"Wir testen - Sie entscheiden!"
... So oder so
ähnlich würden kommerzielle Vertretungen großspurig Ihre Meinungen vertreten,
aber das ist gar nicht unser Anspruch. In der April-Bücherkiste werfen wir
einen Blick auf Neuerscheinungen der letzten Monate - kein Dogma, aber ein
persönlicher Eindruck.
Autor: Friedrich Dürrenmatt
Titel: Der Schachspieler
ISBN-13:
978-3000221057
ISBN-10:
3000221050
Officina
Ludi, 2007, 28 Seiten http://www.officinaludi.de
deutsch, Glanzleineneinband mit Prägung und Schutzumschlag
Die Aufführung von Dürrenmatts Bühnenstück "Die
Physiker" ist eine der ersten Aufführungen im Theater der Nachwendezeit an
die ich mich erinnern kann. Seit dem haben sich vom Autor noch 2 oder 3 kleine
Reclams in meinem Bücherregal angesammelt und nun ist diese Erzählung, die
erstmals im Buchdruck erschienen ist (zuvor gab es eine Veröffentlichung in der
FAZ) und um zahlreiche Zeichnungen von Hannes Binder (Zürich) ergänzt
hinzugekommen.
Um es vorweg zu nehmen: das Buch, dass nur 28 Seiten ist
etwas für Liebhaber, aber diese werden ihre Freude haben und das liegt nicht
nur an der hochwertigen Aufmachung! Die als Fragment bezeichnete Erzählung
arrangiert sich mit einem Vortrag Albert Einsteins, der die
Schachspiel-Metapher in Assoziation zum Kosmos darlegt (dieser Abschnitt des
Vortrages am Ende des Büchleins abgedruckt).
Das Gegenteil des Ausspruchs "Je planmässiger Menschen
vorgehen, desto wirksamer trifft sie der Zufall." aus oben genanntem
Theaterstück ist Kernpunkt dieser Erzählung, in der sich Menschen zu Göttern
herauf schwingen und für das Leben der Nächsten folgenschwere Entscheidungen
treffen. Düstere 'Komik' oder besser Kunst, eingebettet in ein immer
wiederkehrendes Ereignis: das Schachspiel zwischen einem Richter und dem
Staatsanwalt bzw. des Nachfolgers ...
Nicht geklärt ist, ob Dürrenmatt aus diesem Fragment mehr
erarbeiten wollte, da eventuell auch der Titel diese Vermutung offen lässt und
im vorliegenden Text das "Schachspiel" und deren (wechselbaren)
Ausübenden in den Fokus rücken. Insgesamt 1700 Exemplare sind aufgelegt zzgl.
ein paar nummerierter Sonderexemplare,
etwas für Liebhaber und Dürrenmatt- bzw. Binder-Fans.
Autor: Ronan Bennett
Titel: Zugzwang
ISBN: 978-3-8270-0681-3
Bloomsbury Berlin, 2007, 2. Auflage, 315 Seiten http://www.berlinverlage.de
deutsch, gebunden
Sankt Petersburg 1914. Zu diesem Zeitpunkt
steuern die europäischen Supermächte auf ersten Weltkrieg zu. Allen
Schachspielern wird das legendäre Turnier im (noch) zaristischen Russland ein
Begriff sein, bei dem Spieler wie Lasker, Capablanca, Nimzowitsch und auch
Rubinstein auf der Höhe ihres Zenits mitspielten. Letzterer versagte unerwartet
im damaligen Turnier, was bis heute unter Schachhistorikern zu Diskussionen
führt.
Eine mögliche Antwort spinnt sich der Autor in dem
vorliegenden Roman zusammen und ersetzt Rubinstein durch Rozental. Das Zentrum
der Geschichte wird aber nicht durch Rozental geprägt, sondern durch den
Psychoanalytiker Dr. Otto Spethmann, der ebenfalls wie Rozental ein Jude ist,
seine Religion aber nicht auslebt und sich als Nichtjude verhält und fühlt.
Dieser lebt und arbeitet in Sankt Petersburg, einem Ort, der
durch krasse Widersprüche für viele Metropolen der damaligen Zeit symptomatisch
ist: auf der einen Seite glänzt die Eleganz, bestückt mit Macht und
unbeschreiblichen Reichtum, während der Masse die bittere Mischung aus Not, Wut
und Trotz, Elend und Gewalt bleibt. Spethmann ist komplett in seine Arbeitswelt
versunken und wirft kein besonderes Auge auf die revolutionären Spannungen und
politischen Vorkommnisse, bis das Auge der Geschichte ihn erreicht und des
Mordes beziehungsweise der Komplizenschaft beschuldigt.
Dieses Vorgehen dringt gewaltsam in sein Leben ein und er
muss zwischen Terroristen, Politikern, Geheimdiensten, Unternehmern in immer
rasanterem Tempo handeln, aber scheinbar jede Aktion verschlechtern seine
Aussichten auf die Rückkehr zum alten Trott. Ganz 'nebenbei' erfährt er viel
über sich - der erst vor kurzem seine Frau verlor -, seine Familie und die
verschiedenen Wahrheiten, die Menschen in sich bergen.
Hat er sich bisher ins Unterbewusstsein seiner Patienten
gegraben, gräbt er sich nun immer tiefer in die Geschichte und damit in die
Verquickungen hinein, auf der Suche nach (s)einer Wahrheit. Spethmann wird
innerhalb der Geschichte Opfer einer Verschwörung, die sowohl seine berufliche
Existenz und sein Dasein als auch das Leben seiner Tochter und Geliebten in
höchste Gefahr bringen. Schließlich eine Story über die großen Dinge im Leben:
(Welt)Geschichte, Liebe, Mord. Natürlich streift auch das Schach immer wieder
die Handlung, schon allein dadurch, dass Spethmann seine finale Partie gegen
seinen Freund spielt und sich Zug für Zug zu seinem möglichen ersten Sieg
arbeitet oder die
Besuche/Gespräche von Rozental beim Psychoanalytiker - der
Haupttenor der Handlung wird durch ein großes Netz von intriganten
Verquickungen mit kriminalistischem Sujet geprägt. Das Buch liest sich bis auf
wenige Momente flüssig und der Autor weiß den Leser durchaus in den Bann zu
ziehen. Drei Aspekte fand ich von Anfang an unter Berücksichtigung auf den
historischen Rahmen befremdlich: das Telefon ist eines der wichtigsten
Kommunikationsmittel (war das Netz schon derart ausgebaut), Taxi (und keine
Kutschen) sind das bevorzugte Fortbewegungsmittel und Spethmann führt als
Psychoanalytiker ein verhältnismäßig luxuriöses Leben und besitzt ein eigenes
Auto - war die Psychoanalyse in Russland schon derart populär, die diese
solchen Reichtum ermöglichte?! Wirft man einen Blick in die umfangreiche
Literaturliste, die der Autor für die Hintergrundinformationen verwendet hat,
schreibe ich diese Irritationen meiner mangelnden Kenntnis zu - dem Lesefluss
sind selbige ohnehin nicht hinderlich.
Autor: Steve Giddins
Titel: 50 grundlegende Schachlektionen
ISBN-10:
1-904600-73-5
ISBN-13:
978-1-904600-73-2
Gambit
Publications, 173 Seiten http://www.gambitbooks.com
deutsch
Kennt noch jemand "The Most Instructive Games of Chess
Ever Played" aus dem Jahre 1966? Nein?! Ich kannte das Buch bis zum Lesen
des Vorwortes des hier vorliegenden Buches ebenfalls nicht - aber dem Autor ist
diese Sammlung eindrucksvoller Positionspartien in reger, ja guter Erinnerung
geblieben. Da das Werk mittlerweile vergriffen und sich das Schach in den
letzten 40 Jahren deutlich weiterentwickelt hat unternahm der Autor den Versuch
des Zeittransports in die heutige Zeit. Dazu hat er sich einer Reihe von
Prinzipien unterworfen, die hier kurz skizziert werden sollen: klare Beispiele,
die den Lernhintergrund in den Fokus stellen; Auswahl nicht allzu oft
publizierter Partien, aber dennoch Partien von hohem Niveau; Reduzierung der
taktischen Varianten auf ein Minimum und diesen Umstand durch das intensive
Verwenden verbaler Kommentierung auszugleichen.
Die Kapitelaufteilung im Einzelnen
1.) Königsangriff
2.) Verteidigung
3.) Figurenspiel
4.) Bauernstruktur
5.) Endspielthemen
Alle oben genannten selbst auferlegten Vorgaben wurden vom
Autor erfüllt, was bedeutet, dass hier nicht ellenlange Variantenadrücke der
Fritz&Co. publiziert werden. Der Aufbau der Kapitel ist folgendermaßen
gestrickt: kurze Einleitung, erläuternde Partien die mit klaren Aussagen
erläutert werden und mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse am
Ende des Kapitels enden. Ab und an passiert es das dennoch, dass die ein oder
andere angegebene Variante ein computergeprüftes Schlupfloch enthält, für die
Zielgruppe sollte das aber nicht entscheidend sein, wenngleich sich der
ambitionierte Übende im Zweifelsfall natürlich die Mühe machen sollte, die
Partiekommentierung mit der Engine seines Vertrauens zu prüfen. Hier noch der
obligatorische Link zur Leseprobe: http://www.gambitbooks.com/pdfs/735Samp.pdf
... und das abschließende Rätsel des Buches gibt der Autor
in seiner Danksagung selbst: "Dieses Buch ist meinem erfolgreichsten
Schachschüler gewidmet (er weiß, wer er ist). Ich nehme an, dass ich dies hätte
schreiben sollen, als ich Dich noch trainierte, aber lieber spät als nie."
- Who knows him?
Autor:
Steve Giddins
Titel: 50
Ways to Win at Chess
ISBN-10:
1-904600-85-9
ISBN-13:
978-1-904600-85-5
Gambit
Publications, 173 Seiten http://www.gambitbooks.com
englisch
Kaum war die deutsche Übersetzung der soeben
'besprochenen" 50 grundlegenden Schachlektionen auf dem Markt erhältlich,
gab es auch den (englischsprachigen) Nachfolger "50 ways to Win at
Chess" vom selben Autor, der wie er im Vorwort angibt natürlich an den
Erfolg des Vorgängers anknüpfen möchte. Warum auch nicht, schließlich haben
sowohl Autor als Vorgängerwerk durchgängig Anerkennung oder Lob erhalten, was
sich auch in den Verkaufszahlen niedergeschlagen haben dürfte. Auf die
folgenden sieben Themen unterteilt widmet sich der Autor analog dem Schreibstil
des Vorgängerwerkes:
1.) Attack and Defence
(Angriff und Verteidigung)
2.) Opening Play (Eröffnungsspiel)
3.) Structures (Bauernstrukturen)
4.) Thematic Endings
(Thematische Endspiele)
5.) Other Aspects
of Strategy (Andere Aspekte der Strategie)
6.) Endgame Themes
(Endspielthemen)
7.) Psychology in Action
(Angewandte Psychologie)
... und ebenso wird mit dem Inhalt verfahren: Auswahl von
Partien bekannter Meister, dabei aber den Fokus auf nicht schon zigfach
veröffentlichte Partien gelegt, das Vermeiden von unendlichen Variantenbäumen,
sehr vielen Erklärungen in Textform. Im
Bereich der Eröffnungen werden natürlich auch allgemeine Inhalte anstatt
Variantenindizes abgehandelt. Leseprobe mit Beispielpartie hier http://www.gambitbooks.com/pdfs/859Samp.pdf
und um es kurz zu machen: Wer an den "50 grundlegenden
Schachlektionen" Freude hatte, wird auch von diesem Buch nicht enttäuscht
sein. Ob eine deutsche Übersetzung geplant ist, ist mir nicht bekannt.
Fast wie im Blogstil möchte ich diesen Artikel nutzen, um
noch ein paar Splitter aus dem 'Papierwald' zu streuen. So sind die Bücher
"101 Endspieltipps" von Steve Giddins und "Geheimnisse moderner
Schacheröffnungen Band 2" von John Watson mittlerweile in deutscher
Sprache erschienen. Da das Material 'nur' übersetzt wurde, verweise ich auf die
Rezensionen der englischen Exemplare hier
http://www.schachlinks.com/cgi-bin/admin/action-pub_rezensionen_anzeigen--news_id-2307.html
und hier http://www.schachlinks.com/cgi-bin/admin/action-pub_rezensionen_anzeigen--news_id-2661.html
.
Für Lasker-Fans kann ich zum 140. Geburtstag des einzigen
deutschen Weltmeisters auf die aktuelle Ausgabe der KARL http://www.karlonline.org
verweisen, die wirklich gelungen ist und auch einen Ausblick
gibt auf das voraussichtlich im kommenden Jahres erscheinende
Lasker-Monumentalwerk. Zum Abschluss noch ein Hinweis in eigener Sache.
Auf ChessBase
erscheint in unregelmäßiger Reihenfolge bis zum Start der Schacholympiade in
Dresden ein 10-teiliger Abriss der Geschichte der Schacholympiade. Hier der
Link zum ersten Teil (drei sind bereits veröffentlicht) http://www.chessbase.de/nachrichten.asp?newsid=7377
Voraussichtlich Ende Mai/Anfang Juni gibt es vor der
Sommerpause noch eine Bücherkiste, die sich den zuletzt zahlreich erschienenen
Endspielbüchern widmet.
(C) 2008, Frank Große
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