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Rezensionen
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| Kasparow - Meine großen Vorkämpfer 6 & Revolution in the 70s - Part One |
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| | Kasparow ist ein Vielschreiber! So erschienen seit Anfang dieses Jahres "Revolutions in the 70s - Part One" im Gambit Verlag und beim Piper Verlag das sehr stark promotete "Strategie und die Kunst zu leben". Des weiteren ist die Übersetzung von "Meine großen Vorkämpfer, Band 6 - Robert James Fischer" realisiert worden und angekündigt ist der Nachfolgeband mit der Aufarbeitung des Lebenswerkes vom ehemaligen Erzfeind Karpow. Die zwei hervorgehobenen Bücher betrachtet in der nachfolgenden Rezension.
Bleiben wir noch kurz bei der Piper-Promotiontour im Frühjahr diesen Jahres, wo ich kurzfristig Gelegenheit hatte, Kasparow in "Echtzeit" zu erleben. Wer besucht eine solche Veranstaltung? Nach meiner Einschätzung zur Hälfte Schachspieler, die sonst nie die Gelegenheit haben werden Kasparow "gegenüber" zu sitzen. Der andere Teil der Besucher dürfte sich aus Schachfreunden zusammensetzen, welche sich noch an die großen K&K-Duelle in den 80er'n aus den Nachrichten erinnern und wissen wollen was eine dieser Koryphäen heute zu sagen hat. Letztere waren dann idealerweise auch die Käuferschicht seines Lebensphilosophie-Buches. Die Veranstaltung in Leipzig währte über 2 Stunden und Kasparow verstand es sich eloquent in Szene zu setzen, während er Publikumskontakt nicht scheut. Auf politisch knifflige Fragen antwortete er eher allgemein, ausweichend und zu wenig konkret. Wenngleich die Tour sicherlich zu großen Teilen vom Piper-Verlag gesponsert wurde, hat er - der sich bietende Chancen abwägt und bei einem möglichen Vorteil zugreifend - diese auch genutzt und innerhalb Europas auf sich aufmerksam gemacht und demzufolge entsprechendes Echo bei seiner Verhaftung erhalten.
 | | Autor: Garry KasparowTitel: Meine großen Vorkämpfer, Band 6 - Robert James FischerISBN: 978-3-283-00475-0 Edition OLMS, 502 Seiten deutsch, gebunden, Hardcover, mit CD-ROM |
Komischerweise muss ich immer wenn ich die Ankündigung eines Bandes von "Meine großen Vorkämpfer" sehe, an die extrem umfangreiche Hübner-Rezension denken, welche damals die Leser der 'Schach' in geteilte Lager spaltete. Eine derartig in Umfang und Inhalt gestaltete Betrachtung des vorliegenden sechsten Bandes kann und will ich nicht abliefern. Wenn man einen derartig dicken Wälzer in der Hand hält, vermutet man nicht nur "Fischer"-lastiges. Und so ist es auch: der Fokus wird wie in den Vorgängerbänden nicht ausschließlich auf Fischer gelegt, sondern auch das Schaffen anderer bedeutender Meister wird gewürdigt: so hier Samuel Reshevsky (94 Seiten), Reuben Fine (20 Seiten), Bent Larsen (62 Seiten) und Miguel Najdorf (39 Seiten). Addiert man dies zusammen, erhalten die soeben aufgezählten Meister ein wenig unter der Hälfte des Gesamtvolumens, was erfreulicherweise ein würdiger Umfang und nicht blosses Beiwerk darstellt.
Robert James Fischer, der elfte Weltmeister der Schachgeschichte und die primär schachlichen Abschnitte seines Lebens sind der Fokus des Hauptteils im Buch. Eingeleitet wird natürlich mit der Familie und dem Hinweis, dass eventuell sein Stammbuch umgeschrieben werden muss, denn die 750-seitige (Bertolt Brecht hatte "nur" eine 309 Seiten!) FBI-Akte gelang erst kürzlich in die Hände der englischen Journalisten David Edmonds und John Eidinow. Der "Krimi" um die politische Vergangenheit der Eltern zwischen den Großmächten der damaligen Weltordnung muss wohl auf eine weitere Publikation warten, da Kasparow schnell zur schachlichen Entwicklung des Jungen 'Bobby' wechselt und innnerhalb weniger Seiten beim europäischen Debüt 1958 landet. Ständig versucht Kasparow hierbei auch das 'Verhältnis' zu den sowjetischen Spielern zu betrachten, ohne die Objektivität zu verlieren. 20 Seiten widmet er dem Vergleich der "Wunderkinder" Fischer und Reshevsky und stellt somit den Bezug zum ersten Teil des Buches her. Über die ergebnistechnisch betrachteten Opferorgien der Kandidatenmatches (6:0 gegen Taimanow und Larsen, 6,5 : 2,5 gegen Petrosjan) gelangt der Autor zum journalistisch hochgepushten Gigantenmatch in Reykjavik 1972 zwischen Boris Spasski und Robert James Fischer. Hier wird der Verlauf des Matches detailliert beschrieben und die wichtigsten Wendungen werden mit Partien belegt. Über das danach erfolgte Abtauchen erfährt man keine Neuigkeiten aus dem Leben Fischers. Um einen Geschmack von Kasparows exzellentem Kommentierstil zu gewinnen, habe ich die "Jahrhundertpartie" gegen Byrne gewählt, welche Fischer selbst viele Jahre als beste seiner Laufbahn bezeichnete:
Byrne, Donald - Fischer, Robert James [D97]
New York Rosenwald New York, 1956, 8. Runde
1. Sf3 Sf6 2. c4 g6 3. Sc3 Lg7 4. d4 0-0
4... d5 5. Db3 Botwinnik-Fischer, Band 3, Partie Nr. 225.
5. Lf4 d5
Grünfeld-Indisch gehörte neben der Königsindischen Verteidigung immer zum Basisrepertoire Fischers.
6. Db3
Mit dem Springer auf f3 ist 6. cxd5 Sxd5 7. Sxd5 Dxd5 8. Lxc7 bereits nicht von Vorteil, da Schwarz nach 8... Sc6 (8... Lf5!? und Tc8) 9. e3 Lf5 und Tac8 ausgezeichnete Kompensation für den Bauern hat. Die Varianten 6. e3 c5!?, 6. Tc1 c5 oder 6... dxc4 bilden einen eigenen großen Abschnitt der Theorie.
6. ... dxc4 7. Dxc4 c6
Etwas schlaff gespielt für so eine Eröffnung. Aktiver ist 7... Sa6 8. e4 c5, zum Beispiel: 9. dxc5 Le6 10. Db5 Ld7 11. Dxb7 Sxc5 12. Db4 Se6 13. Le5 a5 14. Da3 Db6 [Topalow - Kasparow, Sarajevo 1999] oder 9. d5 e6 10. d6 e5! 11. Lxe5 Sb4! 12. Td1 Le6 13. Dxc5 Sc2+ 14. Kd2 Sd7 15. Dc7 Sxe5 16. Dxd8 Taxd8 (Piket - Kasparow, Wijk aan Zee 2000) - in beiden Fällen mit zweischneidigem Spiel.
8. e4 Sbd7 ?!
Das verspricht keinen vollwertigen Ausgleich wie auch 8... Lg4 9. Le2 nebst Td1 nicht (Dydyschko - Dorfman, Minsk 1986). Schwarz kann wohl nur nach dem energischen 8... b5 9. Db3 Da5 (droht b5-b4) 10. Ld3 Le6 11. Dd1 (Miles - Kasparow, [m/2] Basel 1986) 11... c5! oder 8... Da5 (ein Zug Boleslawskis) 9. b4!? Dd8! 10. Tb1 b5 11. Dd3 a5 (Chalifman - Leko, [m/3] Budapest 2000) auf ein angemessenes Gegenspiel rechnen.
9. Td1 Sb6 10. Dc5 Lg4 11. Lg5?
Ein verhängnisvoller Missgriff. Weiß sollte sich mit 11. Le2 um die Evakuierung des Königs aus dem Zentrum kümmern, zum Beispiel: 11... Sfd7 12. Da3 Lxf3 13. Lxf3 (13. gxf3!? Soltis) 13... e5 14. dxe5 De8 15. Le2 Sxe5 16. 0-0 mit geringem weißen Übergewicht (Flear - Morris, Dublin 1991). Donald Byrne war ein ziemlich starker Meister, aber hier spürte er nicht, wie gefährdet seine Stellung war.
 11. ... Sa4!!
Ein mächtiger Schlag, der den Gegner sofort in eine kritische Lage bringt. "Der junge Fischer spürt die Defekte in der weißen Aufstellung auf", so Juri Awerbach - nämlich die Verwundbarkeit des Königs, des Bauern e4 und des Läufers g5.
12. Da3
Auf 12. Sxa4 wäre 12... Sxe4! gefolgt, und sowohl 13. Dc1 Da5+ (Awerbach) 14. Sc3 Lxf3 15. gxf3 Sxg5 als auch 13. Dxe7 Da5+ 14. b4 Dxa4 15. Dxe4 Tfe8 16. Le7 Lxf3 17. gxf3 Lf8 (Schipow) oder 13. Db4 Sxg5 14. Sxg5 Lxd1 15. Kxd1 Lxd4 -+ wären schlecht. Nicht besser ist 12. Db4 Sxc3 13. bxc3 Sxe4 14. Lxe7 De8 (stark ist auch 14... a5!? 15. Da3 Dd7) 15. Td3 c5! 16. Dxb7 Sd6 17. Dc7 Sf5 18. Te3 Sxe3 19. fxe3 Lxf3 20. gxf3 Lf6! mit Zusammenbruch.
12. ... Sxc3 13. bxc3 Sxe4! 14. Lxe7 Db6
Eine kaltblütige Replik. Obwohl er lediglich einen unmerklichen Fehler begangen hat, geht Weiß schnell unter. Guter Rat ist bereits teuer.
15. Lc4
"Wenn Weiß das Qualitätsopfer mit 15. Lxf8 annimmt, fällt seine Position nach 15... Lxf8 16. Db3 Sxc3! augenblicklich auseinander." (Awerbach) Zum Beispiel: 17. Td3 Sd5 18. a3 Te8+ 19. Kd1 Da5 oder 17. Dxb6 axb6 18. Ta1 Lb4 19. Kd2 Sd5+ 20. Kc2 Lxf3 21. gxf3 Ta3!. Es scheint, dass 16... Dxb3 17. axb3 Te8! 18. Le2 Sxc3 19. Td2 Se4 (es gewinnt auch 19... Lf5) 20. Td1 Lb4+ 21. Kf1 Sd2+ usw. noch einfacher ist.
15. ... Sxc3!
Genaue Berechnung: Schwarz beeilt sich nicht mit dem Schlagen auf f3, obwohl auch 15... Lxf3 16. gxf3 (16. Lc5? Dxc5! 17. dxc5 Lxc3+) 16... Sxc3 17. Lc5 (17. Dxc3? Tfe8) 17... Sb5 18. Lxb5 Dxb5 19. Lxf8 Lxf8 20. Dd3 Da5+! 21. Kf1 Dxa2 zu klarem Vorteil führte.
16. Lc5
16. Dxc3 Tfe8 17. Lxf7+ Kxf7 18. Sg5+ Kxe7 19. 0-0 Lxd1 20. Txd1 Db5 funktioniert nicht, denn "Schwarz wehrt den Angriff ab." (Awerbach) Und wenn 17. De3, so 17... Lxf3 (aber nicht das von einer Reihe von Kommentatoren angegebene 17... Dc7?? wegen 18. Lxf7+ Kh8 19. Lxe8 Txe8 20. 0-0 Txe7 21. Da3+-) 18. gxf3 Dc7 -+.
16. ... Tfe8+ 17. Kf1
Vielleicht nahm Byrne an, dass bei Weiß alles in Ordnung ist, erwartete 17... Sb5? 18. Lxf7+! Kh8 (18... Kxf7? 19. Db3+ Le6 20. Sg5+ ist noch schlechter) 19. Lxb6 Sxa3 20. Lxe8 mit Vorteil und übersah dabei die gegnerische Antwort.

17. ... Le6!!
Dieser urplötzliche und entscheidende Rückzug macht die Partie so attraktiv. "Es ist bekannt, dass Fischer im taktischen Kampf gewönlich danach strebt, die Absichten des Gegners mit Zwischenzügen zu durchkreuzen." (Awerbach)
18. Lxb6
Damit bliebt ein hübsches ersticktes Matt hinter den Kulissen: 18. Lxe6? Db5+ 19. Kg1 Se2+ 20. Kf1 Sg3+ 21. Kg1 Df1+! 22. Txf1 Se2 matt; ebenso ein Damenopfer: 18. Dxc3 Dxc5! 19. dxc5 Lxc3 20. Lxe6 Txe6 mit technisch gewonnenem Endspiel (21. Td7 Tae8! 22. g3 T6e7) wie auch im Falle von 18. Le2 Sb5! 19. Lxb6 Sxa3 20. Lc5 Sc4. Hoffnungslos ist 18. Ld3 Sb5! 19. Db4 Dc7 20. Lxb5 cxb5 21. d5 Ted8 22. d6 Dd7 -+.
18. ... Lxc4+ 19. Kg1 Se2+ 20. Kf1 Sxd4+ 21. Kg1
21. Td3 axb6 usw.
21. ... Se2+ 22. Kf1 Sc3+ 23. Kg1 axb6 24. Db4 Ta4 25. Dxb6 Sxd1
Ein Turm und zwei Figuren für die Dame - das ist mehr als ausreichend für den Sieg.
26. h3
26. Dxb7 Ld5 27. Dd7 Te2 -+.
26. ... Txa2 27. Kh2 Sxf2 28. Te1 Txe1 29. Dd8+ Lf8 30. Sxe1 Ld5 31. Sf3 Se4 32. Db8 b5
32... Kg7! (Soltis)
33. h4 h5 34. Se5 Kg7 35. Kg1 Lc5+
36. Kf1 Sg3+ 37. Ke1 Lb4+
Etwas schneller setzt 37... Te2+ oder 37... Lb3 matt.
38. Kd1 Lb3+ 39. Kc1 Se2+ 40. Kb1 Sc3+ 41. Kc1 Tc2 matt.
Die Partien auf der mitgelieferten CD sind unkommentiert, sodass die Kasparows Kommentare ausschließlich im Buch vorhanden sind. Partienverzeichnis und Eröffnungsregister existieren. Auf der CD-ROM (ausgeliefert mit dem ChessBase-Reader) befindet sich die folgende Partienanzahl:
| | Buch-CD | Megabase 2007 | | Samuel Reshevsky | | 1394 | 1395 | | Reuben Fine | | 444 | 572 | | Miguel Najdorf | | 1800 | 1808 | | Bent Larsen | | 2474 | 2526 | | Robert James Fischer | | 955 | 1344 |
Warum auf der Megabase 2007 mehr Partien verfügbar sind, habe ich nicht nachgeprüft. An Aufmachung und Gestaltung gibt es nichts auszusetzen, auch der Lektor hat ganze Arbeit geleistet, aber einen Wehrmutstropfen gibt es dennoch: es werden nur ungenaue Quellen für die historischen Ausführungen angegeben. Damit unterscheidet sich das Buch wohl primär von vielen anderen schachhistorischen Untersuchungen, wo Historiker (zu Recht) penibel genau auf die Angaben der Erstquellen achten. Dadurch hat sicherlich die eine oder andere unbelegte Anekdote den Weg in das Buch gefunden, was dem Lesefluss aber keinesfalls abträglich ist. Enttäuschend hingegen, dass das Werk insgesamt nur ganze 5 (!) Fotos aufweisen kann - hier hätte man nicht sparen sollen! Für die übergroße Mehrzahl der Schachbuchkäufer dürfte auch dieser Band eine absolute Bereicherung des Speisezettels darstellen. Den Brockhaus haben wohl viele zu Hause stehen, ob es mit den Weltmeisterbänden von Kasparow ebenso geschehen wird?
 | | Autor: Garry KasparowTitel: Revolution in the 70s - Part OneISBN: 978-1-85744-422-3 Everyman Chess, 416 Seiten englisch, gebunden, Hardcover |
Kasparow dürfte zu den wenigen Schachbuchautoren zählen dessen Bücher ausschließlich gebunden und als Hardcover vermarktet werden. Wie auch oben besprochenes Exemplar ist das hier vorliegende "Revolution in the 70s" mit einem Hardcover-Umschlag versehen - löblich! Wenn man den Titel nicht in Bezug zu Schach sieht, könnte man eventuell an die Studentenrevolution in der ehemaligen BRD denken ... oder vielleicht ABBA, wenn man bedenkt, dass die Nordlichter das Musikbusiness in Sachen Vermarktung revolutioniert haben dürften ... Aber nein, Kasparow möchte mit diesem Werk an die Reihe der großen Vorkämpfer anschließen und macht den Anfang mit der Untersuchung der Informationsflut in der Eröffnungstheorie. Die 70er, eine Ära der großen Veränderungen und auch die Ära der akribischen Analyse der Eröffnungssysteme bis in das Mittel- oder Endspiel unter der Aufspürung von neuen Ideen. Drei Kapitel (Sizilianisch - Drachen, Caro-Kann mit 4... Lf5 und Caro-Kann mit 3... e5) habe ich mir näher angesehen, für die anderen lasse ich das Inhaltsverzeichnis sprechen:
01 'Hedgehog' System (Game 1-9) 02 Chelyabinsk Variation (Game 10-29) 03 Najdorf Variation 6. Le3 (Game 30-41) 04 Dragon Variation 12... h5! (Game 42-49) 05 Classical Scheveningen (Game 50-61) 06 Neo-Scheveningen without ...a7-a6 07 In the Sicilian Labyrinths 08 Main Variation of the Grünfeld Defence (Game 62-82) 09 The 'Hungarian' Grünfeld 10 Caro-Kann with 4... Lf5 (Game 83-86) 11 Caro-Kann with 3. e5 (Game 87-90) 12 Sicilian 2. c3 13 French with 3. e5 14 Zaitsev Variation of the Ruy Lopez (Game 91-95) 15 Arkhangelsk Variation of the Ruy Lopez 16 Metamorphoses of the Nimzo-Indian Defence (Game 96-99) 17 Queen's Indian Defence with 4. a3 (Game 100-101) 18 Queen's Gambit Accepted with 3. e4 (Game 102) 19 Semi-Slav Circle 20 Sergey Makarichev's Triptych 21 The Chebanenko Line 22 Volga Gambit 23 Odds and Ends
und im 24. Kapitel werden die Meinungen von 28 Experten (u.a. Awerbach, Taimanow, Sosonko, Soltis, Hübner, Timman, Beljawski) auf ca. 60 Seiten präsentiert.
 | Auf 17 Seiten widmet sich Kasparow den Entwicklungen im "Drachen" und hier insbesondere der jugoslawischen Variante (9. Lc4), welche aus der nebenstehenden Diagrammstellung (Stellung nach 12. h4) untersucht wird. In den frühen 70ern galt der "Drachen" als eine der schärfsten Varianten im Sizilianer und wurde insbesondere durch den Zug 12... h5 (damit war Fischers "Opfer, Opfer, Matt!" widerlegt) für die schwarze Seite salonfähig gemacht. Andy Soltis spielte diesen Zug, welcher von Heikki Westerinen 1963 das erste Mal angewandt wurde, fünf Mal mit einer Erfolgsquote von 100% ! In 8 Partien wird die Entwicklung der Variante sichtbar gemacht - für mich ein Grund, dies mit den Erkenntnissen aus dem anerkannten Drachen-'Büchlein' "Play The Sicilian Dragon" von Edward Dearing zu vergleichen. In der Variante nach 13. Lh6 bespricht er das Qualitätsopfer auf c3 in der Partie Spassky - Mestel, 1982. Aber Kasparow plaudert in den Partiekommentaren über Analyseergebnisse aus der Vorbereitung seines Matches gegen Anand 1995, welches er praktisch mit den schwarzen Steinen und dem Drachenaufbau (den er in seiner Karriere bevorzugt gegen Anand angewendet hat) gewann. Er verweist auf die Alternative zum Qualitätsopfer (13... Sc4) und Dearing verfolgt diese Linie bis zum 23. Zug in seiner Monographie und erläutert dann zwei Hauptvarianten, welche Schwarz zumindest zu Ausgleich führen. Der Karpow-Zug 13. Kb1 wird aus Sicht der 11. WM-Partie Anand - Kasparow, New York 1995 untersucht. |
Dearing verwendet diese Partie ebenfalls als Referenzpartie mit gleichen Erkenntnissen! Wie sieht es aber zur heutigen Hauptvariante 13. Lg5 aus? Über die Partie Geller - Kuzmin, Tbilisi 1978, in welcher die Nachteile von 13... Sh7 erläutert werden, findet der Leser zusammen mit dem Autor den Weg zu 13... Tc5!, welcher den Rest des Kapitels ausmacht. Auch hier liefern sowohl Kasparow als auch Dearing in ihren Publikationen 'saubere' Arbeit und es sind keine Neuerungen vorhanden, was einerseits für Dearing spricht, aber andererseits auch zeigt, dass es auch lohnt, sich mit den "Klassikern" von vor 30 Jahren zu befassen ... Kasparows conclusion: "In the end, after trying numerous plans and methods of play and studying a whole series of similar positions, White came to the firm conclusion that there was no reason to hurry with 12. h4, and that the most useful, i.e. the optimal move is 12. Kb1 ... Becaus of these plans, and also on account of the excessive risk, the 'Dragon' has lost its attraction at the highest level and it occurs more often in master tournaments and correspondence events."
Kasparow hatte schon immer eine Vorliebe für Sizilianisch! Das stimmt nicht ganz, denn in den Jahren 1977/78 spielte er ganze 15 Partien mit den schwarzen Steinen und dieser Eröffnung und schnitt auch hier mit 6 Siegen und 2 Niederlagen mit einem positivem Score ab. Erfreulich demzufolge, dass er sich dieser Eröffnung annimmt, wenngleich der Gesamtumfang gegenüber der Sizilianisch-Sektion geringer ausfällt. Die Stellung der Hauptvariante 1. e4 c6 2. d4 d5 3. Sc3 dxe4 4. Sxe4 Lf5 wird in 4 Partien untersucht und auf die Feinheiten und deren Historie der sehr soliden schwarzen Stellung eingegangen, wo auch Partien der Neuzeit, z.B. Anand - Iwantschuk, Linares 1999 in den Analysen berücksichtigt werden. In der Vorstossvariante (1. e4 c6 2. d4 d5 3. e5 Lf5) wird primär die damals sicherlich revolutionäre Neuerung 4. Sc3 e6 5. g4 behandelt. Schaut man sich die Länge der vorgestellten Partien an, stellt man fest, dass Schwarz bei ungenauem Handeln vor dem 20. Zug auf Verlust stand, was aber mit Sicherheit nicht an der Spielstärke der Spieler lag. Dieses System hat Gift und ist nach Aussicht des Autors noch nicht todanalysiert ("And within 5-10 years who knows how the experience gained by both sides will tell on the evaluation of this system ...?"). Leider nur 4 Partien dazu in diesem Buch. Dazu noch ein Beispiel:
J. Nunn - G. Sosonko
Tilburg 1982
1. e4 c6 2. d4 d5 3. e5 Lf5 4. Sc3 e6 5. g4 Lg6 6. Sge2 c5! 7. Le3
7. h4 Game No. 89
7. ... Sc6
A well-trodden path. In my view, things are more unpleasant for White in a line which originated 15 years ago and only recently attracted attention - 7... cxd4! 8. Sxd4 Lb4! See, for example, the games Motylev - Nisipeanu (Romania 2001) and Shirov - Grischuk (Dubai 2002). It is his possibility that has made 7. Le3 no longer topical.
8. dxc5 Dh4?
Usually Black chooses between 8... Sxe5 and 8... h5, leading to sharp play. Such a prospect suits White: this is the sort of thing he is aiming for in this variation. In its time the faultiness of the queen foray was not firmly identified, a situation which we shall now rectify ...
9. Sb5 Sh6
A game played two months earlier, Van der Wiel-Sosonko (Amsterdam 1982), ended with an unexpected draw agreement after 9... Le4 10. Sc7+ Kd8 11. Sxa8 Lxh1 12. Sg3 Dxb2 13. b4 Sh6 14. De2 Le7 15. b5 Sxe5. Of course, Nunn had prepared something against this (possibly he had in mind 12. Sd4!? with the idea of 12... Kc8? 13. Sxc6 bxc6 14. Dd2 and a strong attack), but Sosonko got his novelty in first.

10. h3!
White could have picked up material in the variation 10. Sc7+ Kd7 11. Sxa8 Sxg4 12. Dd2 Sxe3 13. Dxe3 Db4+ 14. c3 (14. Dc3 Lxc5) 14... Dxb2 15. Td1, but after 15... Le7 16. Lh3 (16. c4 Db4+ 17. Dc3 Sxe5!) 16... Txa8 17. Txd5+ Ke8 18. Td2 Db1+ 19. Td1 Dxa2 20. 0-0 Dc4 Black is alright.
10. ... Tc8
The consquences of 10... Sxg4 are perfectly obvious: 11. hxg4 Dxh1 12. Sg3 Dh4 13. Sc7+ Kd7 14. Sxa8 Le7 15. c4, and the black king is vulnerable. 10... Sxe5 11. Sg3 Tc8 is merely a transposition of moves.
11. Sg3 Sxe5 12. Sxa7 Txc5
The exchange sacrifice looks the best chance, but Nunn suggested sacrificing it in a different way: 12... Lxc5 13. Sxc8 Lxe3. It appears that the white king has problems, but one only has to continue Nunn's variation - 14. De2 Lf4 15. Db5+ Kd8 with its 'unclear' evaluation - in the most natural way: 16. Dxb7 Lxg3 17. 0-0-0 Lxf2 18. Lb5, and here Black cannot hold out!
13. c3!
Of course, not 13. Lxc5? Lxc5 14.Sb5 Df6. After 13. c3! the queen joins the pursuit of the black king (13... f6 14. Db3). The defence is very difficult, and Sosonko throws caution to the wind.
13. ... Sc4 14. Lxc5 Lxc5 15. Da4+ Ke7
In view of what happened, 15... Kf8 would appear to suggest itself, and then not 16. Lxc4? Df6 17. 0-0 Df3! 18. Lxd5! exd5 19. Kh2 Le4 20. Sxe4 Sxg4+! 21. hxg4 Df4+ with a draw, but 16. Dd7!
16. Lxc4 Df6 17. 0-0 Df3!

It is amusing that now the simpleminded 18. Kh2? leads not even to perpetual check after 18... Le4 19. Sxe4 dxe4 20. Tad1 Df4+, but to a loss on account of 18... Sxg4!! 19. hxg4 h5 20. g5 h4.
18. Lxd5!
This is the end: the variations 18... Dxg3+ 19. Lg2 or 18... Dxd5 19. Tad1 Df3 20. Td7+ Kf6 21. Kh2 Ta8 22. Db5 are too convincing.
18. ... exd5 19. Tae1+ Kd8 20. Sc6+! Kc7 21. Sd4 Df6
1-0Black missed his chances on the 7th and 8th moves.
3 Partien der Caro-Kann-Sektion beginnen überraschenderweise mit dem Druckfehler 1. e4 e6.
FAZIT
Stellt sich in Summe noch die Frage wie man derartig viele Wälzer veröffentlichen kann und ein Blick auf die Umschlagseite lässt das Geheimnis ein wenig erahnen: Das Fischer-Buch enstand in Zusammenarbeit mit dem Journalisten Dmitri Plisetzki, der jahrelang als stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift Schachmaty tätig war. Ebenso wird dieser Co-Autor auf der Umschlagseite des "70er"-Buches genannt, im Vorwort wird hier aber noch Alexander Shakarov und Yuri Dokhoian für Ihre Assistenz zum Manuskript gedankt. In wie weit die Arbeitsteilung insbesondere zwischen Plisetzki und Kasparow vorgenommen wurde, ist leider nicht herauszulesen. Nun ja, wie dem auch sei: "Von Kasparow lernen, heißt: Siegen lernen" wird der ehemalige 'große Bruder' abgewandelt zitiert. Seine Erfolgswelle hält an, schaden kann es also nicht ...
(C) 2007, Frank Große redaktion@schachlinks.com | | | | Autor: Frank Große |
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