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Russisch-Publikationen im Vergleich
 

    Schaut man sich die Neuveröffentlichungen der letzten Jahre bezüglich der Russischen Verteidigung (Petroff) an, wird man feststellen, dass nicht allzu viel passiert ist und die Jussupow-Monographie mittlerweile schon aus eröffnungstheoretischer Sicht überholt sein dürfte, zumal diese Verteidigung auch in den letzten Turnieren der Top-GM immer wieder rege Anwendung gefunden hat. Zuletzt hatten sich die russischen Meister Raetsky und Chetverik im Jahre 2005 auf über 10 Kapiteln mit einer der wichtigsten offenen Eröffnungssysteme auseinandergesetzt. In diesem Jahr sind bei ChessBase gleich zwei DVDs zu diesem Thema erschienen: Alexei Shirov und Rustam Kasimdzhanov!

    Für all diejenigen, die in Ihrer Schulzeit mit der russischen Sprache konfrontiert wurden, blieben die kryptischen Zeichen, wie auch Klanglaute kein endloses Sprachengewirr. Auf dem Schachbrett hat dieses System, das nach den Zügen 1. e4 e5 2. Sf3 Sf6 entsteht, lange Zeit ein Schattendasein gefristet. Alexander Petroff(siehe Foto) ist insbesondere im anglistischen Sprachraum der Namensgeber dieser Eröffnung. Der Theoretiker hat sich bereits im 19. Jahrhundert um Analysen und Erkenntnisse bemüht und die Verteidigung hielt bis in die 90er (des 20. Jahrhunderts) einen Dornröschenschlaf, der ab und an von Spitzenspielern wie Karpow oder Jussupow unterbrochen wurde, bis weitere Spieler die Vorzüge erkannten. Heutzutage gelten neben den Autoren der nachfolgenden DVDs u. a. auch Wladimir Kramnik und Peter Svidler als regelmäßige Anwender auf Weltspitzenniveau.



    Autor: Alexei Shirov
    Titel: My Best Games in The Petroff Defence
    ISBN-10: 3-86681-017-2
    ISBN-13: 978-3-86681-017-4
    ChessBase
    DVD, englisch

    Gleich in seinem Einführungsvideo outet sich, der für spektakuläre Kombinationen bekannte Alexei Shirov über das insbesondere in Amateurkreisen nicht unbeliebte Cochrane Gambit, das nach den Zügen 1. e4 e5 2. Sf3 Sf6 3. Sxe5 d6 4. Sxf7 entsteht. Er hatte das Vergnügen gegen Nigel Short (im Blitz) mit den schwarzen Steinen dieses System auf dem Brett zu erhalten und plaudert aus dem Nähkästchen, wenn er sich erinnert, dass er dieses Opfer selbst eine Weile untersuchte, da er ebenso gern opfert. Glücklicherweise für ihn konnte er sich in der Partie an seine Analysen erinnern, die mit dem Fazit, dass das Opfer (Weiß erhält zwei Bauern für den Springer) inkorrekt ist endeten, erinnern: 4... Kxf7 5. d4 c5 opfert einen weiteren Bauern, erlaubt aber den schwarzen Figuren aktives Spiel und nach den Zügen 6. dxc5 Sc6 7. Lc4+ Le6 8. Lxe6 Kxe6 9. 0-0 Kf7 10. De2 De8 ist Shirov der Meinung, dass Weiß nicht genügend Kompensation für die Figur hat. Ein Einstieg, der gefällt und den Shirov mit der aus seiner Sicht besten Russisch-Partie fortsetzt: Shirov - Timman, Wijk aan Zee 1998 und anhand der Partieansetzung wird deutlich, dass Alexei die Eröffnung mit beiden Farben mehrfach auf dem Brett hatte, wenngleich man auch vermerken muß, dass er nach der Statistik der MegaBase 2007 dieses System mit den weißen Steinen erfolgreicher spielt. Die Auswahl seiner Partien hat er nach deren "Kreativitätsgehalt", sowie aus dem neueren und älteren Fundus getroffen. Das mit russischem Akzent (Beispielvideo hier) unterlegte Englisch von Shirov ist nach einer kleinen Eingewöhnungsphase gut zu verstehen. Insgesamt teilt sich die DVD in 3 Sektionen, die neben dem Cochrane-Gambit-Einleitungsgesamt 13 Videopartien (Gesamtspieldauer über 5 Stunden) aufweist:

    • 3. d4 (5 Videos)
    • 3. Sxe5 und 5. Sc3 (4 Videos)
    • 3. Sxe5 und 5. d4 (4 Videos)

    Das System mit 3. d4 bevorzugt Shirov als Weißspieler und trotz der symmetrischen Figurenanordnung und möglicher ungleichfarbiger Läufer genießt diese Variante seinen Vorzug beim Kampf um den vollen Punkt, sodass Alexei in vier der fünf in diesem Abschnitt vorgestellten Partien die weißen Steine führt. In dem Kapitel, dass sich mit dem Schlagen des Bauern auf e5 befasst, äußert er sich auch kurz zu den Aussichten des Weißspielers (insbesondere im Weltspitzenniveau) auf den ganzen Punkt. Für viele Großmeister ist die Stellung, sofern Weiß oder Schwarz es darauf anlegen "drawing dead". Dennoch gibt es Varianten, die nicht im sofortigen Friedensschluß enden. Eine der Hauptabspiele entsteht nach den Zügen: 3. Sxe5 d6 4. Sf3 Sxe4 5. Sc3 Sxc3 6. dxc3 Le7, in der Weiß die rasche Entwicklung gegen den Doppelbauern aufzuwiegen versucht. Die Alternative zu 5. Sc3 besteht in 5. d4, dass den dritten und letzten Teil der DVD ausmacht, wobei er (der Autor) der wichtigen Variante 3. Sxe5 d6 4. Sf3 Sxe4 5. d4 d5 6. Ld3 Ld6 7. 0-0 0-0 8. c4 in der Partie Shirov - Leko, Linares 2000 das für das Verständnis dieser Variante notwendige Augenmerk schenkt. Das letzte Video beinhaltet den weißen Aufbau nach 5. Ld3.



    Autor: Rustam Kasimdzhanov
    Titel: A World Champion's Guide To The Petroff
    ISBN-10: 3-86681-009-1
    ISBN-13: 978-3-86681-009-9
    ChessBase
    DVD, englisch

    Gleich 18 Video-Lektionen bietet FIDE-Ex-Weltmeister Rustam Kasimdzhanov und verfolgt ein etwas anderes Konzept. Der Usbeke möchte mit seiner DVD dem Zuschauer die Möglichkeiten mit und gegen die Petroff Defence zu agieren aufzeigen, um damit indirekt ihre Popularität zu erklären. Aus diesem Grund wird in seiner Einleitung auch auf die einfachste Falle (3... Sxe4?) und andere Züge als 3. Sxe5 kurz eingegangen, ohne hier eine Repertoire-Empfehlung zu geben (Auf Königsgamit oder andere 2. Züge von Weiß wird nicht eingegangen.). Innerhalb der Videos streut er immer wieder allgemeine Informationen (z.B. wer hat die Initiative mit dem Springer auf e4) und versucht diese in akzentlastigen, aber verständlichem Englisch darzulegen. Das kurze Beispielvideo zu dieser DVD gibt es hier. Auf der DVD befinden sich 5 Partien von Rustam, der die Eröffnung analog Shirov mit beiden Farben spielt. Dies ist auch ein Indiz für Möglichkeiten mit beiden Farben innerhalb dieses Systems, aber auch für die Objektivität, die sowohl Shirov als auch Kasimdzhanov an den Tag legen. Einen sehr umfangreichen Anteil an Partien nimmt die Hauptvariante, die nach 1. e4 e5 2. Sf3 Sf6 3. Sxe5 d6 4. Sf3 Sxe4 5. d4 d5 6. Ld3 Sc6 7. 0-0 Le7 8. c4 entsteht, ein. Hier geht er auch auf die teilweise sehr scharfen Stellungen im Detail ein und zeigt eine Vielzahl interessanter Ideen auf. Neben einigen Nebenvarianten genießen 1. e4 e5 2. Sf3 Sf6 3. Sxe5 d6 4. Sf3 Sxe4 5. d4 d5 6. Ld3 Ld6 und 1. e4 e5 2. Sf3 Sf6 3. Sxe5 d6 4. Sf3 Sxe4 5. Sc3 Sxc3 6. dxc3 das Hauptinteresse der Partien auf der DVD.

    In dem soeben beendeten Weltmeisterschaftturnier von Mexiko, dass Anand als Sieger verlassen hat, war die Russische Verteidigung in 6 Partien auf dem 'Board' (allein Gelfand verteidigte sich drei Mal auf diese Weise) und machte dabei ihrem Namen alle Ehren, denn alle Partien endeten Remis. Auffällig, dass Weiß in dem Turnier mit der Variante 3. Sxe5 und 5. Sc3 versuchte Vorteil zu erlangen. Der von Gelfand in zwei Partien angewandte Springerzug 8. Se5 anstelle von dem sonst zumeist gespielten 8. Sc5 fand auf keiner der beiden DVDs Einzug. In der WM-Eröffnungspartie gegen Anand hatte Gelfand zwischenzeitlich sogar die bessere Stellung: Anand - Gelfand, Mexiko WM-Turnier 2007.

    FAZIT

    Viele Amateurspieler, der Schreiberling dieser Zeilen ebenfalls, "fürchten" sich davor aus dem Komplex der Offenen Spiele aus schwarzer Sicht ein Repertoire zusammenzubasteln, dass auf einem soliden Grundsystem mit Erfolgsaussichten auf den ganzen Punkt besteht. Mit der Russischen Verteidigung wird ein Repertoire angeboten, bei dem Schwarz die Zügel in die Hand nehmen kann, was aus meiner Sicht Appetit auf 1. e4 e5 macht. Da beide DVDs keine Empfehlung für Abweichungen von 2. Sf3, wie z.B. das aggressive Königsgambit geben, wird angeraten sich hierzu noch aus Sekundärquellen zu informieren, bevor man den Versuch in der Turnierpartie startet. Aus beiden Silberlingen kann lehrreiches gezogen werden, wenngleich die Kasimdzhanov-DVD den aus meiner Sicht höheren Lehrgehalt in Form eines Repertoireaufbaus nachweisen kann.

    (C) 2007, Frank Große
    redaktion@schachlinks.com
 
Autor: Frank Große
 
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