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Rezensionen
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| Anatoli Karpow - Meine besten Partien |
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| | Anatoli Karpow lässt seine Schachkarriere Revue passieren.
Anatoli Karpow
Über Ex-Weltmeister Anatoli Karpow ist bereits unzähliges geschrieben worden, sodass es einerseits schwer fällt die vielfältigen Informationen zu komprimieren und andererseits zum historischen Geschehen wohl schon das Wesentliche gesagt sein dürfte. Ich vollführe einen kleinen Zeitsprung und greife zum "Lexikon für Schachfreunde" von Manfred Fondern aus dem Jahre 1980, blättere zum Buchstaben K und gebe einmal wieder, wie Karpow als damaliger Weltmeister noch vor der "großen K&K-Dynastie" skizziert wurde:
Karpow, Anatoli (*1951 Slatoust, Ural), sowj. WM seit 1975. Jugend-WM 1969, IGM (2725) seit 1970. Im IZT Leningrad 1973 erreichte er gleich den 1.-2. Platz (mit Kortschnoi) und schlug im KT Polugajewski 5,5 : 2,5, Spasski 7 : 4 und schließlich Kortschnoi 12,5 : 11,5 (+3, -2, =19). Durch das Nichtantreten Fischers zum Titelkampf wurde K. kampflos WM. 1978 hatte sich Kortschnoi gegen Petrosjan und Spasski durchgesetzt und wurde Herausforderer von K. In einem nervenaufreibenden Kampf in Baguio City verteidigte K. mit +6, -5, =21 seinen Titel. War K. nicht zuletzt durch seine hervorragenden Turnierergebnisse: 1.-2. Platz Moskau 1972 (mit Stein), 1.-3. Platz San Antonio 1972 (mit Petrosjan und Portisch), 2. Platz Budapest 1973, 1. Platz Madrid 1973, ein würdiger Nachfolger Fischers, so überstrahlten seine späteren Ergebnisse die Erfolge seiner WM-Vorgänger Spasski und Petrosjan um einiges. Er gewann fast alle Turniere, an denen er mitspielte: Portoroz 1975, Mailand 1975, Skopje 1976, Amsterdam 1976, Montilla 1976, Landesmeisterschaft 1976, Bad Lauterberg 1977, Las Palmas 1977 (13,5 aus 15), Tilburg 1977, Bugojno 1978 (mit Spasski), Montreal 1979 (mit Tal), Wadingveen/Holland 1979 (5 aus 6), Tilburg 1979. |  |
Heutzutage findet man Karpow auf diversen Schnellschachturnieren, Show- oder Werbeveranstaltungen rund um die Welt wieder, sodass man festhalten kann, dass seine aktive Karriere als Turnierspieler beendet ist. Genau das ist der richtige Zeitpunkt eine Sammlung seiner "besten Partien" zu veröffentlichen.
Karpows beste Partien Chronologisch sortiert findet der Leser die Abschnitte beginnend mit dem "Weg zur Weltmeisterschaft" (1968-1975) bis zu "neuen Ufern" (2000 - heute), wobei im Jahre 2003 Schluß ist. Dabei darf das Buch nicht als reine Partiensammlung verstanden werden, sondern graue Hinweiskästen schildern die Umstände, in welchem Rahmen die Partie stattgefunden hat. Aber auch in den einleitenden Partiekommentaren lässt sich der 12. Weltmeister ein wenig auf Plaudereien aus dem Nähkästchen ein. Übermäßig historisches Material darf man aber nicht erwarten. Eine Partie, welche für den Stil der Analysen charakteristisch ist, möchte ich hier als Beispiel angeben (mit Diagrammen analog im Buch):
Partie 28 Anatoli Karpow - Garri Kasparow 27. WM-Partie, Moskau 1984/85 Damengambit [D55]
1.Sf3 d5 2.d4 Sf6 3.c4 e6 4.Sc3 Le7 5.Lg5 h6
Jetzt hat Weiß die Wahl zwischen dem sofortigen Schlagen auf f6 (Petrosjan-Variante) und dem Läuferrückzug nach h4 (Tartakower-Makogonow-Bondarewski-Variante), um den Tausch in einem passenden Moment (vorwiegend nach b7-b6) durchzuführen.
6.Lxf6 Lxf6 7.e3 0-0 8.Dc2 c5 9.dxc5
Kasparow und ich entlehnten häufig Eröffnungssyteme voneinander. Das war unausweichlich, weil sich unser Repertoire damals in vielem ähnelte. Zu dieser Stellung kam es auch in der Partie Kasparow - Timman, die einige Monate zuvor beim Match des Jahrhunderts (London 1984) gespielt wurde. Dort führte der Mann aus Baku die weißen Steine, und errang nach 9... Da5 10. cxd5 exd5 11. 0-0-0 Le6 12. Sxd5 Tc8 13. Kb1! einen überzeugenden Sieg. Hier muss er quasi gegen sich selbst kämpfen.

9...dxc4 10.Lxc4 Da5 11.0-0 Lxc3
Im Fall von 11... Dxc5 12. Se4 De7 13. Sxf6+ Dxf6 14. Tfd1 hat Weiß spürbaren Druck.
12.Dxc3 Dxc3 13.bxc3 Sd7 14.c6 bxc6 15.Tab1 Sb6 16.Le2 c5 17.Tfc1!

Das Turmmanöver nach c1 ist der erste aus einer langen Serie feiner Züge. Auch 17. Tfd1 drängte sich auf, aber das hätte nur zum Turmtausch auf der d-Linie geführt. Auf c1 erfüllt der Turm prophylaktische Funktionen: Er schützt den c-Bauern, ohne dem Läufer das Feld d1 wegzunehmen. Endgültig klärt sich die Situation erst nach sechs Zügen, und ich gestehe, es früher gespürt als gesehen zu haben, wie die Figuren aufgestellt werden müssen.
17...Lb7
Nach der Partie rief dieser Zug die einhellige Kritik aller Kommentatoren hervor. Tatsächlich war 17... Ld7 mit der Kontrolle des Punktes b5 sicherer, zum Beispiel 18. Kf1 (eine andere Möglichkeit besteht in der Überführung des Läufers nach a6 und des Springers nach e5) 18... Tfd8 19. Tb3 Tac8 20. Ta3 Tc7 21. c4 La4 22. Tb1 Le8 23. Ta5, und Weiß besitzt nur minimalen Vorteil (Nowikow - Sturua, Lwow 1985). In der Partie war die weiße Überlegenheit kaum zu merken. Hinzu kommt, dass man beim Betrachten dieser fast symmetrischen Stellung nur schwer sofort begreift, warum der Läufer auf d7 besser steht als auf b7.
18.Kf1 Ld5
Dem Turm könnte jetzt das Feld b5 verwehrt werden, aber auf Kosten eines Tempos - 18... Lc6, doch nach 19. Se5 La4 20. Lb5 Lxb5 21. Txb5 Tfc8 22. Sd3 c4 23. Sb2 hätte Schwarz seine Schwierigkeiten überwunden. Unangenehm für ihn wäre auch 20. La6 Tfd8 21. Ke2 mit der Drohung 22. Sd3.
19.Tb5
Der weiße Turm strebt nach der idealen Position und will auf das Feld a5. Mein Bauer a2 ist wegen der Antwort 20. c4 unverwundbar, weil der schwarze Läufer dann gefangen wäre. Der Turm c1 beeinflusst bereits den Lauf der Dinge.
19...Sd7
Das verliert schließlich einen Bauern. Hartnäckiger war 19... Tac8 20. Ta5 Tc7 21. c4 La8.
20.Ta5 Tfb8 21.c4 Lc6 22.Se1!
Es sieht paradox aus, dass Weiß seine Figuren zurückzieht, ehe er zum Angriff übergeht.
22...Tb4 23.Ld1!

Wenn gleich 23. Sd3 geschieht, dann folgt 23... Ta4, und der schwarze Bauer ist gedeckt. Das Springermanöver Se1-d3xc5 ist nicht mehr zu verhindern. Wohl erst jetzt enthüllen sich völlig die Ressourcen von Weiß und die versteckte Energie des stillen Zuges 17. Tfc1.
23...Tb7 24.f3 Td8 25.Sd3 g5 26.Lb3
Letzte Vorbereitungen. Indessen würde das voreilige 26. Sxc5 Sxc5 27. Txc5 Tb2 28. Txc6 Tdd2 alle meine Errungenschaften zunichte machen.
26...Kf8 27.Sxc5 Sxc5 28.Txc5

Weiß steht noch eine große Geduldsarbeit bevor, aber man kann schon leicht diese Zwischenbilanz der Schlacht ziehen: Ein Bauer ist ein Bauer.
28...Td6 29.Ke2 Ke7 30.Td1 Txd1 31.Kxd1 Kd6 32.Ta5 f5 33.Ke2 h5
Kasparow bemüht sich mit allen Kräften, Gegenspiel zu erlangen. Mit seinem letzten Zug schwächt er den Bauern g5, und ich nutze das sofort aus.
34.e4 fxe4 35.fxe4 Lxe4 36.Txg5 Lf5 37.Ke3

Der schwarze h-Bauer bereitet dem Anziehenden in der Folge gewisse Schwierigkeiten, und es hätte sich gelohnt, ihn mit 37. h4 zu stoppen. Möglich wäre zum Beispiel folgende Variante: 37... Tf7 38. Ke3 Lg4 39. c5+ Kc6 40. La4+ Kc7 41. Le8 Th7 42. Lg6 Th6 43. Le4 mit leichtem Gewinn.
37...h4 38.Kd4 e5+ 39.Kc3 Lb1 40.a3 Te7 41.Tg4

Weiß hat seinen letzten Zug abgegeben. In der häuslichen Analyse stellte es sich heraus, dass die Abbruchstellung sehr scharf ist und Schwarz Konterchancen erhalten kann. Um den exakten Gewinnweg zu finden, mussten meine Trainer und ich einige studienartige Aufgaben lösen. Nicht zufällig wurde dieser Partieschluss in die Lehrbücher der Endspieltheorie aufgenommen.
41...h3!
Im Fall der passiven Verteidigung 41... Th7 hätte ich den feindlichen h-Bauern fixiert (wenn auch auf dem Feld h4), wonach es für Schwarz keine Hoffnung mehr geben würde. Auf 41... e4 gewinnt 42. Ld1 Tf7 43. Kd4 Tf2 44. c5+ Ke7 45. Lb3 Td2+ 46. Kc3 Td3+ 47. Kb2 e3 48. La4.
42.g3
Schwarz rechnete mit der Annahme des Bauernopfers 42. gxh3, wonach 42... Th7! den Aktionsradius seines Turms merklich erweitern würde.
42...Te8
Bereitet den Übergang des Turms auf die zweite Reihe vor. Das sofortige 42... Tf7 scheitert an 43. c5+.
43.Tg7 Tf8 44.Txa7 Tf2 45.Kb4 Txh2

Schön gewinnt der Anziehende im Fall von 45... Tb2. Hier sind die Hauptvarianten 46. c5+ Kc6 47. Kc4 Lc2 48. Ta6+ Kc7 (48... Kb7 49. Tb6+ Kc7 50. Kc3) 49. Lxc2 Txc2+ 50. Kd5 Txh2 51. Ta7+ Kb8 (51... Kc8 52. Kh7 Th1 53. Kd6 h2 54. Th8+ Kb7 55. c6+ Kb6 56. c7) 52. Th7 Th1 53. Ke4 h2 54. Kf3 e4+ (54... Ta1 55. Txh2 Txa3+ 56. Kg4 Tc3 57. Te2 Txc5 58. Kf5 usw.) 55. Kg2 Tc1 56. Kxh2 Txc5 57. Tf7 Tc4 58. g4 e3 59. Kg3 mit Gewinn.
46.c5+ Kc6 47.La4+ Kd5 48.Td7+ Ke4

Es rettet auch nicht 48... Ke6 49. c6 Tb2+ 50. Lb3+ Txb3+ 51. Kxb3 Le4 52. Td8 Lxc6 53. Th8 Lg2 54. a4 Kf6 55. Th4.
49.c6 Tb2+ 50.Ka5 Tb8
Wenn 50... h2, so 51. c7!, und nach dem Auftauchen der schwarzen Dame geht diese gleich wieder verloren: 51. h1D 52. Lc6+.
51.c7 Tc8 52.Kb6 Ke3 53.Lc6 h2 54.g4!

Nimmt dem Läufer das Feld f5. Jetzt ist alles zu Ende.54...Th8 55.Td1 La2 56.Te1+ Kf4 57.Te4+ Kg3 58.Txe5 Kxg4 59.Te2
1-0
Die Analysen basieren weder auf ellenlangen verzweigten Variantenbäumen. Wer viele der früheren Werke von Karpow besitzt wird auch viele der damaligen Analysen wiederfinden. Aus seinem Buch "Caro-Kann Verteidigung" (Karpow/Beljawski, 1998) habe ich folgende Partien wiedergefunden: Sokolow - Karpow, Kanditatenfinale (11), Linares 1987; Wahls - Karpow, Baden Baden 1992; de Firmian - Karpow, Biel 1990. Anzumerken bleibt, dass die dortigen Analysen teilweise ausführlicher vorhanden sind. Weitere Analysen sollen aus den Publikationen "Wie spiele ich halboffene Eröffnungen?", "Wie ich kämpfe und siege", sowie "Meine besten Partien" (1997) entnommen sein.
Den Abschluß bilden die Statistiken, welche die wichtigsten Turniererfolge (reicht nur bis 2001), Kanditatenwettkämpfe, und Weltmeisterschaften und die Olympiastatistik beinhalten. Überraschenderweise taucht er in der letzten Statistik nur bis 1988 auf, obwohl er z.B. 1994 das Team "Russland I" unterstützte. Die Statistiken beinhalten keine Turniertabellen. Personen-, Partien- und Eröffnungsverzeichnis helfen beim schnellen Wiederfinden innerhalb des Buches.
FAZIT
Während Kasparow in diesem Jahr mit einer digitalen Revue seiner Schachkarriere 'abgespeist' wurde, hat man Anatoli Karpow die Gelegenheit gegeben sein schachliches Schaffen in Buchform zu präsentieren. Auf knapp 300 Seiten ist dies gelungen, wenngleich viele Partien schon in anderen Publikationen veröffentlicht wurden. Der Einsatz vieler Diagramme ermöglicht dem geübten Leser das Nachspielen ohne Brett. Raymund Stolze hat einen 7-seitige Überblick über Karpows "Weg zum Schacholymp" beigefügt.
(C) 2006, Frank Große redaktion@schachlinks.com
| | | | Autor: Frank Große |
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