide.com

    Der „Lauf“ des ukrainischen Großmeisters scheint indirekt im Zusammenhang mit der verpassten Weltmeisterschaftsteilnahme in Mexiko-City 2007 zusammenzuwirken. Er hatte in dem kompletten Zyklus keine Chance erhalten! Sein Fehlen war damit schon vor Start der Weltmeisterschaft ein Wermutstropfen und hatte Spielraum für Spekulationen offen gelassen, aber auch gezeigt, dass permanenter Wechsel der Weltmeisterschaftsbedingungen keine ausgeglichenen Qualifikationskriterien entstehen konnten.

    Iwantschuk reagierte darauf kämpferisch: „Ich habe aber keineswegs aufgegeben, um den WM-Titel zu kämpfen! Ich sehe mich bei der Verfolgung dieses Ziels noch nicht auf aussichtslosen Pfaden. Selbstverständlich weiß ich, dass das nicht leicht ist - aber ich gebe alles.

    … und er beließ es nicht nur bei leeren Worten! Er erlebte einen Höhenflug und spielte für seine Verhältnisse überraschenderweise konstant und eilte von Turnier zu Turnier. „Chucky“, der Europameister von 2004, schien seinen Fans und Kritikern zeigen zu wollen, dass er genauso gut bei den „großen Acht“ in Mexiko-City gehörte, indem er für die ELO-Rangliste Punkt um Punkt sammelte und die damals in Führung liegenden Kramnik, Anand und Topalow gar zu überholen drohte. Am ‚einfachsten‘ geschah dies durch Turniersiege und die damit verbundenen Gewinnpartien:

    Glanzvoll gerieten seine Auftritte vor allem auf Kuba, in denen er mit einer Ausbeute von 7,5:1,5 im neunrundigen „Carlos-Torre-Memorial“ das restliche Teilnehmerfeld regelrecht deklassierte und damit die dortige Fangemeinde begeisterte. In Europa setzte er seinen Triumph beim „Aerosvit-Turnier“ auf der Halbinsel Krim, genauergesagt in Foros, dem Ort, an dem zu Michail Gorbatschow in seiner Sommerresidenz während des Putsches 1991 unter Hausarrest gesetzt wurde. Kampfbetont der Verlauf (23 von 66 Begegnungen wurden entschieden) und am Ende Wassyl auf dem Siegertreppchen bei einem der stärksten Turniere (Ratingschnitt 2694) der traditionsreichen ukrainischen Schachgeschichte. Mit starkem Endspurt und 7,5 aus 11 besaß er einen halben Punkt Vorsprung vor Karjakin und einen Punkt vor Onischuk, Swidler, van Wely und Schirow.

    Von seinem Turniersieg in Foros eilte er nach Odessa weiter, welches praktisch auf seiner Reiseroute lag, da auch diese Stadt am Schwarzen Meer liegt und auch dort bestätigte er seine überragende Form und triumphierte beim „Pivdenny Bank Cup“, bei dem traditionell Schnellschach gespielt wird, erneut. Mit 1,5 Punkten (!) Vorsprung verwies er Grischuk, Radjabow, Schirow und Gelfand auf die Plätze. Beim folgenden „8. Internationalen Großmeister-Turnier“ in Montreal zeigte er mit 7 aus 9 keinen fehlenden Biss und verwies Tiwiakow mit einem Punkt Vorsprung auf den zweiten Platz.

    Die magische Schallmauer von 2800 zu durchbrechen war dabei aber nicht sein großes Ziel (zum Zeitpunkt der ‚Qualifikation‘ für die Weltmeisterschaft um in Mexiko-City befand sich Iwantschuk außerhalb der Top 5 der ELO-Rangliste): „Nein, an derlei Blödsinn verschwende ich keinen Gedanken. Meine Ziele bestehen darin, meine Gegner zu schlagen - und wenn es die Turniersituation erlaubt, kann ich auch mal mit einem Unentschieden gut leben. Meine Gedanken kreisen um das Spiel selbst, die Strukturen, die Eröffnungen. Ich studiere meine Partien und die meiner Gegner, rechnen sollen andere.

    Beim Weltcup in Chanty-Mansijsk Ende 2007 schied er gegen den Rumänen Nisipenau aus und musste eine weitere Chance auf einen Kampf um die Weltmeisterkrone verstreichen lassen. Hingegen konnte er kurz zuvor mit der in Moskau ausgetragenen Blitz-Weltmeisterschaft der FIDE (es war nach 1988 erst der zweite Wettkampf der FIDE) den Titel des Champions einheimsen und Caissa lächelte ihm in der finalen Partie gegen Anand zu. Mit 25,5 aus 38 konnte er den Ehrenkranz des sich Blitz-Weltmeister umhängen und Anand und den (inoffiziellen) Titelverteidiger Grischuk auf die Plätze verweisen.

    Der „Weltmeister der Herzen“, wie ihn die englische Presse betitelte, hat nach über 25 Jahren Profi-Karriere noch immer nicht genug vom Schach: „Verstehen Sie, für mich ist das alles furchtbar interessant! Ich habe mir bis heute diese kindliche Wahrnehmung des Schachs bewahrt! Ich denke da weniger an Schach als einträglichen Beruf, ich habe einfach Lust, mich mit Schach zu beschäftigen!

    Kein halbes Jahr später im Frühling 2008 dominierte er das „M-Tel-Masters“ in Sofia (dieses Turnier wurde in einem Glaskasten ausgetragen, und die Spieler müssen sich wie ihm Aquarium vorgekommen sein), wo er phänomenal alle (!) Partien (5/5) der Hinrunde gewann und am Ende mit 8 Punkten aus 10 Partien vor Wesselin Topalow (6,5 aus 10) und beeindruckte die Fachpresse mit diesem Resultat im Kategorie-20-Turnier. Zugleich sicherte er sich mit diesem Turniersieg die Teilnahme am Grand Slam Finale.

    Beim „Sparkassen-Chess-Meeting“ in Dortmund musste er Peter Leko mit einem halben Punkt Vorsprung den Vortritt lassen. Anschließend bewies der aufs königliche Spiel versessene Großmeister seine Klasse beim „Tal-Memorial“ in Moskau: mit 6 aus 10 erkämpfte er einen Punkt Vorsprung auf Morosewitsch, den er im direkten Duell besiegen konnte. Das anschließende Blitzturnier, dass mit einem Preisfonds von 100.000 Dollar das bestdotierte seiner Art war, konnte er mit 23,5 aus 25 vor Kramnik, Carlsen und Swidler dominieren.

    Der Vize-Weltmeister von 2001/2002er unterlag damals überraschend seinem Landsmann Ruslan Ponomarjow im Finale – findet es müßig über vergangene Chancen nachzutrauern („Wenn ich Schach spiele, mache ich auch keinen großen Unterschied, ob es ein WM-Match oder ein Turnier ist. Ich gebe in jeder Partie mein Bestes.“) und konnte in Bilbao wieder um eine Chance nach der Krone im Normalschach zu greifen kämpfen!

    Im Herbst folgte das „Grand Slam“ Finale 2008 in Bilbao, das mit 400.000 Euro bis dato höchstdotierte und mit einem ELO-Schnitt von 2769 formal stärkste Turnier aller Zeiten! Hier gesellten sich mit Anand (Morelia/Linares), Aronjan (Wijk aan Zee) und Iwantschuk (Sofia) die Sieger der drei großen Grand-Slam-Chess-Association-Turniere, nebst Carlsen, Topalow und Radjabow. Der Sieger dieses Turnieres sollte im darauffolgenden Dezember auf Gata Kamsky, der den Weltcup gewann, treffen, um den Herausforderer für Anand zum nächsten Weltmeisterschaftsduell zu ermitteln. Um das Turnier bekannt zu machen und die Wünsche der Sponsoren nach Publizität zu erfüllen, gingen die Spanier mit dem Turnier dorthin, wo die Leute anzutreffen sind: auf die Straße! Für Bilbao bedeutete das, den bereits von Sofia bekannten Glaskasten in bester Lage in der Altstadt mitten auf dem Plaza Nueva zu errichten.

    In der neunten Runde traf er mit den weißen Farben auf Aronjan und konnte aus der Eröffnung nichts herausholen. Im entstehenden Turmendspiel mit Springer gegen Läufer schien Iwantschuk bereits wie der Sieger, bevor er in einer (unnötigerweise) dramatischen Zeitnotschlacht die Partie zum Remis verdarb. Für die Turniersituation bedeutete dies vor der letzten Runde, dass noch vier Spieler um den ersten Platz kämpften: Topalow, Aronjan, Carlsen und Iwantschuk. Dabei traf Topalow auf Iwantschuk und der Bulgare musste seine Partie gewinnen, wenn er sich nicht auf Schützenhilfe verlassen wollte. „Es handele sich um den besten Iwantschuk, den er je gesehen habe und Wassyl sei für ihn ein Genie“, wusste Topalow nach seinem Sieg und das Ende seiner kleiner Krise zwar zu loben, aber für Wassyl blieb nur dieser Trost, da eben Topalow im ukrainischen Lwowvor Iwantschuks Haustür sozusagen – das Duell gegen Kamsky antreten durften und später auch gewann.

    Am 10. September 2008 – während des Turniers in Bilbao - führte er die virtuelle Weltrangliste kurzzeitig an, konnte aber zum Quartalszyklus diesen Platz nicht halten, da der Turniersieg von Bilbao Topalow auch die Ranglistenführung einbrachte. Wie der nachfolgenden Grafik zu entnehmen wechselte die Führung fast täglich zwischen den Morosewitsch, Carlsen, Iwantschuk oder Topalow, die nach eigenem Bekunden dem aber keine besondere Bedeutung beimaßen. Jedoch schien ihnen just in dem Moment, in dem sie die Spitze erklommen, die Hand zu zittern. „Moro“ verlor (beim Tal-Memorial in Moskau) postwendend zwei Partien in Folge, ebenso erging es Magnus in Bilbao, der mit 4/6 in Führung liegend in den Runden 7 und 8 gegen Iwantschuk und Topalow verlor.


    Quelle: chess.liverating.org

    International mediales Aufsehen erregte seine „Flucht“ vor den Doping-Kontrolleuren während der Schach-Olympiade 2008 im Herbst in Dresden. Beim Anhörungsausschuss der FIDE im Januar 2009 wurde der Fall abgeschlossen und Iwantschuk – zur Freude der Fans und wohl auch im Sinne des Schachsports – von einer Sperre freigesprochen: wegen eines Verfahrensfehlers, statt dem Schiedsrichter hätte ein offizieller Doping-Kontrolleur an ihn herantreten müssen, um ihn zur Dopingkontrolle zu bitten.

    Zum zweiten Mal trafen sich (nach Oktober 2007) zu Jahresbeginn 2009 Iwantschuk und Leko zu einem Schnellschachwettkampf in Mukatschewo (Ukraine). Die Weltklassespieler spielten sechs Schnellschachpartien und die ukrainische Nr. 1 (und zu dem Zeitpunkt der Weltranglisten-Dritte) setzte sich verdient mit 3,5 zu 2,5 durch. Iwantschuk zeigte sich von Beginn an besser präpariert und auf der Höhe des Geschehens und wiederholte seinen Erfolg von 2007.

    Im März dieses Jahres teilte er sich ungeschlagen den ersten Platz des Grand-Slam-Turnieres in Linares mit Überraschungssieger Grischuk, der wegen der höheren Anzahl an Siegen zum Gewinner erklärt wurde, nachdem im direkten Vergleich zwei Remisen zu Buche standen.

    Danach begann ein unerklärlicher Einbruch! Beim FIDE-Grand-Prix in Naltschik (Aronjan gewann) teilte er sich mit Kasimdschanow und Eljanow den letzten Platz und konnte nur einen Sieg verbuchen. Die phantastische Partie in der zweiten Runde gegen Peter Swidler, in der in hoffnungsloser Position die Zeit überschritt, warf ihn aus dem psychologischen Gleichgewicht, wie der spätere Turnierverlauf zeigte. Iwantschuk ist ein Liebling der Fans und zeigte nach Turnieren oder bei Simultankämpfen zumeist „Nähe zum Volk“, doch mit dem Preis der Sympathie dürfte der kaum sein Herz erwärmt haben können.

    „Irgendeinem Regime muss man sich unterordnen. Ein Problem sind die Emotionen … Ich bewundere Menschen, darunter Konkurrenten, die in der Lage sind, ihre Emotionen zu verbergen. Das ist natürlich ein Vorteil. Aber andererseits bin ich auch nicht sicher, ob es so gut ist, alles in sich hineinzufressen. Wenn ich emotional stark berührt bin, will ich es immer herauslassen. Nach Möglichkeit natürlich ohne Schaden für meine Umgebung. Aber das Raus lassen muss sein! Ich haue entweder auf den Tisch oder schreie. Ich fühle mich dann besser, das Negative fällt von mir ab.“

    Beim diesjährigen „M-Tel-Masters“ von Sofia musste der Vorjahressieger Alexei Schirow den Vortritt lassen, der damit im Reigen der Großen den Fokus wieder auf sich lenkte. Iwantschuk, der im Vorjahr noch mit 100% in der Hinrunde agierte verlor gleich die Auftaktpartie gegen die späteren Gewinner Schirow: in nur 24 Zügen!

    Ivanchuk,Vassily (2746) - Shirov,Alexei (2745) [B52]
    Sofia MTel Masters 5th Sofia (1), 13.05.2009

    1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.Lb5+ Ld7 4.Lxd7+ Dxd7 5.c4 Sf6 6.Sc3 g6 7.d4 cxd4 8.Sxd4 Lg7 9.f3 0-0 10.Le3 Sc6 11.0-0 Tac8 12.b3 e6 13.Tc1 Tfd8 14.Dd2 d5 15.exd5 exd5 16.c5 Sxd4 17.Lxd4 Se4

    18.De3 Sxc5 19.Tcd1 Lxd4 20.Txd4 Dc6 21.Se2 Se6 22.Td2 d4 23.Sxd4

    Db6 24.Tfd1 Td5 0-1

    Danach wendete sich das Blatt vom schlechten zum übelsten. In der nächsten Runde verlor er gegen Wang Yue ein leicht vorteilhaftes Endspiel mit zwei Läufern, welches er in ein verlorenes Bauernendspiel abwickelte. In der Live-ELO-Ratingliste (in der die Ratings der Topsspieler täglich berechnet werden) verschwand er in den nächsten Tagen aus der Top-Liste. Seine Remis in der vierten Runde gegen Dominguez zeigte eine unterhaltsame Eröffnung und eine ausgeklügelte Mittelspielstrategie und hätte er an verschiedenen Stellen den Gewinn nicht ausgelassen, wäre eine Perle des Turniers entstanden. Die nachfolgende Runde sah ein „brutales“ und kompliziertes Spiel gegen Topalow mit Fehlern auf beiden Seiten. Auf der einen Seite verdienten beide den Sieg und wäre die Partie auf „natürlichem Wege“ in einem Remis-Turmendspiel gelandet, wäre sie als großartiger Kampf mit ‚gerechtem‘ Ausgang klassifiziert worden. Stattdessen blieb der bittere Geschmack der Niederlage, als Iwantschuk das lange mögliche Remis verpatzte:

    Ivanchuk,Vassily (2746) - Topalov,Veselin (2812) [B99]
    Sofia MTel Masters 5th Sofia (5), 17.05.2009

    1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 6.Lg5 e6 7.f4 Le7 8.Df3 Dc7 9.0-0-0 Sbd7 10.Ld3 h6 11.Dh3 Sc5 12.The1 Tg8 13.Lh4 g5 14.e5 dxe5 15.fxg5 hxg5 16.Lg3 Scd7

    17.Sxe6 Db6 18.Lc4 g4 19.Dh6 fxe6 20.Lh4 Lf8 21.Dd2 Dc6 22.Ld3 b5

    23.Se4 Sd5 24.Tf1 Lb7 25.Txf8+ Sxf8 26.Dh6 Tg6 27.Sf6+ Txf6 28.Lxf6 Sxf6 29.Lg6+ Sxg6 30.Dxg6+ Ke7 31.Dg7+ Ke8 32.Dxf6 Tc8 33.c3 b4 34.Dg6+ Ke7 35.Dg7+ Ke8 36.Tf1 Dc5 37.Dxb7 De3+ 38.Kc2 De2+ 39.Kb3 Dc4+ 40.Kc2 b3+

    41.Kd2 Td8+ 42.Ke1 Td1+ 43.Kxd1 Dxf1+ 44.Kd2 Df4+ 45.Kd1 bxa2 46.Dc8+ Kf7 47.Dd7+ Kf6 48.Dd8+ Kf5 49.Df8+ Ke4 50.Da8+ Kd3 51.Dxa6+ Dc4 52.Da7 g3 53.h3 Db3+ 54.Ke1 Kc2 0-1

    Nach der neunten Runde (-5 im Gepäck) rutschte er gar unter 2700, um am nächsten Tag in der letzten Runde seinen ersten Sieg im Turnier zu erreichen und die 2700-er-Marke mit 2702.9 zu reparieren. Dennoch ein trauriger Anblick auf die Rangliste! Zur gleichen Zeit schrieb kein geringerer als Garri Kasparow in seiner New-In-Chess-Kolumne lobend über Wassyl, bemerkte aber auch: „Aber unglücklicherweise für Iwantschuk und die Schachwelt reisen seine Engel Arm in Arm mit den Dämonen. Tragisches Zeitmanagement, unerklärliche Patzer und Du weißt nie was zu erwarten hast.“ Der charismatische Ex-Weltmeister schrieb seine Gedanken als er den Film „Righteous Kill“ mit Al Pacino gesehen hatte, der einen kompromisslosen Polizisten spielte. Im Eröffnungsteil erinnerte sich Al an Bobby Fischer mit den Worten: „Er wurde Weltmeister, richtig?! Aber dann wurde er verrückt!“. Kasparow schlussfolgerte: „Die großartigen Partien von Wassyl lassen selten Freude und Inspiration vermissen, aber gelegentlich zeigt er Verrücktheit.

    Wenige Tage später war der unermüdliche Ukrainer wieder an den Brettern zu finden, dies mal gegen den besten tschechischen Schachspieler David Navara und er setzte sich – als wären die Strapazen und Belastungen von Sofia nicht gewesen - Ende Mai deutlich mit 5,5:2,5 in einem Schnellschachmatch durch.

    Doch damit in Sachen Spieleifer nicht genug! Das traditionelle Schnellturnier von León ist fester Bestandteil im Terminkalender vieler Spieler und Iwantschuk, der sich damals nach seinem Einbruch in der zweiten Hälfte des Turnieres von Morelia/Linares 2007 über mangelnde Einladungen beschwerte, konnte zuletzt nicht klagen. Er reiste sogar als Titelverteidiger an, da er im Vorjahr Anand im Finale bezwang und schien diesen Triumph wiederholen zu wollen, als er im Halbfinale keinen geringeren als Morosewitsch ausschaltete. In der Finalpartie traf er auf einen Magnus Carlsen, der insgesamt weniger Fehler machte und sich im Blitzentscheid durchsetzen konnte.

    Beim vor wenigen Wochen ausgetragenen doppelrundigen „3. Kings Tournament“ in Bazna (Rumänien) zeigte „Chucky“, das noch mit ihm zu rechnen ist und er sich keineswegs einem freien Fall hingibt, denn mit einem Punkt Vorsprung auf Gelfand, Radjabow, Schirow, Nisipeanu und Kamsky konnte er diesen Wettbewerb gewinnen! Der Beginn eines neuen Höhenflugs?

    Auf die Frage nach seinem damaligen Höhenflug antwortete er „Ich kämpfe jetzt mehr. Es sieht so aus, als ob ich meinen Kampfgeist ein bisschen steigern konnte. Außerdem änderte ich ein wenig meine Lebensansichten. Ansonsten fallen mir keine großen Erklärungen ein, außer dass ich manchmal auch enorm viel Glück hatte. In den meisten Turnieren entscheidet heutzutage ein halber Punkt mehr oder weniger über Erfolg und Misserfolg. Es kann sich auch rasch wieder ändern, dass Fortuna mir zublinzelt.

    Dieser Tage spielt er beim Traditionsturnier in Biel und liegt nach 4 Runden gemeinsam mit Morosewitsch und 2.5 Punkten an der Tabellenspitze.

    Ob allein der Kampfgeist für stabile Resultate ausreichend ist? Wie ein Perpetuum mobile reist er von Turnier zu Turnier oder Einladung zu Einladung, scheinbar ohne Phasen der Regeneration zu benötigen. Die Schachwelt und –Fans werden die zweite Jahreshälfte abwarten und beobachten, ob Caissa ihm wieder zublinzelt …
 
Autor: Frank Große
 
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