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Jörg Seidel - Spielen wir eigentlich Schach oder Krieg?
 
    Ein Schachbuch? Ein Lesebuch? Die Aufarbeitung eines literatischen Lebenswerks? Jörg Seidel und seine Betrachtung zur "Bedeutung des Schachspiels im Werke von Arnold Zweig".


    Autor: Jörg Seidel
    Titel: Spielen wir eigentlich Schach oder Krieg?                   
    ISBN-13: 978-3-937206-05-9
    ISBN-10: 3-937206-05-1
    Charlatan Verlag
    deutsch, Paperback, 130 Seiten



    Als ich das hier vorliegende Buch das erste Mal in den Händen hielt, grübelte ich, woher mir Autor Jörg Seidel und Inhaltsgeber Arnold Zweig bekannt vorkamen. Bei ersterem habe ich mir nach etwas Nachdenken die Metachess-Webseite ins Gedächtnis gerufen, bei letzterem graste ich mein Bücherregal ab, bevor die sinnbildlichen Centstücke gefallen sind: "Erziehung vor Verdun". Den Inhalt dieses Reclam-Heftes habe ich - in meiner Schulzeit unbehandelt - vielfach in den Glasvitrinen gesehen, um selbigen mir später im Eigenstudium zu ergründen. "Erziehung vor Verdun" wird auch heutzutage oft noch in einem Atemzug mit "Im Westen nichts Neues" von Erich-Maria Remarque genannt. Mit seinem populären Namensvetter Stefan Zweig pflegt er aber keine verwandtschaftlichen Verquickungen.

    Zur weiteren Beschreibung des Autors zitiere ich schlicht und einfach den Klappentext: "Jörg Seidel: Jahrgang 1965, Studium Philosophie, Literaturwissenschaft, Psychologie und Geschichte. Veröffentlichungen: Philosophie, Schach, Kinderbücher, Biographik." - wer mehr erfahren möchte, dem empfehle ich neben o.g. Link seine philosophischen Texte. Das hier vorliegende Buch enthält nur begrenzt biographische Informationen zu Arnold Zweig, aber in den Anmerkungen wird ausdrücklich auf Wilhelm von Sternburgs Biographie "Um Deutschland geht es uns" hingewiesen, welcher sich lang und intensiv mit der 'Person Zweig' befasst hat. Im Kurzabriss läßt sich sein Leben in drei große Stationen einteilen:

    1. die Geburt in eine kleinbürgerliche jüdische Familie, das Studium während der jungen Jahre und die Einberufung in den Militärdienst des ersten Weltkriegs, sowie die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen als freier Schriftsteller in Deutschland;
    2. die Flucht und das Exil in Palästina;
    3. die Rückkehr in die DDR;

    In dieser historischen Reihenfolge erscheinen eine Vielzahl von Novellen, Dramen, Essays und Romanen, welche innerhalb der vorliegenden Publikation auf schachliche Kontexte und deren Bedeutung untersucht wurden. Jörg Seidel gibt damit bei seinen Betrachtungen quasi einen Überblick über das literarische Schaffen Arnold Zweigs, verzichtet aber erfreulicherweise darauf , den Autor sprichwörtlich "über den Klee zu loben", sodass eine kritische Auseinandersetzung entstanden ist.


    Während die Novellen den Einstieg in die Welt des Schriftstellertums bedeuteten, haben die Dramen in der Beziehung zum Schach keine weitere Bedeutung erlangt. Einzig erwähnenswert eventuell die Verleihung des Kleist-Preises für "Ritualmord in Ungarn". Den Großteil seiner Aufsätze widmet der Humanist Zweig dem jüdischen Thema, welches in der späteren DDR praktisch nicht existierte. Für ihn gehört das Schach - und hier im Sinne des Spieles, nicht als Experiment - zum Kulturgut des ostjüdischen Menschen. Den Großteil des literarischen Werkes bilden aber die geschriebenen Romane, welche in drei Gesellschaften/Epochen entstanden sind: Weimarer Republik, Palästina und der DDR. Den Großteil seiner literarischen Aufgabe widmet er dem Krieg im 20. Jahrhundert, um ihn als Gesamtphänomen zu verdeutlichen. Hierbei nutzt er das Schachspiel als Metapher und Gesellschaftskritik, immer wieder assoziierend mit Gesellschaftskritik, "Rangordnungen" und dem humanitären Schildern der Welt. "In Zweigs Romanen offenbart sich das Schachspiel des Lebens", wie Seidel schreibt und dabei nicht nur die populären Romane "Erziehung vor Verdun" oder "Der Streit um den Sergeanten Grischa" pointiert untersucht. Ein Blick in die Anmerkungen, welche interessante Details zu den Fußnoten offenbaren, sollte nicht unterlassen werden!

    Fazit

    Alle Lesefreunde (und dazu zählen nicht nur Schachspieler, welche Literatur auch außerhalb des Brettrandes als Genuß empfinden!) werden an den vielfältigen Ausarbeitungen von Jörg Seidel ihre Freude haben, denn das Werk Zweigs ist gründlich untersucht worden und unterbreitet - wohl auch jenen, die noch gar nichts von Arnold Zweig gelesen haben - Lust, sich der ein oder anderen Veröffentlichung zu widmen (Zweig schreibt primär aus der auktorialen Erzählsituation). Letztendlich wird klar, dass sich Stefan Zweig mit seiner Schachnovelle zwar den größeren Bekanntheitsgrad erworben hat, die lebenslange Verwendung der Schachmetapher im Werke Arnold Zweigs aber nicht nur einmalig stilistisches Mittel zum Zweck darstellt. Auf die Frage, ob denn nun der schachliche oder der wissenschaftliche Anteil in der Auseinandersetzung mit dem Werke Zweigs überwiegt , gibt es eine Antwort, ganz klar: ein S[ch]achbuch!

    "An der Haltung eines Schwachen gegenüber den Schwächeren erkennt man untrüglich seine geistige Struktur: ob er der Gerechtigkeit selber fähig sei, die er beständig anrufen muß, hier entscheidet er sich." (Arnold Zweig, 1919)

    (C) 2007, Frank Große
    redaktion@schachlinks.com
 
Autor: Frank Große
 
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