Die Nische der schachhistorischen Publikationen hat sich in den vergangenen 1-2 Jahren minimal mehr Raum verschafft. So sind in der jungen Vergangenheit neben (auto)biographischen Werken (z.B.
Speelman,
Kortschnoi,
Steinitz auch Veröffentlichungen zu bedeutenden Themen des vergangenen Schachjahrhunderts (z.B.
Curacao) publiziert worden. Diese erschienen aber zuerst (oder zum Teil allein) in der englischen Sprache.
Die (ruhm)reiche deutsche Schachgeschichte liegt zwar etwas weiter zurück, hat aber einiges zu bieten. Zu großen internationalen Turnieren Paris
1867 und Wien
1873 gibt es bereits qualifizierte Turnierbücher. Baden-Baden
1870 wurde bis auf die
1999 erschienene Broschüre von
Anthony J. Gillam bislang ignoriert. So hat sich das
Stefan Haas als Autor des vorliegenden Buches wohl ebenfalls gedacht und den ersten großen Kongress auf deutschem Boden sowohl historisch, als auch schachlich unter die Lupe genommen. Herausgekommen ist ein
182-seitiges Buch aus der Zeit vor dem Telefon, welches nahezu keine Frage unbeantwortet läßt, beispielsweise zur Entstehung, über Ablauf, bis zum Turnierausgang (und deren Partien), u.v.m. Teilnehmer waren (in der Reihenfolge der späteren Platzierungen)
Anderssen,
Steinitz,
Blackburne,
Neumann,
Paulsen,
de Vere,
Winawer,
Minckwitz,
Rosenthal und
Stern. Das gelungene Cover zeigt eine Europa-Karte mit den zum Turnierzeitpunkt aktuellen Wohnort der Teilnehmer an. Einzig bei
Joseph Henry Blackburne wurde der Geburtsort (Manchester) in die Karte gezeichnet.
Der Zeitraum des Turniers fällt in die so genannte Epoche der Reichseinigungskriege, aus welcher zwischen
1864 und
1871 das Zusammenwachsen Deutschlands resultierte. Ausgehend von der Entwicklung der "großen" Turniere in der
"romantischen Schachepoche" wird dem Leser die jahrelange Recherche-Arbeit sauber aufbereitet präsentiert: die Entstehung des Turniers in Zusammenhang mit den zeitgeschichtlichen Hintergründen (so z.B. Verdienste und Verhältnisse im Jahre
1870 oder das Verhältnis der Preisgelder damaliger Schachturniere). Kongressprogramm und Turnierregeln geben einen authentischen Einblick, welcher durch Kurzbiographien der Teilnehmer (bis zum Zeitpunkt des Turnierstarts) geschmückt wird. Die zeitgleiche Entwicklung der geschichtlichen Spannungen und viele Original-Kommentare aus der Deutschen Schachzeitung und den Westminster Papers vermitteln eine kleine Zeitreise des
18-tägigen Turniers. Einzig und allein die Gründe, warum Steinitz das Dankschreiben (
S.39) und das Bereitschaftsschreiben zur Wiederkehr im Folgejahr (
S.46) an das Comite nicht vorgelegt bekommen hat, bleiben ungeklärt.
Der zweite Teil des Buches lenkt das Augenmerk auf den Lokalmatador des Turniers:
Adolf Stern aus Ludwigshafen, welcher nach wenigen Runden als Reservist (in den beginnenden deutsch-französischen Krieg) einberufen wurde und aus dem Turnier ausschied. Seine Turnierleistung von
0/4 wird durch die Veröffentlichung von
25 Partien, u.a. gegen
Minckwitz,
L. Paulsen,
S. Mieses, zurechtgerückt und seine Leistungen bei der Gründung des Südwestdeutschen Schachbundes gebührend gewürdigt.
Der sehr umfangreiche Anhang (
23 Seiten, welcher eigentlich als dritter Teil des Buches empfunden werden kann), beinhaltet neben den biographischen Angaben, Quellen und Abkürzungen ein kleines geschichtliches, wie auch militärisches Lexikon, welches in Zusammenhang mit den Kurzbiographien eventuelle Begriffsunklarheiten verstummen lassen. Eine Übersicht der Kongresse von
1841 - 1880 und deren Sieger, sowie eine Fortschrittstabelle von Baden-Baden
1870, eine historische ELO-Auswertung, sowie diverse Indexe runden das umfangreich zusammengetragene Material gehaltvoll ab.
Ein kleiner Vorgeschmack zum Turnier kann im Artikel von
Johannes Fischer nachgelesen werden. Die Leseprobe im PDF-Format gibt es
hier. Vorwort und Inhaltsverzeichnis sind auf den Seiten des Verlags
Rattmann nachzulesen.
Einen Punkt welche andere wissenschaftliche (?!) Buch-Publikationen seit einiger Zeit anbieten, vermisse ich in der Schachliteratur: Onlinequellen und -updates. Das Prinzip funktioniert normalerweise so, dass man im/mit Buch einen Schlüssel erhält und dieser nach Eingabe auf der entsprechenden Webseite weitere Quellen offenbart. So würde sich bei Turnierbüchern der Download der Partien anbieten, aber auch historische Dokumente als Grafik wären eventuell von Interesse. Eventuell eine Anregung an alle Verlage für zukünftige Veröffentlichungen. Eine für alle zugängliche Errata-Liste wird vom Rattmann-Verlag zu Verlags-Artikeln bereits angeboten!
Errata: Das Geburtsdatum von Wilhelm Steinitz ist sowohl auf Seite 27, als auch auf Seite 167 falsch angegeben. Richtig ist der 17. Mai 1836. Der Zug "1. e4" ist in der Partie Rosenthal - Steinitz (Seite 52) zweimal gedruckt. Die Zeitschrift "Kaissiber", auf welche u.a. auf Seite 15 referenziert wird, erscheint nicht im bibliographischen Nachweis.
Fazit
Der Versuch Geschichte und Schachgeschichte in einer umfassenden Turnierübersicht zusammenfassen lässt das Buch aus diversen Sichten betrachtbar erscheinen. Das Buch kann als Schachbuch basierend auf den Hintergründen der historischen Epoche gelesen werden, wobei die zusammengetragenen historischen Fakten auch für den Historiker i.A. von Interesse sein dürften.
Das biographische Kleinod zum Schachmeister Adolf Stern, sowie die umfangreichen tabellarischen Fakten können als zusätzliches 'Schmankerl' interpretiert werden. Die Schreibweise des Autors ist flüssig und aufgrund des gewählten Aufbaus wird ein Spannungsbogen - welcher Lust zum Weiterlesen vermittelt - erzeugt. Am äußeren Erscheinungsbild, Aufmachung und Inhalt gibt es von meiner Seite keine Kritik.
"Im Jahre 1870 beschränkte der englische Fußballverband die Anzahl der Spieler pro Mannschaft von '15 bis 20' auf elf." - Im Jahre 2006 erschien EIN (gelungenes) Buch zur deutschen Schachgeschichte, hoffen wir auf eine reziproke Entwicklung im Vergleich zum Fußball vor 136 Jahren!