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David Bronstein - Secret Notes
 
    Im Alter von 82 Jahren verstarb David Bronstein am 05. Dezember vergangenen Jahres. Er darf wohl neben Paul Keres oder Viktor Kortschnoi zu den ganz Großen des vorigen Jahrhunderts gezählt werden, die den Weltmeistertitel nie erhielten. Neben den vielzähligen Nachrufen erschienen kürzlich auf dem Büchermarkt seine "Secret Notes" ...

    Autor: David Bronstein, Sergey Voronkov
    Titel: Secret Notes

    ISBN-13: 978-3-283-00464-4
    Edition OLMS, 232 Seiten
    englisch


    David Ionowitsch Bronstein wurde frühzeitig von Alexander Konstantinopolski entdeckt und später auch trainiert. Er verfügte über einen angriffslustigen und motivierten Stil, konnte so eine Vielzahl Turniere für sich entscheiden und wurde folgerichtig 1951 der Herausforderer von Weltmeister Michael Botwinnik. Diesen Wettkampf verlor Bronstein zwar nicht, aber er endete auf dramatische Weise 12 : 12, womit Botwinnik den Titel behalten durfte. Die beiden Kontrahenten hatten auch ein gegensätzliches Verhältnis zur russischen Politik, welches selbige nicht mehr zu einer Freundschaft führte. Dass das Schach in der ehemaligen Sowjetunion eine heikle politische Angelegenheit war, dürfte allgemein bekannt sein. Aber erst die Weigerung, eine Resolution gegen den 1976 emigrierten Viktor Kortschnoi zu unterzeichnen, "sperrte" Bronstein bis zum Fall des 'Eisernen Vorhangs' ein, da ihm ein Reiseverbot ins westliche Ausland auferlegt wurde. ... und genau hier setzt dieses nicht gewöhnliche Buch an und nimmt den Leser mit auf Bronsteins Reisen durch Europa: "I stood, looking at the waves, for a good ten minutes. Suddenly I glanced back - Copenhagen was no longer visible, only the sea, and I looked ahead - Sweden was not yet visible. And since I was alone on the deck, I felt a freedom that I had never experienced in my life! For the first time I was travelling not due to someone else's will, no one knew where I was, no one from the Soviet embassy was accompanying me, and no one would meet me. For the first time in my life I felt absolutely free: no land either in front or behind - it was as though I was all alone in the universe!"

    Der Leser merkt schnell, dass in den Zeilen viel persönliches, logischerweise Autobiographisches steckt und das tut dem Buch im Sinne der Reise gut! Da er gerne etwas von und über sich plaudert und dabei immer wieder einen Blick in sein alltägliches Leben gibt, berichteten auch damals tagesaktuelle Zeitschriften wie z.B. "Deutsche Schachzeitung 5/1956" (gerade eher zufällig bei der Hand!) über den schachlichen Horizont hinaus. Bronstein, der nur wegen seines schlechten Sehvermögens nicht zum Dienst bei der Roten Armee während des Zweiten Weltkrieges herangezogen wurde, vollführt eine geographische Zeitreise zwischen der Gegenwart der vergangenen 15 Jahre seines Lebens. Dass es dabei nicht nur auf der Welt der 64 Felder zugeht verhindert einerseits der persönliche, plauderhafte Ton und andererseits seine vielfältigen Bekanntschaften. Von den Vorgängen in Zürich 1951 erfährt der Leser ebenso, wie vom Privatwettkampf mit Kortschnoi in den 70ern. Hierzu finden sich auch Partien. Zurückhaltung übt der Autor bezüglich der Vorwürfe, er sei im WM-Kampf gegen Botwinnik von offizieller Seite zum Verlust des Wettkampfes genötigt worden. Seine auf dem Brett bekannte vielfältige Kreativität (zeugen die auf dem Umschlagbild falsch aufgestellten Bilder indirekt auch davon? ;)) zeigte sich in seinem vielfältigen Schaffen für das Schach, sodass er als Magnet und Publikumsliebling im sowjetischen Schach und dem Schach i. A. viel positives erwirkt hat. Er möchte dabei aber nicht ausschließlich im Fokus stehen und so findet man eine angenehme Abrundung des Inhalts durch seine Frau Tatjana Boleslavskaya, die einiges aus der Sicht als Reisebegleiterin beisteuert (ca. 35 Seiten). Nach Aussagen des Verlages wird dieses Buch leider nicht in die deutsche Sprache übersetzt. Ein paar markante Passagen findet man im Nachruf von Johannes Fischer in KARL 01/2007 in deutscher Sprache. Hans Ree widment "The Sorcerer" Bronstein in New In Chess 02/2007 ein Memorial und Jan Timman präsentiert in Ausgabe 01/2007 einen Querschnitt des schachlichen Wirkens.
    Quelle: mioblog.net


    FAZIT

    Wer das Vorwort von Garry Kasparow aufmerksam liest, wird erfahren, dass sich Bronstein lange vor Fischer mit einer beliebigen Grundstellung befasste und auch den Vorschlag des Zeitaufschlags pro Zug brachte. Ideen, die bei Erreichen des Weltmeistertitels eventuell zu einer größeren allgemeinen Bekanntheit unter seinem Namen gefunden hätten. Bronstein veröffentlichte mehrere Bücher - besonders das unter seinem Namen erschienene Buch über das Kandidatenturnier Zürich 1953 ist berühmt - aber zusammen mit Co-Autor Sergey Voronkov, der primär durch schachliterarisches Schaffen auf sich aufmerksam machte, könnte ein ähnlich "großer Wurf" gelungen sein. Der eine oder andere Leser könnte sich am "Ich"-Tenor des Autors stören - aus Respekt vor seiner Lebensleistung halte ich davon Abstand. Mit 63 Fotos und 5 Zeichungen ist das Buch reich illustriert. Neben 29 kommentierten Partien sowie ein paar Fragmenten findet sich unter dem Motto "Reaching 75 is no reason to drink champagner" ein langes Interview am Ende des Buches. Zeilen welche zum einen Momente eines Schachlebens Revue passieren lassen und zum anderen Schach leben lassen ... Für das ganze Buch werden gute Englischkenntnisse vorausgesetzt.

    (C) 2007, Frank Große
    redaktion@schachlinks.com
 
Autor: Frank Große
 
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