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Bücherkiste Juni 2008
 
    Die Endspielbücher des dreimaligen französischen Landesmeisters André Cheron und des russischen Meisters Juri Awerbach galten jahrzehntelang als monumentale Lehr- und Nachschlagewerke. Besonders hervorzuheben sind die vierbändige Serie "Lehr- und Handbuch der Schachendspiele" (Cheron), sowie die zwei Bücher zu den Turmendspielen von Awerbach. Als Geheimtipp - insbesondere für Amateure - gilt da seit Jahren vergriffene "Die wichtigsten Ideen im Endspiel" von Ivo Donev und durch die Tablebases wurden computergestützte Analysen immer wertvoller, sodass das umfassende Werk "Grundlagen der Schachendspiele" von Karsten Müller und Frank Lamprecht oft als aktuellstes Referenzwerk zu Rate gezogen wird. Nichtsdestotrotz sind auf dem Büchermarkt vier neue Endspielbücher erschienen, die den Inhalt dieser Rezension bilden. Ergänzt wird der Artikel durch eine Betrachtung der "Spiele der Menschheit".



    Autor: Karsten Müller, Wolfgang Pajeken
    Titel: How to Play Chess Endgames

    ISBN-10: 1-904600-86-7
    ISBN-13: 978-1-904600-86-2
    Gambit Publications, 351 Seiten
    englisch

    Dieses Buch kann getrost als "Fortsetzung" des in der Einleitung angesprochenen Werkes "Grundlagen der Schachendspiele" angesehen werden, da hier einerseits die dort vermittelten Inhalte anhand praktischer Beispiele manifestiert werden, als auch durch ca. 200 Übungsaufgaben so etwas wie Interaktion vermittelt wird. Keine trockene Theorie, sondern das Vermitteln anhand 'sauber' ausgewählter Beispiele ist das Credo der Autoren. Dabei kann der promovierte Mathematiker Karsten Müller sowohl auf seine zahlreichen Publikationen in diesem Segment zurückgreifen, als auch seinen fundierten Kenntnisstand in der Rolle einer der besten Endspielkenner präsentieren. Unterstützt wurde er vom Hamburger Trainer und Orginastor FM Wolfgang Pajeken.



    Auf 18 Kapiteln bleibt demzufolge kein Thema verschwiegen, bevor ich ein Beispiele anbringe, hier die Übersicht der Einteilung:

    • 01 Activity
    • 02 The Art of Pawn Play
    • 03 Do Not Rush!
    • 04 The Right Exchange
    • 05 Thinking in Schemes
    • 06 Weaknesses
    • 07 The Fight for the Initiative
    • 08 Prophylaxes and Prevention of Counterplay
    • 09 The Bishop-Pair in the Endgame
    • 10 Zugzwang
    • 11 Fortresses
    • 12 Stalemate
    • 13 Mate
    • 14 Domination
    • 15 Converting an Advantage
    • 16 The Art of Defence
    • 17 Typical Mistakes
    • 18 Rules of Thumb


    Aus dem Kapitel "Schemenhaftes Denken" ein Beispiel, dass den Praxisbezug der dargelegten Beispiele deutlich aufzeigt:



    1. Db5!
    White should exchange all the major pieces, so that his king can then penetrate the queenside unhindered. In contrast, the minor pieces should all remain on the board, at lleast for the time beeing, so that White's space advantage can play its part.
    1. ... Dxb5! 2. Sxb5 Sb6
    Also after 2... Le7 3. Sc4 ± Black would not be able to delay the exchange of rooks for long.
    3. Txa8 Sxa8 4. Sc4 Le7 5. Kf2 Sac7

    6. Sa7!
    Naturally White declines to exchange, since the black pieces are treading on each other's toes. In fact this example could also have ended up in the section 'Converting an Advantage (Space Advantage)".
    6. ... h5
    6... Sf6 7. Kf3 Le8 8. Ld2 h5 9. La5 Sce8 10. h3±.
    7. Ke2 Kf7 8. Kd3 Sa6 9. Sc8 Sac7 10. Ld2 Sb5 11. Sa5 Sf6
    11... Sce7 12. Sc6 Lf8 13. La5 Se8 14. Sd8+ Kf6 15. Se6 Le7 16. c3 (Zugzwang) +- (Alterman in CBM).
    12. Sb7 Se8 13. La5 Sd4 14. c3 c4+ 15. Kxc4 Sc2 16. Kb5 Se3 17. Kc6 Sxg2 18. Sbxd6 Sxd6 19. Sxd6 Kf6 20. Sc4 g5 21. d6 g4 22. dxe7 Kxe7 23. Sxe5 Se3 24. Lc7 Sf1 25. Sg6+ Kf6 26. Sh4 Kg5 27. Sg2

    1-0

    In conclusion, we should once more like to give you a warning:

    1) No amount of thinking in schemes can completely rule out the need for concrete calculation.
    2) You should not think in too static terms and should never rule dynanic possibilities out of consideration.

    Natürlich wird bei der Mehrzahl der Beispiele der Direkteinstieg in das Endspiel dargelegt. Eine deutsche Übersetzung ist bei vorhandenen Schulkenntnissen in der englischen Sprache zwar nicht unbedingt erforderlich, der Markt dürfte aber dennoch darauf warten ... Leseprobe hier.



    Autor: Karsten Müller, Frank Lamprecht
    Titel: Secrets of Pawn Endings

    ISBN-10: 1-904600-88-3
    ISBN-13: 978-1-904600-88-6
    Gambit Publications, 287 Seiten
    englisch

    Gleich noch ein Werk aus den Tiefen von Müllerschen Strategistan! Diesmal beschränkt sich der Meister der verringerten Figurenanzahl in Zusammenarbeit mit seinem Weggefährten IM Frank Müller. Wer nun denkt, dass insbesondere Müller die letzten Monate die Schreibwut gepackt hat, den muss ich enttäuschen, denn das hier vorliegende Werk ist die verbesserte und korrigierte Auflage gleichnamigen Titels aus dem Jahre 2000. Während man damals noch mit - aus heutiger Sicht Dinosauriern der Schachsoftware, wie z.B. Fritz 4 oder Hiarcs 7.32 analysierte -, wurde leider nicht angegeben womit die Neuauflage geprüft wurde. Dennoch ist ein sehr umfangreiches an das Bauernendspielbuch von Juri Awerbach erinnerndes Werk herausgekommen, dass keine Geheimnisse im verborgenen lässt. Leider eben (nur) in englischer Sprache, was in hiesigen Sprachräumen 'dem Awerbach' wohl nicht den Rang ablaufen wird. Leseprobe hier.



    Autor: John Emms
    Titel: The Survival Guide to Rook Endings

    ISBN-10: 1-904600-94-8
    ISBN-13: 978-1-904600-94-7
    Gambit Publications, 158 Seiten
    englisch

    Nach einem allgemeinen Lehrbuch, sowie einem Buch über die geliebt-gehassten Bauernendspiele will der Gamibt Verlag auch in Bezug auf die Turmendspiele den Interessierten nicht um Unklaren lassen und tritt damit in Form von John Emms den Gegenbeweis an, dass Turmendspiele immer Remis sein sollen ... Auch hierbei handelt es sich analog dem Buch über die Bauernendspiele um eine Neuauflage der 1999 noch unter dem Everyman Chess Verlag veröffentlichten Titel.

    Was muss man heutzutage über Turmendspiele wissen, wenn man in selbigen bestehen will? Da gibt es erstens die typischen Grundstellungen (Lucena, Philidor) und Motive (Frontal-Verteidigung, kurze-Seite-Verteidigung, Tarrasch-Regel), die im ersten Kapitel des Buches behandelt werden und zweitens die Notwendigkeit Turmendspiele mit Bauern richtig einzuschätzen. Insbesondere diese 'Disziplin' gilt in den Endspielen im Allgemeinen als essentiell für das Erreichen vieler halber Pünktchen. Und genau diesem Thema widmet sich der Autor primär, bevor er zu den Doppelturmendspielen kommt:

    • 1 Basic Rook Endings
    • 2 Rook and Pawn Endings (Pawns on One Side of the Board)
    • 3 Rook and Pawn Endings (Pawns on Both Sides of the Board)
    • 4 Double Rook Endgames


    Beispiel 1, Gelfand - Karpow, Reggio Emilia 1991/92


    In this example Karpov puts Boris Gelfand's technique to the test. The Belarussian grandmaster doesn't disappoint.
    1. ... Tb2
    After 1...Td1+ 2.Txd1 Kxd1 White can play 3.Kf2! and 4. h3, leading to an immediate draw.
    2. Tf1 Ke3 3. Ta1 Tg2+
    After 3... Tb3 Black must be careful not to fall into the trap 4. Te1+? Kf4 5. Ta1 g3!, when White is losing after 6. Ta4+ Ke3 7. Ta1 g2. Instead White should play 4. Tc1!. 4. Kh1 g3 The only way to make any progress.
    5. Ta3+ Kf4 6. Ta4+ Kf5 7. hxg3 Txg3 8. Kh2 Tg4 9. Ta5+!
    Not 9. Txg4 Kxg4 10. Kh1 Kh3! and Black wins the king and pawn endgame.
    9. ... Kf4 10. Ta4+ Kg5 11. Ta3 f2 12. Tf3 Tf4 13. Txf4

    1/2

    Beispiel 2, Shabanov - Landa, Russian Ch (Elista) 1996

    In the following example White is winning very easily. White's rook has much more scope than its counterpart. If Black's king sits on the kingside, then White usually has a choice of winning plans. Both rushing his king to attack Black's rook and forcing Black's king to give way via zugzwang are good enough for victory. Black can only relieve his rook from its duty by moving his king all the way to the queenside. However, this would then allow White a free hand to attack the black pawns on the kingside.

    1. Ta4!
    Showing the range that White's rook enjoys. Here it keeps an eye on the f4-pawn and thus prevents ... Kh4.
    1. ... h5 2. Kg1 Kf5 3. Kf2 Ke5 4. Ke2 Kd5 5. Kd3!
    There is no need for 5. Txf4 Txa6 6. Tf5+, although to be fair that would also win. After the text-move, depending on where Black's king goes, White will either move his king towards the passed pawn or towards Black's kingside pawns, both with decisive effect.
    5. ... Kc6
    Black can attempt to resist the inevitable with 5... Ke5 but after 6. Kc4 Kd6 White has many ways to win; for example, 7. Kd4 g5 8. Ke4 Ke6 9. Ta5 h4 10. Ta1, when Black is in zugzwang and must give way.
    6. Ke4 Kb5 7. Ta1
    The king and pawn endgame after 7... Txa6 8. Txa6 Kxa6 9. Kxf4 is trivial. Black can finally block the a-pawn with his king after 7... Kb6 8. Kxf4 Tf7+ 9. Kg5 Ka7 10. Kxh5, but by this time he is three pawns down.

    1-0

    Als Nachschlagewerk zur Thematik auf jeden Fall geeignet, die Erläuterungen sind in Summe recht knapp gehalten und eignen sich meines Erachtens erst ab einem gehobeneren Spielniveau, hier dürfte dann aber das Wissenswerte prägnant zusammengefasst sein. In jedes Kapitel sind, wenngleich auch nicht zahlreich ein paar Übungsaufgaben gestreut. Die Leseprobe.



    Autor: Reinhold Ripperger, Hendrik Tabatt, Mario Ziegler
    Titel: Endspielstrategie für Siegertypen

    ISBN: 978-3-9811905-0-2
    ChessCoach Verlag , 326 Seiten
    deutsch

    "Positionen, die in der Schachliteratur seit Jahrzehnten als 'geklärt‘ galten, haben wir neu bewertet.", ist vollmundig im Vorwort der ChessCoach-Autoren zu lesen, von denen bereits Reinhold Ripperger mit seiner CD-Publikation zum Zweispringerspiel (siehe hier) aufgefallen ist. Doch bevor wir dazu kommen, werden auf 28 Seiten die Grundlagen behandelt, die 'natürlich' die wichtigsten Elemente der Bauernendspiele erläutern. Danach teilt sich das Buch primär in zwei Teile: "Prinzipien" und "Der Wert der Steine", bei denen Stellungen aus insgesamt 154 Partien untersucht werden. Um es vorweg zu nehmen leidet Lesefluss ein wenig am nicht optimalen Zweispaltenlayout, "zu eng" sind die Zeilen (Diagramme sind ausreichend) angeordnet, zu oft kann es passieren, dass man das Wesentliche überliest, weil es nicht deutlich genug hervorgehoben wird. Ein nicht zu unterschätzender Anteil an Endspielstellungen wird in einem Stadium untersucht, dass bei manchem Autor als noch nicht "rein" genug interpretiert worden wäre und für den ein oder anderen als Mittelspielstellung klassifiziert wird. Dafür bekommt der Leser den Weg zum entstehenden Endspiel teilweise auch textuell sehr ausführlich erläutert ... Aber nochmal zurück zur Aussage des Vorworts, die ich beim Verlag hinterfragte und die Information erhielt, dass die Partien Tal - Smirin, Dolmatow - Beliavsky und Capablanca - Torre gegenüber früheren Analysen neubewertet wurden. In einigen anderen Partien wie zum Beispiel Kramnik - Krasenkow, Wijk aan Zee 2003 konnten die Bewertungen in verschiedenen Positionen der Schlussphase verbessert werden. Vom Inhalt her würde ich das Buch zwischen Donevs "wichtigsten Ideen im Endspiel" und Müllers "Grundlagen der Schachendspiele" einsortieren. Es handelt sich hierbei jedenfalls nicht um Nachschlage- oder Referenzwerk, sondern die Autoren unternehmen den Versuch Konzepte zu vermitteln. Leseprobe gefällig? Bitte, hier.

    Zum Ende dieses Artikels kehren wir nochmal zum Anfang zurück, zum Anfang der Spiele ...


    Autor: Ulrich Schlüter (Herausgeber)
    Titel: Spiele der Menschheit

    ISBN: 978-3-89678-615-9
    Primus Verlag, 224 Seiten
    deutsch, gebunden

    Ulrich Schlüter, der Direktor des Schweizer Spielemuseums hat einen Teil seiner Ausstellung nochmal ausgestellt und zwar in der hier vorliegenden Buchform, die 5000 Jahre Kulturgeschichte der Gesellschaftsspiele Revue passieren lässt. Das liebevoll gestaltete Buch, dass zum Anlass des 20-jährigen Bestehens des Schweizerischen Spielmuseums veröffentlicht wurde hat keineswegs den Anspruch einen erschöpfenden Einblick zur Materie zu liefern, bietet aber eine Reise über Würfelspiele, Glücksspiele hin zu den Brettspielen. Dabei wird Backgammon - als eines der ältesten Brettspiele der Welt - ein eigenes Kapitel gewidmet, das die Geschichte beleuchtet. "Vielleicht war das Spiel nie populärer als im Mittelalter", weiß der Autor indirekt vom heute fast vergessenen Strategiespiel zu berichten. Über afrikanische und fernöstliche spielerische Betätigungsmöglichkeiten gelangt der Betrachter zu dem Abschnitt, der die meisten Leser hier interessieren dürfte: Schachspiele - Weltspiele. Das Kapitel, dass vom bekannten Historiker Ernst Strouhal bearbeitet wurde, umfasst letzten Endes zwar nur 8 Seiten, würdigt auf diesen aber das Kulturgut Schach aber ausreichend. Allein wegen diesem Beitrag werden kulturell interessierte Schachspieler das Buch nicht kaufen, aber der 19 Beiträge umfassende Band ist für alle, die auch über "das Brett" auf die Spielevielfalt hinausschauen eine echte Empfehlung! Übrigens wird die Spielesammlung in La Tour-de-Peilz natürlich durch eine gut ausgestattete Bibliothek ergänzt, ein Schmankerl ist hierbei die Ken Whyld-Sammlung.

    (C) 2008, Frank Große
    redaktion@schachlinks.com
 
Autor: Frank Große
 
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