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Mediensplitter Dezember 2007
 


    In den vergangenen Wochen genug Werbung erhalten? Ankündigungen, die mit Phrasen wie "nur noch ein wenige Wochen" begannen und den Hinweis auf das unbedingte "Kaufrecht" mehr oder weniger sinnvoller Artikel endeten, schienen nicht abreißen zu wollen. In unserer letzten Bücherkiste für dieses Jahr wollen wir mit dem mehr oder weniger knappen Blick auf die Erscheinungen der vergangenen Monate einen Anreiz zum Nachforschen geben - mehr nicht!

    Autor: Ray Cheng
    Titel: Practical Chess Exercises

    ISBN: 978-1-58736-801-1
    Wheatmark, 2007, 212 Seiten
    englisch

    Immer wieder haben wir auf Schachlinks uns die Mühe gemacht, auch Publikationen die abseits der großen Verlage erscheinen zu beleuchten. Mit dem vorliegenden Buch "Practical Chess Excercises" möchten wir diesmal den bisher unbekannten Autor Ray Cheng eine - ohne das Fazit vorweg zu nehmen - lohnende Chance gewähren . Der Untertitel "600 Lessons from Tactics to Strategy" lässt ahnen, dass es sich hierbei "wieder" um ein Test- bzw. Aufgabenbüchlein handelt. Dennoch möchte Cheng neue Wege beschreiten: Er hat 600 Stellungsbilder von Amateurpartien aus dem Internet zusammengetragen, mit denen er maximale Praxisnähe für den Amateur in Wettkampfsituationen gewähren möchte. Dazu gibt er weder an, wonach genau gesucht werden soll (z.B. Matt in x Zügen, Figurengewinn in x Zügen, usw.) noch um welches Merkmal (Kombination, strategische Entscheidung) sich 'der Kreisel dreht'. Letzenendes weiß man zwar, dass sich "etwas" in den Stellungen befindet, aber doch nie was der Inhalt der Box von Pandora ist. Drei Beispiele:

    # 210


    Schwarz bleibt mit 1... Sxe5 im Spiel (2. Dxe5 Df3 Doppelangriff auf den Turm h1,
    wie auch c3; 2. dxe5 Dc6 derselbe Doppelangriff). 2. Lg2 Sd7 3. 0-0 c6


    # 336


    Schwarz muss sich in Acht nehmen vor dem scheinbaren Bauerngewinn 1... Sxe4?
    Statt 2. dxe4 Lxh4 kontert Weiß mit 2. Sd5! Sxc3 (2... Dd8 3. Sxe7+ Dxe7 4. Dxe4) 3. bxc3 Db7 4. Sxe7+
    und hat eine Figur für zwei Bauern. Schwarz sollte 1... Le6 als Lösungszug bevorzugen.


    # 502


    Weiß darf sich nicht mittels 1. Le6 auf den Bauern stürzen, da er dann nach 1... c3 2. bxc3
    (oder 2. Lxd5 Ld3+! 3. Kxd3 cxb2 und Schwarz wird umwandeln) 2... b2 3. Lxd5 Ld3+ 4. Kxd3 b1Q+ verliert.
    Statt dessen wahrt 1. Kd1 oder 1. Kd2 den Status Quo.


    Die Handhabe zum Lösen gestaltet sich äußerst einfach, da auf der linken Seite 6 Aufgabendiagramme verzeichnet sind, während die rechte Seite für die Lösungen genutzt wird. Also einfach mit einem DIN-A5-Papier abdecken und dann mit den eigenen Lösungen vergleichen - demzufolge auf Reisen gut zu verwenden. Das "Lösen vom Blatt" ist auch die vom Autor vorgeschlagene Methode. Wer die Position dennoch auf dem Brett aufbauen möchte, soll dann aber bitteschön nichts "rücken". Der sympathische Autor und IM John Watson, der in der Ausgabe 11 der Zeitschrift Schach ein ausführliches Interview gab, hat in seinem Vorwort die anfängliche Skepsis zum Buch eines "nobody" ausgedrückt und erläutert, wie die Aufgabensammlung seines ehemaligen Schülers ihn in seinen Bann gezogen hat. Wahrscheinlich ist es die Mischung aus Aufgaben, die einem leichter fallen und solchen, deren Lösung einem auch nach längerem Nachdenken noch nicht eindeutig klar ist. Sternchen (*) neben den Lösungen verraten einem welchen Schwierigkeitsgrad der Autor der Aufgabe erteilt, wobei ein Stern als einfach und vier Sterne als schwer deklariert werden. Letztendlich zwingt das Buch zum Nachdenken über die Stellungsbilder. Würde man sich jeden Tag eine Seite (mit 6 Aufgaben) vornehmen, hat man etwas mehr als das nächste Vierteljahr zu tun - und wer schon derart fleißig ist, wird dann mit Sicherheit im Turnierspiel auch belohnt werden ... Cheng ist auch ohne ELO (oder gerade deswegen ;)) aus meiner Sicht ein erfreulicher Start in den Büchermarkt gelungen. Die Bücher richten sich an den Praktiker, der sich auf Sphären fernab der Super-Großmeister befindet.



    Autor: Colin Crouch
    Titel: How to Defend in Chess

    ISBN-13: 978-1-904600-83-1
    ISBN-10: 1-904600-83-2
    Gambit Publications, 2007, 303 Seiten
    englisch


    Unzählige Partien, insbesondere auf Amateurebene, laufen nach dem Schema "Angreifen, etwas Riskieren und hoffen, dass es durchschlägt" ab. Unzählige Bücher befassten sich bereits damit, wie man beim Schach gewinnt und wie wichtig es ist, wenn man im Vorteil ist, diesem energisch nachzugehen, damit er sich nicht verflüchtigt. Spitzenspieler und insbesondere die Weltmeister zeichneten sich aber auch dadurch aus ihre wenig ertragreichen Stellungen zu verteidigen und wenigstens den halben Punkt zu sichern. Und auch hier gab es zwei Spezialisten: die beiden Ex-Weltmeister Emanuel Lasker und Tigran Petrosian! Von beiden gibt es jeweils zehn ausführlich kommentierte Partien, die ihre besonderen Fähigkeiten bei der Verteidigung unter Beweis stellen sollen. Wer das Vorwort genau liest, vermutet einen Druckfehler bei der Signatur, aber das vorliegende Buch ist ein Reprint aus dem Jahre 2000, da das Buch zum damaligen Zeitpunkt bereits bei Everyman veröffentlich wurde.
    Quelle: www.4ncl.co.uk
    Einleitend wird mit Steinitz, dem Begründer der strategischen Prinzipen des Schachs begonnen. Zu dessen Zeit wurde oftmals versucht Partien durch einen (Matt)-Angriff zu entscheiden, auch wenn die Stellung dergleichen gar nicht hergab. So hat der erste Weltmeister bereits zwei grundlegende Prinzipien der Verteidigung festgelegt, die sich sowohl auf die Okönomie, wie auch die gleichmäßige Kräfteverteilung der Verteidiger stützen. IM Colin Crouch, der sich auch als Kommentator diverser englischsprachiger Schachmagazine auszeichnet, hat in dem Buch der Historie entsprechend Lasker den ersten Teil gewidmet. Doch wer ausschließlich zähe und solide Verteidigungsleistung erwartet sieht sich getäuscht, im Gegenteil der Autor stellt die Protagonisten weder auf einen göttlichen Status, noch "übersieht" er ihre Fehler. So ist in der Partie Steinitz - Lasker, Nürnberg 1896 letzterer eher ein Angreifer, in der 1914 in St. Petersburg gespielten Partie gegen Capablanca gelingt im nach langem Spielverlauf die Punkteteilung als Schwarzer, was ihm schließlich den Turniersieg einbrachte. Erfreulich sind auch eingestreute und nicht in dem großem Umfang betrachtete Partien zwischen denen der "Hauptdarsteller" des Buches. Hier wird auch der ein oder andere 'Zeitsprung' angesetzt.

    Quelle: www.chesshistory.com
    Quelle: www.excaliburelectronics.com

    Petrosian, der zweite Held des Buches, galt in seinen besten Jahren aus unbezwingbar. Er konnte zwar im Vergleich zu vielen anderen Weltmeistern bedeutend weniger Spiele und Turniere gewinnen, aber immerhin ist er mit seinem Spielstil Weltmeister geworden. ;) Dabei war der Russe taktisch sehr beschlagen, scheute aber das übermäßige Risiko und lauerte auf des Gegners Fehler und nutzte minimale Vorteile eiskalt aus. Einziges Manko dieser Strategie: Siege auf Bestellung waren nicht zu erwarten. Die ausgewählten Partien machen den Titel des Buches alle Ehre, denn in den meisten Stellungen steht Petrosian (als Schwarzer) gewaltig unter Druck und demonstriert einmalige "Verteidigungskunst", die einem auch die Augen für mögliche Rettungs-Ressourcen öffnen. Die Größen seiner Zeit (Tal, Fischer, Karpow, etc.) haben sich die Zähne ausgebissen! Historisch die letzte Partie, in der Petrosian in bereits hohem Alter (52), den 18-jährigen Heißsporn und wenige Zeit später jüngsten Weltmeister Garri Kasparow "abblitzen" lässt und ihm innerhalb eines Jahres zwei Weißniederlagen verpaßt. Leseprobe hier. Übrigens finden sich ein Teil der Analysen von Colin Crouch auch im Kasparow-Zyklus "Meine großen Vorkämpfer" (Band Petrosian) wieder. Das versprochene "How" im Titel des Buches bleibt zwar irgendwie auf der Strecke, aber es findet sich einiges im Büchlein, was zuvor nicht "Know" wurde ;)

    Die zwei Kasparow-Niederlagen hier zum Download:

    Kasparow - Petrosian, Moskau 1981
    Kasparow - Petrosian, Tilburg 1981



    Titel: Deep Shredder 11

    ISBN: 978-3-86881-054-9
    ChessBase, 2007, DVD
    deutsch, multilingual

    Bei vielen computerbegeisterten Schachspielern steht zum Jahreswechsel ein Update auf die beliebte neue Version ihrer Software an, so auch in diesem Jahr! Mit "Deep Shredder 11" präsentieren Stefan Meyer-Kahlen und ChessBase die Multiprozessorversion der Software, die in den letzten Jahren die meisten Weltmeistertitel einheimsen konnte. DualCore ist das "Zauberwort" und mittlerweile gibt es Geräte mit diesem Prozessortyp von der Stange, sodass satte Rechenpower im heimischen 'Labor' vorhanden ist. Man könnte das Pferd auch von der anderen Seite aufzäumen und feststellen, dass mit solcher Software, wie hier vorgestellt die PCs auch endlich einmal Aufgaben bekommen: denn für E-Mail, Surfen und Office-Anwendungen reichen die Hardwarevoraussetzungen schon seit Jahren ... Wer nun im Besitz einer solchen 'Maschine' ist, dürfte auch Interesse an einer solchen Software haben ... Damit man auch prüfen kann, ob die zwei Prozessoren verfügbar sind und welche Leistung das System i. A. vorweisen kann, gibt es einen Schach-Benchmark innerhalb der Software, der gerade auch für Engine-Freaks zum Vergleich interessant sein dürfte.

    Es ist erfreulich, wenn man heutzutage - wenn auch nur in Kurzform - noch ein kleines Handbüchlein oder Anleitungsheftchen zu den wichtigsten Funktionen einer neu erstandenen Software erhält, so auch beim neuen Shredder, der zu meiner Überraschung aber nur in englisch daher kam. Die Installation darf aber in der gewünschten Landessprache durchgeführt werden und hier darf in gewohnter Manier aus den meisten gängigen Sprachen gewählt werden. Die Liste der Weltmeistertitel von Shredder ist lang und kann am besten auf der Hersteller-Homepage nachgelesen werden. Die Installation läuft auch unter Vista mit aktiviertem User Account Control (UAC) reibungslos durch. Einziges irritierendes Manko, dass zur Installation von DirectX 9 aufgefordert wird (siehe nachfolgender Screenshot), was bestätigt werden muss, erfreulicherweise dann aber doch nicht durchgeführt wird, da Vista ja bereits auf der Basis von DirectX 10 werkelt. Diese Verunsicherung des Anwenders sollte durch eine simple Abfrage umgehbar sein. Erfreulich aber, dass die Installation sowohl auf Windows 2000, XP oder Vista keine Probleme bereitet!


    Stimmt man der Installation nicht zu, wird das Installationsprogramm nicht "sauber" beendet.

    Die Software kommt - wie aus dem Hause ChessBase gewohnt - im Fritz-Stil daher und lässt sich dank jahrelanger Anwendung intuitiv bedienen. Also schnell auf die Neuigkeiten geschaut: Laut Hersteller soll die Software 100 ELO-Punkte zugelegt haben, aber das dürfte außer für Computer-(Fernschach)-Enthuasiasten und Analyse-Freaks im Heimbereich kaum von extremer Bedeutung sein. Im Interview mit dem Autor der Shredder-Engine Stefan Meyer-Kahlen ist auf freechess.info darüber auch ein wenig zu lesen und wir veröffentlichen im Januar einen umfangreichen Vergleich zwischen Fritz 11, Shredder 11 und Shredder 11 für Linux. Interessant ist hierbei auch zu erfahren, was die Hintergründe des propagierten "Opening Advisor" sind. Schaltet man nun bei der Shredder-Engine das Eröffnungsbuch ab, erlaubt der "Opening Advisor" (nach meinem Verständnis eine Form von "Lernen aus Erfahrung") jetzt eine bessere Eröffnungsbehandlung und findet eventuell noch ein paar theoretischen Neuerungen, die wohl nur Computer verstehen - warten wir es ab! Natürlich ist bei der ChessBase-Variante der 12-monatige Zugang zum Server schach.de enthalten und alle relevanten Funktionen, die in den bisherigen Versionen (siehe auch link) verfügbar war, gibt es ebenfalls. Wer seine Rechenpower also anspornen möchte, der hat hier ein Versuchskaninchen, da Kollege "Deep Fritz" noch etwas Zeit bis zur Fertigstellung benötigen wird.



    Autor: Jonathan Rowson
    Titel: Schach für Zebras

    ISBN-13: 978-1-904600-65-7
    ISBN-10: 1-904600-65-4
    Gambit Publications, 2007, 303 Seiten
    deutsch
    Warum bereitet mir lesen Freude? Ganz einfach: Weil ich - wie die meisten Leser - unterhalten werden will! Und aus diesem Grund auch last but not least, noch eine echte Empfehlung für die Feiertage, wenn man eventuell auf der Suche nach köstlich-intelligenter Unterhaltung ist. Genau hier setzt Jonathan Rowson an, der sich bereits mit den "Sieben Todsünden des Schachspielers" viele Fans erwerben konnte. Der indirekte Nachfolger "Schach für Zebras" (Anders Denken über Schwarz und Weiß) bildet eine Symbiose aus philosophischen Plaudereien, Geschichten und Gedanken des vielseitigen Großmeisters aus Schottland auf der Suche nach der Verbesserung im Schach. Der Ursache, warum dies so schwierig ist versucht der Autor auch nachzugehen und aus verschiedenen Richtungen zu betrachten. Leser, die sich an zum Teil scheinbar abstrusen Gedanken ("Psychologie als fünfte Dimension") á la der Lebensinhalt-Diskussion aus 'Herr Lehmann' erfreuen können (siehe unten), werden mit diesem Buch befriedigt und zu manchem Schmunzeln verführt. Leseprobe hier.
    Quelle: chessbase.com
    Natürlich ist das Buch bereits in der englischen Originalversion vielfach gelobt wurden und auch meine Wenigkeit kann in der vorliegenden deutschen Übersetzung nichts Gegenteiliges verkünden. Durch das Nachdenken, über "Tun und Sein", "Mythen" und ähnlichem bleibt dem Buch ein lehrbuchhafter Charakter fern - im Gegenteil es lässt sich flüssig und locker lesen, weshalb beim ein oder anderen Leser der Eindruck entstehen könnte, dass die dort geäußerten Weisheiten "gut und schön" seien - aber nichts (vorwärts) bringen. Und selbst wenn dem so wäre, so ist man wenigstens fürstlich unterhalten wurden und potentieller Weinkonsum beim Lesen schadet hier keineswegs, sondern regt eher die Phantasie an ;) In diesem Sinne klappe ich für dieses Jahr das virtuelle Buch zu und wünsche allen Lesern erholsame Feiertage und einen ambitionierten Start ins neue Jahr. Wir lesen uns ...

    "Wenn man von Lebensinhalt spricht, dann sieht man das Leben nur als Gefäß, als Mittel zum Zweck, in das es etwas hineinzufallen gilt, statt daß man sich vielleicht mal darüber klar wird, daß das Leben einen Wert an sich hat, und daß man, wenn man sich dauernd damit beschäftigt, es mit Inhalt zu füllen, das vielleicht überhaupt nicht kapiert. Aber bleiben wir ruhig beim Bild des Lebens als Gefäß. Ein Gefäß, in das man etwas hineinfüllen muß, kann es so lange nicht sein, wie mir keiner sagen kann, was genau dieses Hineinzufüllende eigentlich sein soll. Dann kann man es nur noch anders herum sehen, wenn man an der Metapher festhalten will: Dann ist das Leben ein Gefäß, das man gefüllt hingestellt bekommt, und zwar gefüllt mit Zeit. Und in diesem Gefäß ist ein Loch drin und die Zeit fließt unten raus, so ist das nämlich, wenn man überhaupt von einem Gefäß sprechen will. Und Zeit, das ist das Blöde daran, kann man nicht nachfüllen." (Sven Regener, "Herr Lehmann")

    (C) Frank Große, 2007
    redaktion@schachlinks.com
 
Autor: Frank Große
 
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