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Igor Stohl - Garri Kasparows beste Schachpartien Band 2
 
    Kasparow war schon immer etwas Besonderes! Und ebenso wie er die Schachwelt vor seinem Rücktritt zwanzig Jahre durch außergewöhnliche Leistungen dominierte, so setzt er auch auf dem Büchermarkt zumindest in einem Punkt neue Maßstäbe: Egal welcher Verlag, welche Art von Publikation (Eröffnungsmonographie, Autobiographie, Partiensammlung, ...) seine Bücher werden als Hardcover verlegt. Stellt sich mir die Frage, ob die Käufer von Büchern, die Kasparow selbst geschrieben oder zum Inhalt haben, prinzipiell bereit sind mehr Geld für Schachliteratur auszugeben? Denn Bücher, die mit Hardcover vertrieben werden haben natürlich einen höheren (Herstellungs-)Preis. Wie dem auch sei, neidlos kann ich mich freuen, wenn zumindest im Bereich der Herstellung hohe Qualität geboten wird!



    Autor: Igor Stohl
    Titel: Garri Kasparows beste Schachpartien - Band 2

    ISBN-13: 978-1-904600-55-8
    ISBN-10: 1-904600-55-7
    Gambit Publications, 381 Seiten

    deutsch, gebunden, Hardcover

    GM Igor Stohl ist Slowake und spielte schon in der 2. Bundesliga für die ambitionierte Mannschaft des mittlerweile in die Bundesliga aufgestiegenen TSV Bindlach-Aktionär. Er gehört zu den stärksten Spielern der Slowakei. Er ist als promovierter Jurist aber nicht in den Gerichten unterwegs, sondern auch in diversen Liga-Wettbewerben. Bekannt ist er als Autor von Beiträgen in diversen Schachmagazinen. Das vorliegende Werk ist die Fortsetzung des - zu Recht - viel gelobten ersten Bandes.

    ... und auch der zweite Band lässt sich nicht lumpen: von 1994 bis 2005 werden die letzten 11 Jahre in 55 Partien betrachtet. Im Verhältnis zur Seitenzahl spricht das bereits für den Umfang der Analysen, aber auch die Qualität lässt keineswegs zu wünschen übrig. Dabei hat er eine für die Schachwelt bedeutende Dekade heran gezogen, denn ungefähr 1994 begannen Analyseengines ernsthafte Beachtung zu finden. Kasparow, von dem bekannt war, dass er die Mächtigkeit dieser Werkzeuge schätzte, hatte so mit Sicherheit den ein oder anderen Punkt im "Engine Modus" eingefahren. Auf einer zehnseitigen Einführung passiert das Turnier(er)leben des Protagonisten Revue, bevor die Analysen, welche auch ausführlichere Informationen zum "Rundherum" bieten, das Buch füllen. Die Partie aus der Leseprobe möchte ich hier als Beispiel zum Nachspielen angeben:
    Quelle: ChessBase.de

    Garri Kasparow – Wassili Iwantschuk
    Linares 1994
    Abgelehntes Damengambit, Halbslawische Verteidigung [D44]

    1. d4 Sf6 2. c4 c6 3. Sc3 d5 4. Sf3 e6 5. Lg5
    Den Anmerkungen zu Partie 23 war bereits zu entnehmen, dass Kasparow selten einer theoretischen Auseinandersetzung im Botwinnik-System aus demWeg ging. Der Textzug kam in seiner Praxis regelmäßig vor, 5 e3 dagegen nur sporadisch.
    5 ... dxc4


    Eine Möglichkeit zur Vermeidung der Botwinnik-Variante ist das sogenannte Moskauer System mit 5...h6. Auch diese Fortsetzung führt jedoch nach dem unternehmungslustigen Bauernopfer 6 Lh4!? dxc4 7 e4 zu einer zweischneidigen Stellung. Einzelheiten zu diesem Abspiel finden sich in Kasparow-Kortschnoj, Horgen 1995, und Kasparow-Drejew, Russische Meisterschaft, Moskau 2004 (Partie 87 bzw. 127).
    6. e4 b5 7. e5 h6 8. Lh4 g5 9. Sxg5 hxg5 10. Lxg5 Sbd7 11. exf6 Lb7 12. g3 c5 13. d5 Sxf6
    In der oben angesprochenen Partie zwischen Kasparow und Tal aus Band 1 wurde 13...Db6 gespielt, was immer noch die Hauptvariante darstellt. In Betracht kommen aber auch andere Züge; neben dem Textzug finden auch die Nebenvarianten 13...Lh6 und 13...Dc7 14 Lg2 b4 immer noch etwas Unterstützung.
    14. Lg2


    Weiß interessiert sich nicht für das angebotene Material und konzentriert sich auf seine Entwicklung. Das ist auch sehr vernünftig, da Schwarz nach 14 dxe6 Lg7!? (Aufmerksamkeit verdient auch 14...Le7) 15 Dxd8+ (umsichtiger ist 15 Tg1 Db6 16 De2!?, aber auch hier bekam Schwarz nach 16...Dxe6 17 Sxb5 Dxe2+ 18 Lxe2 Se4 19 0-0-0 Sxg5 20 Sd6+ Tf8 21 Sxb7 Txh2 in Lobron-Kramnik, Dortmund 1993, ein angenehmes Endspiel) 15...Txd8 16 Tg1 a6 17 exf7+ Txf7 18 Lg2 Lxg2 19 Txg2 Tde8+ gefolgt von ...Sg4 trotz des Damentauschs hervorragende Kompensation in Gestalt des in der Mitte festsitzenden weißen Königs bekommt. Auch nach 14 Sxb5 Da5+ 15 Dd2 Dxd2+ 16 Lxd2 Lxd5 17 Sc7+ Td7 18 Sxd5 exd5 hat der Nachziehende mit seinen aktiven Figuren und starken Mittelbauern nichts zu befürchten.
    14 ... Lh6!?
    Infolge seiner gründlichen Eröffnungsvorbereitung konnte sich Kasparow mit Zuversicht auf die schärfsten und prinzipiellsten Varianten einlassen, was aber nicht bedeutet, dass er gegen Überraschungen in der Eröffnung ganz und gar gefeit war. Hierwartet Iwantschuk mit einer interessanten Neuerung auf. Obwohl an dem Textzug nichts auszusetzen zu sein scheint, wird 14...Le7 öfter gespielt. GM Karsten Müller hat vor kurzem die schwarze Sache verteidigt; die Stellung nach 15 0-0 Sxd5 16 Lxe7 Txe7 17 Sxb5 Db6 18 Sa3 Th4! 19 Dd2 Sf4!? (schwächer ist 19...Tg8?! wegen 20 f4! mit der Pointe 20...Sxf4? 21 Txf4 Txf4 22 Dxf4 Dxb2 23 Dd6+! mit Gewinn für Weiß) 20 Sxc4 Da6 21 Se3!? (ein kämpferischer Zug; 21 Lxb7 Sh3+ 22 Tg2 Dxb7+ 23 f3 Td8 24 Dc3 Txc4 25 Dxc4 Dxb2+ 26 Th1 Sf2+ führt zu Dauerschach) 21...Td8 22 Dc2 Se2+ 23 Th1 Th5 gibt Schwarz für den Bauern genug Spiel am Königsflügel, Murdzia-K.Müller, Hamburg 2002.
    15. Lxf6!?
    Die konkreteste Reaktion. 15 Lh4 Lg7! kann für den Anziehenden nicht überzeugen, da er mit ...Txh4 rechnen muss. Auch nach 15 Lxh6 Txh6 16 Sxb5 (16Dd2 Th5! ist gut für Schwarz, da Weiß nicht 17 Sxb5? Te5+ spielen kann; auch nach 16 0-0 b4 17 Sa4 Lxd5 kann nur Schwarz besser stehen) kann Schwarz zwischen verschiedenen guten Zügen wählen; zum Beispiel 16...exd5 oder gar 16...Db6!?, wonach schon eher Weiß Vorsicht walten lassen muss.
    15 ... Dxf6


    16. 0-0
    16 Sxb5 0-0-0 führt nach 17 0-0 lediglich durch Zugumstellung zur Partie (17 Sxa7+? Tb8 18 Sb5 gab Schwarz nach 18...Txd5! 19 Lxd5 exd5 20 0-0 d4 in Sacharewitsch-W.Popow, Russische Meisterschaft, Samara 2000, gewaltigen Angriff).
    16 ... 0-0-0
    Auch der schwarze König muss aus der Mitte verschwinden, da sowohl 16...exd5? 17 Sxd5 als auch 16...b4? 17 Se4 zu Ärger führen.
    17. Sxb5


    Auch dieser Zug ist erzwungen. 17 Se4? Ist schwach: 17...De5 18 Sxc5 Lxd5.
    17 ... exd5?!
    Die Bildung einer zentralen Bauernphalanx ist natürlich genug; andere Methoden, sich den Bauern d5 einzuverleiben, sind klar schlechter: 17...Lxd5? 18 Da4 gibt Weiß gewinnbringenden Angriff, und 17...Txd5?! 18 Sxa7+ Tb8 19 Da4 ist auch nicht viel besser. Kasparow wies jedoch darauf hin, dass der richtige Weg zur Umsetzung der Idee aus der Partie in 17...a6! 18 Sc3 exd5 besteht. Jetzt kann Schwarz unter langfristigen strategischen Aspekten mit seinem Bauernzentrum und seinem Läuferpaar mehr als zufrieden sein. Daher könnte der Anziehende eine radikale Lösung erwägen, wie etwa 19 Sxd5!? (19 Da4 Db6 ist günstig für Schwarz) 19...Lxd5 (ehrgeiziger ist 19...De6!? 20 Te1 Txd5, aber auch hier hat Weiß Gegenspiel) 20 Lxd5 Df5 21 Da4 Dxd5 22 Dxa6+ Tc7 23 Da7+, und Schwarz kann einer Zugwiederholung schwerlich ausweichen.
    18. Sxa7+ Tb8 19. Sb5


    Der Mehrbauer an sich hat keine große Bedeutung; wichtiger ist, dass der schwarze König nun auf Dauer anfällig steht. Dies ist die in die Springerzüge investierte Zeit wert und wird letztendlich sogar stärker ins Gewicht fallen als die in der vorigen Anmerkung erwähnten positionellen Pluspunkte von Schwarz.
    19 ... Lg7
    19...Dxb2? ist wegen 20 Da4 mit Drohungen wie Da7+ oder Tab1 glatter Selbstmord. Später wurde versucht, das schwarze Spiel mit 19...Lg5 zu verbessern, aber nach 20 De1! (20. f4 Dh6 21 fxg5?! ist zu gierig und läuft in die kraftvolle Replik 21...Dxh2+ 22 Tf2 d4 23 Tg1 Th4! 24 gxh4 Dxh4+ 25 Te2 d3+, wonach Schwarz mindestens Dauerschach hat, da 26 Td2? nach 26...c3+! sogar verliert) 20...Td7 (20...Dh6 ist unzureichend; nach 21 h4 Lxh4 22 gxh4 Dxh4 23 De5+ Ta8 24 Dg3 Dh6 25 Da3+ Tb8 26 Da7+ Tc8 27 Dxc5+ Tb8 28 Dc7+ Ta8 29 Tfc1 droht Weiß Da5-a7+ gefolgt von Txc4+ und kommt mit seinem Angriff zuerst) 21 b3! Dh6 (Ionow-W.Popow, Meisterschaft von St. Petersburg 1997) wurde von Lutz gezeigt, dass Weiß wieder 22 h4! Lxh4 23 gxh4 Dxh4 24 De5+ Ta8 25 Dg3 gefolgt von bxc4 spielen kann, wonach die Dame sich mit entscheidender Wirkung wieder in den Angriff einschaltet.
    20 a4!
    Nach dem ungestümen 20 Da4? kann der Nachziehende mit 20...Da6 die Damen tauschen, was ihm zum Vorteil gereicht. Daher muss die weiße Dame sich nach einer weniger direkten Route zum Damenflügel umschauen. Kasparows Zug befestigt den Springer auf seinemVorposten; einer der Gründe hierfür erhellt aus dem Abspiel 20 De1?! Db6 21 a4 Tde8, und wenn Weiß sich nicht auf 22 Dd2 Dh6 einlassen will, muss die Dame wieder auf ihr Ausgangsfeld zurückkehren.
    20 ... Dh6 21. h4


    21... Lf6?
    Iwantschuk meint, dass er alle Zeit der Welt hat, was aber von Kasparow überzeugend als Irrtum entlarvt wird. Da Schwarz nach dem Textzug kaum noch Rettungschancen besitzt, ist dies die letzte Gelegenheit, nach einer Verbesserung zu suchen: Interessant ist 21...Lxb2 mit der Idee, den Läufer zu stützen und die gefährliche b- Linie geschlossen zu halten, aber nach 22 Tb1 behält Weiß die Initiative: 1a) 22...c3 23 Db3!? (23 Dc2 mit der Idee 23...Dg6 24 Txb2! cxb2 25 Dxc5 ähnelt Abspiel‚1b‘ und ist ebenfalls gut fürWeiß) 23...c4 (23...Db6 24 a5 Dxa5 25 Sxc3 Dxc3 26Db5! gibt Weiß entweder starken Angriff oder ein technisch gewonnenes Endspiel nach 26...Db4 27 Txb2) 24 Db4 Df8 (nach 24...c2? 25 Dxb2 cxb1D 26 Txb1 dringt der weiße Angriff durch) 25 Txb2! (25 Da5? Dc5) 25...cxb2 26 Dxb2,und mit Dd4, De5+ und Tb1 in der Luft hat Schwarz einen sehr schweren Stand. 1b) Stärker ist 22...Df6, aber nach 23 Dc2 Le5 (23...c3 ist konsequent, aber 24 Txb2! cxb2 25 Dxc5 Da6 26 Dd4 gibt Weiß großen Vorteil) 24 Sa3!? Td7 25 Tb5 bleibt die schwarze Stellung prekär. 2) 21...The8!? schränkt zwar die weiße Dame ein, aber das geduldige 22 Tb1 mit der Idee b4 sollte Weiß etwas Vorteil geben.
    22. De1


    Die Dame schaltet sich mit großer Wirkung in den Angriff ein. Der Textzug musste genau berechnet werden, da Schwarz nun zu Verzweiflungsmaßnahmen Zuflucht nehmen muss.
    22... Lh4
    Es ist zu spät für 22...Lxb2 23 Da5!; z. B. 23...Da6 24 Dxa6 Lxa6 25 Tab1 Lg7 26 Lxd5!?, undWeiß erlangt entscheidenden Materialvorteil. Auch 22...c3 23 bxc3 hilft dem Nachziehenden nicht; 23...Lxh4 wird am einfachsten mit 24 De5+ Ta8 25 Tfb1 beantwortet, wonach der weiße Angriff zuerst kommt.
    23. Da5


    Vielleicht hätte Weiß hier sogar 23 gxh4?! spielen können, was aber äußerst unpraktisch gewesen wäre. Eine plausible Beispielvariante lautet 23...Dxh4 24De5+Ta8 25 Dg3Dh6 26 Dc7 (nun verfügtWeiß nicht über das entscheidende Schachgebot auf a3 wie in der Anmerkung zum 19. Zug von Schwarz) 26...Tdg8 27 Da5+ Tb8 28 Da7+ Tc8 29 Dxc5+ Tb8 30 Dd6+ Dxd6 31 Sxd6 Th6! 32 Sf5 Thg6 33 Sg3 f5, und Schwarz gewinnt die Figur mit ordentlichen Remischancen zurück. Kasparow begrenzt mit seinem Angriffszug das Risiko für Weiß. Eine andere Möglichkeit, die Partiestellung zu erreichen, bestand in 23 De5+ Ta8 24 Dc7!, wonach Schwarz nichts Besseres als 24...Le7 hat.
    23... Le7
    Schwarz deckt den Bauern c5. Andere Züge sind hoffnungslos: 1) 23...Lxg3 24Da7+ Tc8 25 Dxc5+ Tb8 26 fxg3, und Weiß gewinnt. 2) 23...Lf6 24 Da7+ Tc8 25 Dxc5+ Tb8 26 Da7+ Tc8 27 Tfc1!, und die Drohung Txc4+ entscheidet. 3) Nach 23...Dc6 24 Da7+ Tc8 25 Lh3+ Td7 verfügt Weiß über das clevere 26 Da5!, wonach ihm die Drohung Sa7+ Unmengen von Material einbringt; z. B. 26...Tb8 27 Lxd7 Dxd7 28 Da7+ Tc8 29 Dxc5+ Tb8 30 Da7+ Tc8 31 Dd4! Lf6 32 Dxf6 Dh3 33 Df5+!.
    24. Dc7+ Ta8 25. Da5+ Tb8 26. Dc7+ Ta8


    27. Tfe1!
    Kasparow pariert die Mattdrohung und setzt seinen eigenen Angriff fort.
    27... Ld6


    Erzwungen. Nach 27...Dh2+ 28 Tf1 oder 27...Lf6 28 Dxc5 Tb8 29 a5! bricht Weiß schnell durch.
    28. Db6
    Es ging auch 28 Da5+ Tb8 29 Da7+ Tc8 30 a5, aber Kasparow beendet die Partie in großem Stil.
    28... Lb8
    28...Tb8 verliert nach 29 a5 schnell.
    29 a5!
    Stellt die tödliche Drohung Te7 auf. 29 Dxc5? Tc8 würde den Angriff erheblich verlangsamen.
    29 ... Td7
    Nach 29...Dc6 30 Te7 besteht die weiße Hauptdrohung in a6, und die Folge 30...Td7 31 Dxc6 Lxc6 32 Txd7 Lxd7 33 Lxd5+ führt zu Matt.
    30. Te8!!


    Wunderschön und entscheidend. Jetzt sind sowohl Dame als auch Turm desWeißen unantastbar, und Schwarz hat keine gute Verteidigung gegen Da7#.
    30 ... Dh2+ 31. Tf1 Dxg2+
    Die einzige Möglichkeit zum Weiterspielen. Nach 31...Txe8 32 a6 setzt Weiß matt.32. Txg2 d4+ 33. Dxb7+!
    Die letzte Feinheit. Nach 33 f3?! Txe8 müssteWeiß noch einige technische Probleme lösen.
    33 ... Txb7 34. Txh8 Txb5 35. a6 Ta7 36. Tf8


    Das ist das Ende: Der Freibauer wird Iwantschuk weiteres Material kosten.
    36 ... Txb2 37. Txf7+ Ta8 38. a7 c3
    Nach 38...Lxa7 39 Taxa7+ Tb8 40 Tae7 Ta8 41 Tc7 vernichtet Weiß die schwarzen Bauern.
    39 Tf8
    1-0


    Alle Partien sind mit ausreichenden Diagrammen versehen, sodass man auch sehr viel ohne Brett "lesen" kann. Wahrscheinlich um dem Kopieren vorzubeugen gibt es keine CD zu diesem Buch. Aber seien wir doch mal ehrlich, die Partien von Kasparow findet man auf jeder Datenbank oder im Internet und die Analysen von Stohl lassen sich doch ganz manierlich vom Blatt nachspielen, schließlich ist es ja Hardcover ... ;) Da es nichts negatives zu vermelden gibt, habe ich bei Igor Stohl noch ein bisschen nachgebohrt und folgendes erfahren:

    schachlinks: Sie haben Jura studiert, publizieren aber sehr viel im schachlichen Bereich. Was ist Ihre Haupterwerbsquelle? :)

    Igor Stohl: Ich studierte Jura, praktizierte es aber nie. Nachdem ich die Universität 1988 beendet habe, verbrachte ich 1 Jahr in einem Armee Sports Camp (ungefähr so wie Elisabeth Pähtz momentan :)), praktischerweise nur Schach spielend. In dem Jahr war ich sehr erfolgreich und gewann über 100 ELO-Punkte, woraufhin ich beschloss, Schach-Profi zu werden. Das war kurz vor der "sanften" Revolution im Jahre 1989 ... Ich gebe zu, dass ich diese Entscheidung einige Male bereute, aber nun, 20 Jahre später habe ich den Verdacht, dass es zu spät ist alles zu ändern und eine neue beginnende Karriere zu starten. Nach allem beschäftige ich immer noch mit dem was ich am besten erledige und mag: Schach. Nur spiele ich dieser Tage etwas weniger (praktisch gesehen nur in den Meisterschaftsspielen der nationalen Mannschaftsmeisterschaften, wie die Bundesliga) und konzentriere mich mehr auf das Schreiben über Schach und in geringerem Umfang auch Training.

    schachlinks: Im Vorwort schrieben Sie, dass Sie für die Erstellung des Buches 3 Jahre benötigten und schilderten "das schiere Ausmaß des Projektes" als "das bei weitem umfangreichste literarische oder anderweitige Unterfangen". Wie darf man sich die Arbeit an diesem - von der Öffentlichkeit erwarteten - zweiten Band vorstellen?

    Igor Stohl: Die 3 Jahre, die ich im Vorwort ansprach, beziehen sich auf beide Ausgaben des Buches. Das Hauptproblem (zumindest für mich :)) beim Kommentieren der Partien auf höchster Ebene ist, dass es extrem schwer gefallen ist die Arbeit zu planen. Auswahl der Partien, Finden und Sammeln der Quellen (ob nun geschrieben oder in elektronischer Form [Webseiten, Datenbanken, etc.]) mit vorigen Kommentaren ist nur der Anfang und leichtere Abschnitt. Die Analyse selbst ist weit schwieriger und wenn ich mit einer Partie begonnen habe, habe ich nicht eher aufgehört bis ich es vollständig verstanden habe. Danach habe ich an den Erläuterungen für die Leser so lange umgeschrieben, bis ich mit dem Resultat zufrieden war. Meiner Meinung nach sollten Kommentare konsistent sein - zum Beispiel der Kommentator sollte die kritischen Momente der Partie zeigen und wann was schief gelaufen ist und warum. Das ist sehr oft nicht so einfach zu bestimmen, gerade mit der Hilfe von Erfahrung, Intuition und zuletzt Analyse-Engines. Analysen müssen auch ihr Ende finden und an einem bestimmten Punkt müssen die Varianten einfach beschnitten werden, um zu einem pauschalen Entschluss zu gelangen. Diesen Moment zu finden und sich auch zusammenhängend über die verschiedenen Positionen und Situationen auszudrücken (der eine fühlt Dinge, der andere weiß selbige exakt ...) war mein Hauptanliegen, insbesondere wenn man die Komplexität der Partien Kasparows berücksichtigt. In dieser Hinsicht gestaltete sich die Arbeit am zweiten Band wirklich zäher - der junge Garry spielte weit mehr geradlinigeres Schach.

    Das Kommentieren von Partien hat auch physikalische Grenzen - denn nachdem ich 3-4 Tage zehn Stunden auf den Monitor starrte, benötigte ich eine Pause. Es ist nicht einfach eine Frage der Scharfeinstellung oder Unlust - aber ich habe meinen Verstand zu schützen :))). In dieser Hinsicht, werde ich nie wieder etwas schreiben, das die Größe der zwei Kasparow-Bände einnimmt. Als ich 30, 50, 70, 100 Partien zu kommentiert hatte sah ich nur die Unmengen an Arbeit vor mir, aber erst ab Spiel 120 begann ich das Licht am Ende des Tunnels zu sehen :))

    schachlinks: Wie sind Sie die Analysen der Partien angegangen? Inwieweit spielten Computerprogramme (wenn ja, welche?) eine Rolle?

    Igor Stohl: Ich denke, dass ich den ersten Teil der Frage mit der vorigen Antwort berührt habe. Natürlich nutzte ich Computerprogramme, beinahe ausschließlich Fritz 9, da dieser Tage die ordnungsgemäße Kommentierung einer Partie ohne elektronische Unterstützung beinahe unmöglich ist. Nun nutze ich auch Rybka von Zeit und Zeit, um die die Ergebnisse zu prüfen. Rybka war nicht verfügbar, als ich das Buch schrieb. Allerdings bin ich nicht genug Experte um wissen, welche Programme in welcher konkreten Position genutzt werden sollen. Auch Computerempfehlungen können durchaus verwirrend sein und es liegt nahe selbige durch den Menschen zu steuern, um die Defizite auszugleichen - das ist ein weites Feld und es ist bereits viel darüber geschrieben wurden. Mit anderen Worten, der eine Satz, welcher in einer Rezension auf Amazon zu lesen ("Jeder Großmeister kann ein Buch wie dieses mit Fritz schreiben ...) führt ein bisschen die falsche Richtung, um es mild auszudrücken. Natürlich schaltete ich die Engine nicht beginnend mit dem ersten Zug ein. Manchmal in komplexen Stellungsbildern schaltete ich die Engine aus, um ungestört eine Weile nachzudenken, bevor ich meine Ideen prüfte. Kasparow selbst war in der Vergangenheit ein Meister der Computeranalyse - aber in "Meine großen Vorkämpfer" sprach er von "seinem eisernen Freund" in jedem zweiten Satz :) Das ist auch meine einzige Beschwerde gegenüber den ausgezeichneten Büchern.

    schachlinks: Was bedeutet der Rücktritt Kasparows vom Profisport für Sie? Verfolgen Sie seine politischen Aktivitäten? Glauben Sie an ein Comeback?

    Igor Stohl: Kasparows Rücktritt ist in der Tat eine bedauernswerte Sache für das professionelle Schach. Er war ein wahrer Star im positiven Sinne des Wortes und attraktiv für potentielle Sponsoren. Wenn jemand nachdem er zwanzig Jahre die Nummer 1 war zurücktritt endet eine ganze Ära. Schach hat sich während dieser Jahre hauptsächlich durch Kasparow großartig verändert. Persönlich gesprochen (ich schrieb dazu auch im Vorwort) hat sein Rücktritt einige Bücher des ersten und zweiten Bandes mehr verkauft :)) Wie auch immer, ich möchte ihn wieder spielen sehen, da ich nach der gründlichen Analyse seiner Partien eine viele größere Wertschätzung seines faszinierenden Schachs als zuvor empfinde. Ich habe keine feste Meinung zu seinem Comeback, aber mit jedem weiteren Jahr der Inaktivität sinkt die Wahrscheinlichkeit - er war zu lange der Anführer der Schachwelt und ein zweiter Platz dürfte ihn nicht sonderlich interessieren. Ich verfolge seine politischen Aktivitäten in den Weltnachrichten nicht gezielt, meiner Meinung nach wird Demokratie innerhalb Kasparows Lebensdauer (und vielleicht auch viel länger) nur ein Traum sein ...

    schachlinks: In der neuen Saison trainieren Sie das Spitzenbrett Ihres Teams: David Navara (Quelle: Rochade Europa 09/2007). Wie wird sich diese Zusammenarbeit gestalten? Welchen Eindruck haben Sie von dem tschechischen Ausnahmetalent?

    Igor Stohl: Ich half David in Wijk 2007, aber ich kann kaum sagen, dass ich sein Trainer bin - als Schachspieler ist er eine sehr selbstständige Person. [Anmerkung: Bezüglich des Trainings mit Igor Stohl war in der aktuellen Ausgabe (Septemberheft) der "Rochade Europa" folgendes zu lesen: "Mit Roman Slobodjan und Dmitri Bunzmann, ebenfalls vom Absteiger SC Bann, verdrängen zwei weitere jüngere Spieler die "Senioren" Igor Stohl und Michael Bezold von den ersten acht Brettern, nicht aber aus der Mannschaft: Beide werden als Spieler und erfahrene Trainer - Igor Stohl trainiert das neue Bindlacher Spitzenbrett David Navara - gebraucht ..." Aber auch David Navara war von meiner Frage überrascht, wie er in seinem aktuellenInterview erwidert.] Heutzutage ist Schach sehr eröffnungsorientiert, sodass die Zusammenarbeit sich die meiste Zeit auf sein Repertoire konzentrierte. Nach Wijk trafen wir uns während der Bundesliga-Kämpfe, tauschten ein paar e-Mails über diverse Schachthemen, aber jede weitere Kooperation, weder langfristig noch für einen bestimmten Event, hängt von ihm ab. David ist in der Tat sehr talentiert - er berechnet gut, aber auch sein positionelles Verständnis und seine Endspieltechnik stehen dem in nichts nach. Das macht ihn mehr oder weniger zu einem universellen Spieler und in Kombination mit seinem Kampfgeist hat er alle Voraussetzungen in der Weltelite (10 - 15 Spieler) mitzuhalten und dort zu verweilen. Seine Partien in Wijk gegen Kramnik, Topalow und Anand (alle mit Schwarz) zeigen, dass er wacker gegen die Besten standhalten kann. Um regelmäßig auf diesem Level mithalten zu können, muss er sein Eröffnungsrepertoire vervollkommnen und auch an seiner körperlichen Fitness arbeiten.

    FAZIT

    Wer diese kommentierte Partiensammlung nicht hat - selber Schuld!

    (C) 2007, Frank Große
    redaktion@schachlinks.com

 
Autor: Frank Große
 
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